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Fahrbericht Mercedes-Benz CLA 200: Der geschrumpfte CLS

| Autor: Jens Scheiner

Die zweite Generation des Mercedes-Benz CLA sieht dem großen Bruder CLS zum Verwechseln ähnlich, ist allerdings lange nicht so sportlich. In Sachen Infotainment hat der kleine Bruder allerdings die Nase wiederum vorne. Wir haben das viertürige Coupé mit 163 PS getestet.

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Wir haben die zweite Generation des viertürigen Mercedes-Benz CLA getestet.
Wir haben die zweite Generation des viertürigen Mercedes-Benz CLA getestet.
(Bild: Jens Scheiner/»Automobil Industrie«)

Coupés sehen zwar meist sportlich aus, sind aber mit ihren zwei Türen oft sehr unpraktisch. Vielleicht einer der Gründe warum Mercedes-Benz im Jahr 2013 das Segment mit viertürigen Coupés eingeführt hat. Daneben wollten die Stuttgarter das angestaubte Image der A-Klasse aufpolieren, um so die Marke für junges Publikum attraktiv zu machen. Das ist den Stuttgartern gut gelungen: Die erste CLA-Coupé-Generation, darunter auch der Shooting-Brake, verkaufte sich mehr als 750.000 Mal. Da ist es nur logisch, dass Daimler mit der zweiten Generation an den Erfolg anknüpfen will. Zumal die Konkurrenz mit dem BMW 2er Gran Coupé, das im Laufe dieses Jahres erscheinen soll, und dem Kia ProCeed noch recht überschaubar ist.

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Mehr Platz im Innenraum

Anfang Januar rollte die zweite Generation des viertürigen Coupés in Las Vegas auf die Bühne, ein halbes Jahr später nun auf unseren Hof. Auf den ersten Blick wird sofort die Ähnlichkeit zum großen Luxus-Coupé CLS deutlich: Die tief nach vorne und endlos langgezogene Motorhaube mit der aggressiv gesenkten „Shark Nose“ sowie die flachen Scheinwerfer, die optional als „Multibeam LED“-Lichter die Fahrbahn bei Nacht taghell ausleuchten, sehen dem großen Bruder zum Verwechseln ähnlich. Daneben hat Mercedes das Coupé im Vergleich zu seinem Vorgänger um insgesamt fünf Zentimeter gestreckt, dadurch wirkt die Linienführung noch etwas harmonischer und weicher. Das gilt auch für das Heck, obwohl die Designer dies ebenfalls um fünf Zentimeter verbreitert haben. Trotz der ausladenden Hüften mit den breiten Schultern sind die Übergänge sehr fließend gezeichnet.

Die veränderten Abmessungen wirken sich auch positiv auf die Platzverhältnisse im Innenraum aus: Der seitliche Bewegungsspielraum der Schultern und Ellbogen ist nun deutlich größer. Man fühlt sich in der zweiten Reihe nicht mehr ganz so eingequetscht wie bisher und Passagiere mit einer Körpergröße bis 1,80 Meter haben ausreichend Beinfreiheit. Größere hingegen stoßen nicht nur mit ihrem Knie schnell am Vordersitz an, sondern streifen auch mit ihrem Kopf hin und wieder den Dachhimmel. Dagegen konnte trotz der minimal veränderten Höhe (minus 2 mm) die Kopffreiheit vorne spürbar erhöht werden. Der Trick: eine tiefere Sitzposition. Neben der Höhe ist auch das Kofferraumvolumen ein wenig geschrumpft: von 470 auf 460 Liter; für ein Coupé aber weiterhin ein passabler Wert.

Komfortabler Gleiter statt rassiger Renner

Die neuen Proportionen mit der verbreiterten Spur vorne (63 mm) und hinten (55 mm) wirken sich positiv auf das Fahrverhalten aus. Das Coupé liegt stramm aber dank des adaptiven Fahrwerks gleichzeitig entspannt auf der Straße, ohne dabei schwammig zu sein. Besonders im Komfort-Modus gleitet das Fahrzeug gelassen vor sich hin. Das Fahrwerk bügelt Fahrbahnunebenheiten gekonnt weg und die Lenkung ist angenehm leicht. Allerdings ist die Rückmeldung etwas indirekt. Das ändert sich, wenn man in den Sportmodus schaltet: Lenkbefehle werden spürbar schneller an die Vorderachse weitergegeben und die Dämpfer deutlich härter. Das macht sich besonders bei höherer Geschwindigkeit bemerkbar. Das Coupé lässt sich zuverlässig und stabil durch enge Kurven steuern.

Zum Sportler wird der CLA 200 dennoch nicht, denn der 1,3 Liter-Vierzylinder mit seinen 120 kW/163 PS kommt nur schwer in die Gänge. Die Leistungsentfaltung wirkt zäh und schwach. Das liegt auch am Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, dass beim Anfahren die Kraft ruckelig überträgt und beim Ausdrehen der Gänge gequält laut aufschreit. Insgesamt wirken das Aggregat schwach und angestrengt und die Übersetzung unsouverän. Sobald man Geschwindigkeit aufgenommen hat, schwimmt der Daimler allerdings geschmeidig im fließenden Verkehr mit. Wind- und Fahrbahngeräusche im Innenraum sind selbst bei 180 km/h ohne Probleme auszuhalten und Gespräche mit normaler Lautstärke möglich. Ab 190 km/h werden die Geräusche dann deutlich lauter, allerdings aus dem Motorraum, denn dann kommt der Motor in den kritischen Drehzahlbereich. Deshalb haben wir bei 218 km/h den Fuß vom Gas genommen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt übrigens bei 229 km/h. In diesem Geschwindigkeitsbereich braucht das Coupé über elf Liter Super, während sich der Verbrauch auf der Landstraße bei acht Litern auf 100 Kilometer einpendelt. Damit ist der Daimler eher Mittelmaß.

Überarbeitetes MBUX-Infotainmentsystem

Wesentlich fortschrittlicher ist da schon das Infotainmentsystem MBUX mit dem Widescreenmonitor, das die Ingenieure nochmal überarbeitet haben. Das Navi zeigt nun ein reales Außenbild an und mittels eingeblendeten Pfeilen und Linien weiß der Fahrer genau auf welcher Spur er fahren und wann er abbiegen soll. Das System funktioniert hervorragend und die Darstellung auf dem Display ist gestochen scharf. Daneben hat auch die Sprachsteuerung ein Update bekommen: Die Assistentin soll sich von angeregten Unterhaltungen unterschiedlicher Fahrgäste nicht verwirren lassen und nur noch auf Sprachbefehle desjenigen reagieren, der das System zuletzt bedient hat. So kommuniziert es Daimler. Bei Fahrer und Beifahrer hat das auch wunderbar geklappt. Mit den Sprachbefehlen aus dem Fond, kam das System nicht gut zurecht. Gut, dass es ähnlich wie Alexa dazulernt.

Dadurch soll die Sprachassistentin auch deutlich komplexere Fragen wie beispielsweise „Wann kommen wir am Zielort an?“ oder „Welches ist die schnellste Route nach Würzburg?“ beantworten. Die Dame am anderen Ende der Leitung quittiert die Fragen mit einer kurzen und knappen Antwort. Daneben reagiert der CLA nun auch auf Handbewegungen: Eine Kamera im Innenraum reagiert auf die Gestik des Fahrers und Beifahrers. Im Test hat das leider nicht funktioniert, sodass wir die Einstellung über den Touchscreen vornehmen mussten. Nach wie vor stehen dem CLA die berührungsempfindlichen Tasten am Lenkrad und das Touchpad für unterschiedliche Funktionen zur Verfügung. Insgesamt hat das System so seine Schwächen, ist aber definitiv eines der innovativsten auf dem Markt.

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Innovativ sind die Stuttgarter auch bei der Preisgestaltung: Der CLA 200 startet bei 33.588 Euro. Mit einigen Extras sind die 40.000 Euro schnell geknackt. Dafür bekommt man allerdings ein sehr stylisches Coupé mit einem Top-Infotainmentsystem. Allerdings ist der 1,3-Liter-Benziner mit seinen 120 kW/163 PS etwas schwach auf der Brust und das Getriebe trägt auch nicht gerade zur Fahrfreude bei.

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Über den Autor

 Jens Scheiner

Jens Scheiner

Redaktioneller Mitarbeiter Online/Print, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE