Deutscher Logistik-Kongress Logistik digital: Strategien und nachhaltige Prozesse

Autor: Thomas Günnel

Beim Deutschen Logistik-Kongress ging es vor allem um die Digitalisierung der Branche und die richtigen Strategien. Ein Automobilhersteller erhielt dafür einen Sonderpreis.

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So sieht moderne Logistik aus: Der „LoadRunner“ ist bis zu 25 m/s schnell und kann sich im Schwarm organisieren. Im Bild: Zwei der Fahrzeuge transportieren ein Bauteil.
So sieht moderne Logistik aus: Der „LoadRunner“ ist bis zu 25 m/s schnell und kann sich im Schwarm organisieren. Im Bild: Zwei der Fahrzeuge transportieren ein Bauteil.
(Bild: Fraunhofer IML)

Noch mehr Infos alleine werden nicht viel ändern: Diesen Ansatz verfolgt Volkswagens Konzernlogistik mit dem Programm „Digitaler Blick“. Beim Logistik-Kongress 2020 erhielt die Geschäftseinheit dafür von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e. V. den Sonderpreis „Digitalisierung der Logistik“.

Was steckt hinter dem Programm? Vor allem ein digitales Mindset. „Wir haben den Zugang zur Digitalisierung ermöglicht, indem wir auf der persönlichen Ebene die Vorteile der Digitalisierung aufgezeigt haben: für Selbstorganisation und Zusammenarbeit. Unsere Mitarbeiter konnten so leichter in das Thema einsteigen – und mit vielen motivierenden Erfolgserlebnissen“, erklärt Jochen Kemper, Leiter des Logistik-Campus der Konzernlogistik und Programmverantwortlicher „Digitaler Blick“.

Das war vor zwei Jahren – beim Projektstart eines umfangreichen Qualifizierungs-, Sensibilisierungs- und Kulturprogramms mit Angeboten und Veranstaltungen für die Konzernlogistiker. Im Programm konnten sich alle Mitarbeiter mit dem Thema Digitalisierung vertraut machen.

Podcast, Chat und Co.

Auf eine spezielle Kommunikationskampagne mit dem Namen „Diese Digitalisierung? Das machen doch die anderen!“ folgten eine Mitarbeiterversammlung, eine interaktive Website, Live-Chats, spezielle Formate für Führungskräfte, Präsenzvorträge mit Skype-Übertragung und etliche digitale Lernmöglichkeiten mit „ganz vielen kleinen, aber umso aufschlussreicheren Aha-Effekten“, informiert der Automobilhersteller. Außerdem gab es in der Folge einen Logistik-Campus-Podcast, Tutorials und Homeoffice-Guides – etwa zu den Funktionen von Microsoft Teams oder des geschäftlichen Iphones. Die Inhalte des Programms will Volkswagen weiter um neue Formate ergänzen.

„So wie ein Fotograf mit einem fotografischen Blick ein gutes Motiv erkennt, brauchen unsere Mitarbeiter den digitalen Blick. Um digitale Entwicklungspotenziale für den eigenen Arbeits- und Fachprozess zu identifizieren und nutzen zu können, brauchen sie neben Hintergrundwissen und Praxiserfahrung auch eine offene Einstellung gegenüber der Digitalisierung“, sagte der damalige Leiter der Volkswagen-Konzernlogistik, Thomas Zernechel.

Die Digitalisierung in der Logistik hat aber noch weitere Vorteile. Einer davon: nachhaltige Prozesse. Zum Beispiel lassen sich mit dem Austausch von Echtzeitdaten Leerkilometer reduzieren. Wie das geht, erklärte Serge Schamschula vom European Freight & Logistics Leaders Forum. Echtzeitdaten schaffen die nötige Transparenz, um Spediteure dynamisch wählen zu können. So sehen Unternehmen, welcher Spediteur in der Nähe Transportkapazitäten verfügbar hat. Wählen sie dann diesen, statt einen anderen erst kilometerweit anfahren zu lassen, reduziert das CO2-Emissionen und spart Transportkosten.

Eine dynamische Planung und laut Unternehmen bis zu zehn Prozent geringere CO2-Emissionen ermöglicht die Routenoptimierungssoftware „GreenPlan“ der DHL. Sie beachtet unter anderem den Verkehrsfluss und passt die Touren entsprechend an.

Alleine und im Schwarm

Potenziale stecken zudem in der Intralogistik. Ein Beispiel ist der vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik entwickelte Prototyp des autonomen High-Speed-Fahrzeugs „LoadRunner“, das sich mit bis zu 25 Metern pro Sekunde frei im Lager bewegen kann. Außerdem kann es sich hochdynamisch mit bis zu zehn Metern pro Sekunde im Schwarm organisieren und sich bei Bedarf für Transportaufträge koppeln.

Künstliche Intelligenz erlaubt es ihm außerdem, selbstständig Aufträge anzunehmen und zu verhandeln. „Das schafft Flexibilität, verringert die Prozessdauer und entlastet die Mitarbeiter, die sonst die Waren bewegen“, so Christian Prasse vom Fraunhofer-Institut.

Apropos Mitarbeiter: „Menschen machen Logistik“, betonte Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL, auf der Veranstaltung. Damit der Wandel in der Logistik gelinge, müssten die Beschäftigten und die Bevölkerung einbezogen werden. Dass das Thema im Bewusstsein ist, glaubt Jakub Piotrowski, Leiter Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei der BLG Logistics Group. Demnach achten immer mehr Kunden auf entsprechende Aspekte, wenn sie ihre Logistikpartner wählen – „ein deutliches Zeichen, dass die Bemühungen der Logistik Resonanz finden!“

Klimadaten in die Logistik einbeziehen

Rein technisch betrachtet ermöglicht es die Digitalisierung, die aktuelle Krise zu nutzen: um Risiken in der Supply Chain zu identifizieren und zukunfts- und widerstandsfähige Lieferketten zu gestalten. „Hätte die Coronakrise vor zehn Jahren stattgefunden, hätten wir alt ausgesehen“, kommentierte Günther Jocher, Vorstand des Logistikdienstleisters Group7.

Ein Beispiel für ein digitales Risiko-Management ist das im Testlauf befindliche Tool „MightyGate“, das Yvonne Ziegler von der Frankfurt University of Applied Sciences vorstellte. Die Software ist insbesondere auf die Anforderungen von Pharmaunternehmen und Logistikern ausgelegt: Mit ihr lassen sich mögliche Risiken entlang der Supply Chain digital aufzeigen. Das Programm „Climate Excellence“ der Wirtschaftsprüfgesellschaft PwC nutzt umfassende Daten für Prognosen. Es veranschaulicht die künftige Situation eines Unternehmens und berücksichtigt dabei Szenarien der Erderwärmung.

Global oder lokal?

In der Krise zeigte sich jedoch deutlich, wie sehr deutsche Unternehmen teilweise von Märkten wie China und Indien abhängig sind. Brauchen wir also mehr Produktionsstandorte in Deutschland? Christoph Beumer, CEO der Beumer Group, hält es für wichtig, globale Wertschöpfungsketten zu hinterfragen. Schließlich lasse sich noch nicht abschätzen, ob die Globalisierung, wie wir sie heute kennen, aufgrund der Veränderung des politischen Klimas weltweit zukunftsfähig ist.

Auch Thomas Panzer, Head Supply Chain Management für pharmazeutische Produkte bei Bayer, beobachtet diese Entwicklung. Für sein Unternehmen steht „die Versorgungssicherheit (…) an allererster Stelle. Das schließt auch regionale Produktionsstandorte nicht aus.“ Alles zu relokalisieren, hält er jedoch für den falschen Weg, da auch regionale Lieferketten anfällig sind. Die bessere Lösung für ihn: der Ausbau starker internationaler Netzwerke.

Höhere Wertschöpfung in Deutschland

Ähnlich sieht es Christoph Bornschein, CEO der TLGG Group. Er erwartet eine Entwicklung hin zu hybriden Lieferketten und Konzepten mit Back-up-Systemen, aus denen dann die jeweils günstigste Lösung gewählt werden kann. Außerdem sieht er mehr Lagerhaltung und mehr Wertschöpfung in Deutschland.

Für die Teilnehmenden des Logistik-Kongresses steht fest: Die Herausforderungen der Krise sind keine nationalen. Sie betreffen Supply-Chain-Beteiligte weltweit. Alleingänge hält auch Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, für den falschen Weg: „Mobilität und fließende Warenströme sind für unsere Gesellschaft überlebenswichtig. Wir dürfen die Grenzen nicht wieder schließen.“

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Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE