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Fahrbericht Porsche 718 Spyder: Viel Handarbeit

| Autor: Jens Scheiner

Sechs-Zylinder-Sauger mit 420 PS, manuelles Sechsgang-Getriebe und Open-Air-Feeling der besonderen Art. Der 718 Spyder ist alles andere als ein gewöhnlicher Porsche.

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Der Porsche 718 Spyder ist alles andere als ein gewöhnlicher Porsche.
Der Porsche 718 Spyder ist alles andere als ein gewöhnlicher Porsche.
(Bild: Jens Scheiner/Automobil Industrie)

Während beim 911er, Panamera, Cayenne und Co. das Fahrerlebnis zunehmend auf Komfort sowie Entertainment ausgelegt ist und Technik-Features dem Fahrer das Manövrieren der Sportwagen so einfach wie möglich machen sollen, ist beim 718 Spyder noch richtige Handarbeit gefragt.

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Die Details machen den Unterschied

Angefangen beim Stoffverdeck: Das befindet hinter den Sitzen unter zwei auffälligen Hutzen, die dem Spyder sein unverwechselbares Design verleihen. Wie beim 911er-Cabrio gibt es auch im 718-Spyder einen Schalter für das Verdeck. Wer allerdings denkt, dass sich beim Betätigen dieses Knopfes das Verdeck automatisch öffnet und auch wieder schließt, der tut gut daran sich das Handbuch zu schnappen oder ein Video-Tutorial anzuschauen und sich anschließend an die Arbeit zu machen: Knopf in der Mittelkonsole drücken, aussteigen, die im Stoff eingenähten Druckwippen ertasten, um die Haken in der Heckschürze zu entriegeln, Ohren des Verdecks leicht verdreht einklappen, die hintere Haube öffnen, das ganze Stoffpaket zusammen drücken und die beiden Klappen rechts und links schließen. Fertig!

Auf den ersten Blick wirkt der Spyder im Innenraum wie ein typischer Porsche: Die runde Instrumententafel im Cockpit bestehend aus zwei analogen und einer digitalen Anzeige, die analoge Uhr auf der Mittelkonsole sowie der gelungene Materialmix aus Alcantara, Glattleder und Aluelementen und deren durchweg sehr gute Verarbeitung. Sieht man allerdings genauer hin, fallen die kleinen Unterschiede auf und machen deutlich worauf Porsche im Spyder den Fokus gelegt hat: Purismus. Anstelle der konventionellen Türgriffe gibt es einfache Textilschlaufen und das Volant hat nicht einen einzigen Knopf oder Schalter. Zwar gibt es ein Infotainmentsystem, aber dessen Funktionen sind auf ein Minimum reduziert, sodass sich der Fahrer nicht von dem ganzen Technik-Schnick-Schnack ablenken lassen und sich auf das wesentlich in einem Sportwagen konzentrieren kann. Nämlich dem Fahrspaß, und davon bietet der 718 Spyder reichlich!

Sauger statt Turbo

Hinter den komfortablen Sportsitzen blubbert und knattert ein vier Liter Sechszylinder mit 309 kW/420 PS. Porsche verbannt beim 718 Spyder den allgegenwärtigen Turbo-Motor und setzt stattdessen auf einen klassischen Sauger, der von Drehzahlen lebt. Das Aggregat erreicht bei 5.000 bis 6.800 Umdrehungen pro Minute sein maximales Drehmoment von 420 Newtonmeter, ruft die maximale Leistung von 420 PS bei 7.600 Umdrehungen ab und kommt bei 8.000 Touren in den roten Bereich.

Jeden Tritt aufs Gaspedal quittiert der 718 Spyder nicht nur mit einer enormen Beschleunigung, sondern mit einer opulenten Klangkulisse aus der Sportauspuffanlage und schneidet damit dem Fahrer ein breites Grinsen ins Gesicht. Gekoppelt ist das Aggregat mit einem sportlichen Getriebe: Auch hier verlangt Porsche vom Fahrer vollen Einsatz, wenn dieser den Ganghebel durch das manuelle Sechsstufige-Getriebe jagt, wobei die Schaltwege kurz, knackig und absolut präzise sind.

Für die Rennstrecke konstruiert

Mit dieser Kombination soll der 718 Spyder laut Datenblatt Tempo 100 in 4,4 Sekunden knacken und bei 301 km/h ans Limit kommen. Beim Testen auf der Autobahn haben wir die Zeit zwar nicht gemessen, aber der Porsche hat richtig schnell Fahrt aufgenommen. Auch haben wir uns mit einer maximalen Geschwindigkeit von 262 km/h zufriedengegeben. Bei diesem Tempo und unruhigem Asphalt wird jede noch so kleine Bodenwelle zur Herausforderung für die Bandscheiben, denn eigentlich ist das ultraharte Fahrwerk des Spyder für die Rennstrecke gemacht: Es stammt aus dem Schwestermodell Cayman GT4, ist 30 Millimeter tiefer und die Hinterachse ist mit einer Quersperre bestückt.

Mit Abrollkomfort punktet das Fahrwerk trotz adaptiver Dämpfer zwar nicht, dafür aber mit Präzision. Bei zügiger Fahrt über kurvenreiche Landstraßen spielt der Porsche sein Potenzial aus: Das puristische Volant liegt fest in der Hand, gibt Lenkbefehle direkt weiter und vermittelt viel Fahrbahnkontakt. Lediglich beim schnellen Beschleunigen aus spitzen Kehren, schlägt das Heck kräftig aus, um sich anschließend von den wenigen Helfern an Bord wieder einfangen zu lassen. Eine ebenso gute Performance liefert die Bremsanlage ab, die spontan anspricht, souverän verzögert und absolut kontrollierbar ist.

Zwischengas zuschaltbar

Für zusätzlichen Spaß lockt der sogenannte „Auto Blip“-Knopf in der Mittelkonsole. Ist er aktiviert, feuert die Elektronik beim herunterschalten Zwischengas-Salven los. Die Folge ist verständnisloses Kopfschütteln unbeteiligter Passanten. Der Sportwagen kann aber auch gemütlich: Bei entspannter Fahrweise schaltet sich im unteren Drehzahlbereich eine Zylinderbank ab. Die Zylinderabschaltung erfolgt dabei harmonisch und lautlos, macht sich aber beim Verbrauch umso stärker bemerkbar: Während beim Autobahnritt rund 16 Liter Super durch die Brennkammern gelaufen sind, hat die Digitalanzeige beim geschmeidigen Cruisen „nur“ rund zehn Liter angezeigt.

Wer sich allerdings ein Fahrzeug mit einem Grundpreis von 93.350 Euro leisten kann, dem sind Tankrechnungen herzlich egal. Für unseren Testwagen mit einigen Extras wie beispielsweise die LED-Hauptscheinwerfer inkl. „Porsche Dynamic Light System Plus“ (1.975,40 Euro) oder der „Park Assistent“ hinten inkl. Rückfahrkamera (1.166.20 Euro), muss man 110.000 Euro auf den Tisch legen. Dafür bekommt man allerdings einen puritischen Sportwagen, bei dem der Fahrspaß im Vordergrund steht.

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Über den Autor

 Jens Scheiner

Jens Scheiner

Redaktioneller Mitarbeiter Online/Print, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE