Entwicklung Mercedes Marienfelde: Große digitale Pläne

Von Thomas Günnel 5 min Lesedauer

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Elektrische Axial-Fluss-Motoren, künstliche Intelligenz, humanoide Roboter: Das ist in Kürze die Zukunft des Mercedes-Standortes Berlin-Marienfelde. Mitte März gab der Autohersteller einen Ausblick.

Roboter Apollo bekam die meiste Aufmerksamkeit. Am Standort Marienfelde entwickelt Mercedes aber noch an weiteren Themen.(Bild:  Mercedes-Benz)
Roboter Apollo bekam die meiste Aufmerksamkeit. Am Standort Marienfelde entwickelt Mercedes aber noch an weiteren Themen.
(Bild: Mercedes-Benz)

Vor rund drei Jahren etablierte Mercedes den Standort Berlin-Marienfelde als Kompetenzzentrum für die Digitalisierung der Produktion. Im Digital Factory Campus entstehen seitdem in einer realen Produktionsumgebung Software, Produktionsprozesse und -funktionen; und hier testen die Menschen vor Ort diese Entwicklungen – ehe sie auf die Montagelinien der Werke ausgerollt werden. Zu ihren Aufgaben gehört auch, die Software in der Produktion des Autoherstellers zu implementieren – zum Beispiel beim Anlauf des neuen Mercedes-Benz CLA im Werk Rastatt. Es ist das erste Auto des Konzerns mit dem Betriebssystem „MB.OS“. Die Weltpremiere war vor wenigen Tagen.

 Diese „digitalen Pioniere“, wie Mercedes sie nennt, stammen teils aus der früheren Mannschaft. „Wir haben in der Belegschaft in Marienfelde gefragt: „Wer hat Interesse an einer Weiterentwicklung?“, blickte Produktionsvorstand Jörg Burzer zurück. „50 Kollegen haben sich gemeldet – wir haben sie zu Junior-Softwareentwicklern ausgebildet. Vorher waren sie Maschinenführer im Bearbeitungszentrum – jetzt setzen sie digitale Prozesse weltweit um.“ 

Inzwischen gibt es die dritte Runde dieser Weiterbildung, andere Werke folgen. Und: „Es gibt ein Netzwerk, in dem sich die Leute gegenseitig helfen“, sagte Burzer. Interessant auch: „Wir haben früher viel mit externen Beratern gearbeitet – den wirklichen Push haben wir bekommen, weil jetzt Leute mit Ahnung von den Produktionsprozessen die Programmierung machen“, beschreibt der Produktions-Chef.

Chatbot und humanoide Roboter

Das Ökosystem in dem all das passiert ist MO360. Darin vereint Mercedes Apps und Daten seines Produktionsnetzwerks. Neuerungen hier: KI-gestützte Funktionen wie das „Digital Factory Chatbot Ecosystem“ und die „MO360LLM Suite“. Außerdem humanoide Roboter des US-amerikanischen Unternehmens Apptronik. „Einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ will Mercedes in das Unternehmen investieren. Konkret: In die Entwicklung humanoider Roboter. Die ersten Modelle – weniger als zehn –arbeiten bereits testweise im ungarischen Kecskemet und Berlin.

Die rund 1,73 Meter großen und 73 Kilogramm schweren „Apollo“-Roboter mit menschlichem Aussehen haben in einer Test-Produktionsumgebung Daten gesammelt, um für Tätigkeiten in der Produktion zu trainieren. Beschäftigte vor Ort mit praktischer Produktionserfahrung haben ihr Wissen mittels Teleoperation und Augmented Reality auf Apollo übertragen. Als nächstes lernen die Roboter autonom zu agieren. Technologisch wäre das ein wichtiger Meilenstein. 

„Der große Vorteil humanoider Roboter ist ihre Flexibilität, sie sind nicht an einen Ort gebunden“, sagte Jörg Burzer. Und: „Die KI im Hintergrund macht die Roboter nahezu fehlerfrei, zum Beispiel beim Picking, also dem Aufnehmen von Teilen aus Logistikboxen. Bis zu 25 Kilogramm können die Roboter tragen. Etwa vier Stunden laufen sie – im Wortsinn – mit einem Akkupack.

Jobs für humanoide Roboter bei Mercedes

Die Vision der menschenleeren Fabrik in der täglich tausende Roboter umherlaufen gibt es aber nicht. „Am Ende wird es die gleiche Entwicklung sein wie bei Rohbaurobotern“, beschreibt Burzer. Über die diskutiert heute – zurecht – auch niemand mehr. Das realistische Ziel: Die Roboter sollen sich wiederholende Tätigkeiten erledigen. Zum Beispiel Komponenten oder Module zur Produktionslinie transportieren, erste Qualitätsprüfungen erledigen oder kleine Montagetätigkeiten. Vorstellbar sei aber perspektivisch auch ein Einsatz „überall dort, wo Fachkräfte fehlen“, sagte Burzer.

Vorausgesetzt, die Roboter beherrschen die jeweiligen Aufgaben. „Es gibt viele Tätigkeiten, die nur Menschen tun können – und das ist auch wichtig“, merkte Jörg Burzer an. Ein Kriterium für den Einsatz der Roboter: ihr Preis. Ein „zweistelliger Tausend-Euro – oder Dollar-Betrag“ pro Roboter sei denkbar. Die Weiterentwicklung der Roboter in den vergangenen Monaten beschrieb der Produktionschef als „mind-blowing“, überwältigend: bei Mechanik und Hydraulik und der zugrunde liegenden KI-Software.
Apptronik wurde im Jahr 2016 gegründet, im Human Centered Robotics Lab der University of Texas in Austin. Seit Dezember 2024 arbeitet das Unternehmen mit dem Robotikteam von Google „DeepMind“ zusammen.

Smarte Assistenten im Produktionsalltag

Eine weitere Neuheit im Produktionsumfeld ist „MO360 AI Factory“. Damit bindet Mercedes KI direkt in die Produktion ein – für alle nutzbar. Dazu gehört das „Digital Factory Chatbot Ecosystem“, eine Mercedes-Eigenentwicklung. Vereinfacht gesagt greifen die Beschäftigten damit auf Produktionsdatenbanken zu, indem sie per Chat Fragen stellen: zur Maschinenwartung oder zu Best-Practice-Methoden für Fertigungsprozesse. Die KI liefert laut Mercedes präzise Antworten in mehreren Sprachen.

Echtzeitanalyse mit Agenten

Eine weitere KI-Entwicklung aus Marienfelde sind virtuelle Multi-Agenten. Heißt: KI-gestützte virtuelle Assistenten analysieren komplexe Daten in Echtzeit – und helfen zum Beispiel dabei, die Ursache plötzlicher Qualitätsabweichungen in der Produktion schnell zu erkennen. Die manuelle Ursachenanalyse entfällt. Stattdessen nutzen die Ingenieurinnen und Ingenieure KI-Agenten eines virtuellen Data-Science-Teams. Diese KI-Agenten analysieren verfügbare Daten, identifizieren Muster und Anomalien und liefern fundierte Analysen und Lösungsvorschläge.

Event zum thema: Smart Factory Day 2026

(Bild: Vogel Communications Group)

Wie entwickelt Mercedes-Benz Software und Prozesse für die Produktion? Wie entsteht der neue Axialflussmotor? Wir schauen uns beides an: In einer individuellen Werksführung im Digital Factory Campus in Berlin-Marienfelde. Wann? Am 10. und 11. Juni beim Smart Factory Day.
Wir diskutieren außerdem darüber, wie humanoide Roboter und Künstliche Intelligenz die Fabrikwelt verändern – und was das für die Menschen in den Fabriken bedeutet. Die zweite Diskussion dreht sich um resiliente Lieferketten. Besetzt sind beide Diskussionen mit hochkarätigen Vertretern von Automobilherstellern und -Zulieferern.
Zusätzlich: Praxisberichte zu automatisierter Kabelsatzproduktion und -montage, digitale Zwillinge, Automation in der Produktion von Batterien und E-Motoren, eine Startup-Session, eine Ausstellung mit Produkten zum Anfassen; Neues zu Datenanalyse und maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz. 
Das alles beim Smart Factory Day – dem Event mit Expertenwissen aus der Automobilindustrie für die Automobilindustrie.

Alle Infos gibt´s auf www.smart-factory-day.de.

35 neue Prozesse für den E-Motor

Marienfelde steht aber noch für etwas anderes: die Montage von Axial-Fluss-Motoren des Unternehmens Yasa, das zu Mercedes gehört. Dabei bleibt es. Ab 2026 soll laut Mercedes am Standort der Motor vom Band laufen. Er soll „E-Autos des oberen Segments“ antreiben, vor allem AMG hat Mercedes in diesem Zusammenhang schon früher genannt. Die Fertigung des Motors umfasst rund 100 Produktionsprozesse. Knapp 65 dieser Prozesse sind für Mercedes-Benz neu, 35 sind eine Weltneuheit.

Ein Beispiel ist der circa vier Millimeter breite Kupferdraht für die Spulen. Der wird serienreif entlang der schmalen Kante gebogen, ohne dass er knickt. Die neuen Produktionsprozesse sind größtenteils intern entstanden – sie resultierten in mehr als 30 Patentanmeldungen. „Einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ hat Mercedes laut Jörg Burzer in das Thema investiert.

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Neue Aufgaben für Marienfelde

Für die Beschäftigten in Marienfelde sind das gute Nachrichten. Noch vor knapp vier Jahren stand das Werk in seiner alten Form vor dem Aus. Die Fertigung von Sechszylinder-Dieselmotoren endete, Nockenwellen und Kraftstoffleitungen entstanden ebenfalls nicht mehr hier. Heute bauen die Menschen am Standort unter anderem Komponenten der Ventilhubverstellung Camtronic, Getriebekomponenten und die Antriebseinheit für das E/E-Compartment des EQS. 
In Marienfelde arbeiten aktuell rund 1.900 Menschen. Für die Fertigung des Axial-Fluss-Motors sind „einige hundert“ notwendig. Viele von ihnen dürften aus der Komponentenfertigung für Verbrenner-Modelle in den kommenden Monaten zur Fertigung des Axial-Fluss-Motors wechseln.