Suchen

Motorsport Engineering

Porsche vs. Tesla: Bestzeitjagd am Nürburgring

| Autor/ Redakteur: Benjamin Bessinger/SP-X / Maximiliane Reichhardt

Seit Porsche mit dem Taycan eine Rekordrunde am Nürburgring gefahren hat, fühlt sich Tesla-Chef Elon Musk herausgefordert und will beweisen, was ein Newcomer kann. Während er damit aber noch so seine Probleme hat, stichelt Porsche schon ganz subtil weiter.

Firmen zum Thema

Mit 7:42 ist der Taycan das schnellste viertürige Elektroauto auf dem Eifelkurs.
Mit 7:42 ist der Taycan das schnellste viertürige Elektroauto auf dem Eifelkurs.
(Bild: Porsche)

Es ist fast so spannend wie ein 24-Stunden-Rennen – nur zieht es sich schon über mehrere Wochen. Denn am Nürburgring tobt bereits den ganzen Herbst ein bizarrer Wettstreit zwischen zwei Gegnern, die eigentlich voneinander gar nichts wissen wollen. Und als wäre das noch nicht schon schräg genug, fahren sie nicht einmal direkt gegeneinander und schon gar nicht öffentlich, sondern tragen ein Geisterrennen aus, über das allenfalls Beobachter berichten. Die Protagonisten könnten allerdings kaum prominenter sein: Auf der einen Seite ist es Porsche, die Marke, die den Vollgas-Mythos gepachtet hat und sich als Gralshüter des Sportwagenbaus versteht. Und auf der anderen Seite ist es der kalifornische Newcomer Tesla und dessen Firmenchef Elon Musk, der quasi im Alleingang eine elektrische Revolution angezettelt hat, die alte Autowelt gerne als Steinzeit der Mobilität bezeichnet und Dinosauriern wie Daimler & Co das baldige Aussterben prophezeit.

Zwar mögen ein paar Porsche-Fahrer fürs gute Gewissen und vor allem fürs Image auch einen Tesla besitzen und umgekehrt sich ein paar Tesla-Fahrer nach dem Boxer-Sound und den Emotionen eines Elfers sehnen. Doch eigentlich gäbe es zwischen den beiden Rivalen am Ring kaum Berührungspunkte.

Bildergalerie

Bildergalerie mit 8 Bildern

Porsche: Rekordrunde mit dem Taycan

Zumindest nicht in der alten Welt. Doch die hat Porsche gerade verlassen und mit dem Taycan als erstem Elektroauto aus Zuffenhausen den Aufbruch in eine neue Zeit gewagt. Und wie es gute Sitte ist bei den Schwaben, haben sie auch ihr neuestes Modell auf die Nordschleife geschickt und – das ist ebenfalls fast so etwas wie eine betriebliche Übung – damit eine Rekordrunde absolviert: Mit 7:42 ist der Taycan das schnellste viertürige Elektroauto auf dem Eifelkurs und auch damit ein typischer Porsche. Denn natürlich haben solche Bestmarken vor ihm bereits diverse Varianten des Elfers, der Panamera, der Cayenne und erst Recht der 918 Spyder gesetzt.

Und wie üblich fühlt sich die Konkurrenz davon angestachelt. Nur dass der Taycan eben noch keine konventionellen Konkurrenten hat, sondern ihm einzig und allein das Tesla Modell S das Wasser reichen kann. Dass Projektleiter Stefan Weckbach gebetsmühlenartig beteuert, der Taycan sei nicht für den Wettbewerb mit Tesla gebaut, spielt dabei genau so wenig eine Rolle wie die Ignoranz, mit der Elon Musk für gewöhnlich der alten PS-Welt begegnet. Zumal sich der Tesla-Chef bereits zu einigen spöttischen, aber auch zu ein paar durchaus wohlwollenden Kommentaren über den Konkurrenten hat hinreißen lassen.

Die Konkurrenz des Taycan: Tesla Modell S

Und dann wollte er Taten sprechen lassen – und hat eigens zwei Model S in die Eifel fliegen lassen. Stark modifiziert und für die Rekordfahrt optimiert sowie mit dem so genannten Plaid-Antrieb ausgestattet, der mit drei Motoren und angeblich bald 800 PS in Serie gehen soll, wollten sie die Rundenzeit des Taycan knacken.

Für den ersten Anlauf gibt es zwar eine angebliche 7:23, die irgendein Zaungast von Hand gestoppt haben will und dann ins weltweite Netz posaunt hat, wo sie die Tesla-Jünger mit großem Jubel weitertragen. Doch genauso geistern Fotos durchs Internet, in denen jenes Rekordfahrzeug mit einer Panne liegen bleibt und ein Taycan-Testwagen seelenruhig Runde für Runde an dem havarierten Hoffnungsträger vorbeizieht. Und als die Amerikaner jetzt mit zwei noch stärker modifizierten Autos zurückgekommen sind und es angeblich sogar schon Slots für offizielle Zeitfahrten gab hat erst das Wetter nicht mitgespielt und dann der Fahrer. Denn zumindest einer der beiden Boliden mit riesigen Diffusor, noch größerem Heckflügel und so blickdicht verklebten Scheiben, dass man über das Innenleben nur spekulieren kann, wurde soweit aus der Strecke getragen, dass für ihn vorerst nicht mehr an einen Start zu denken ist. Und ob der andere es im gegebenen Zeitfenster noch schafft und ob dann auch noch Petrus mitspielt, ist mehr als fraglich.

Porsche punktet mit dem „Projekt Lion“

Aber auch Porsche konnte noch nicht so richtig punkten. Denn auf den direkten Wettbewerb mit dem Model S will sich der Taycan nicht einlassen, obwohl durchaus noch ein wenig Luft wäre. Schließlich wurde die Rekordrunde nur mit dem Turbo gefahren und nicht mit dem Turbo S, der 761 statt 680 PS Spitzenleistung hat und damit vielleicht noch ein paar Sekunden rausschinden könnte. Stattdessen versuchen sich die Schwaben in subtilen Nadelstichen und diskreditieren die Amerikaner auf andere Art und Weise – mit dem Projekt „Lion“. Das ist auf den ersten Blick nicht viel mehr als ein Geschenk, das sich die Porsche-Truppe zum 10. Geburtstag des Panamera selbst gemacht hat. Denn nachdem der Gran Tourismo in der Serie immer den Spagat zwischen Luxus und Leistung stehen musste, haben sich die Entwickler auf die Kerntugenden von Porsche besonnen und einen echten Sportwagen daraus gemacht.

Dafür haben sie von der Rückbank bis zur Klimaanlage alles ausgebaut, was nicht zwingend nötig ist, und so mal eben 250 Kilo eingespart. Und sie haben auch Rennreifen aufgezogen und vor allem nochmal am Motor gefeilt. Die 550 PS sind jetzt jedenfalls Geschichte und mit mehr als 750 PS steht der 4,0 Liter große V8-Turbo jetzt endlich wieder dort, wo er hingehört: An der Spitze. Es kann doch nicht sein, dass die Schwestermarke Lamborghini einen Porsche-Motor in ihren Geländewagen Urus einbaut und sich dann mit 651 PS am Spender vorbei mogelt, feiern die Porsches – natürlich ohne Namen und erst recht ohne offizielles Zitat den „Lion“ als Retourkutsche.

Das Tuning hat sich offenbar ausgezahlt: Denn wenn stimmt, was sie sich am Ring erzählen, hat der Löwe die Grüne Hölle in 7:11 Minuten durchmessen und damit nicht nur die offiziellen 7:38 des herkömmlichen Panamera pulverisiert. Sondern er hat auch bewiesen – und das ist der hübsche Seitenhieb gegen die Amerikaner – wie viel man noch herausholen kann, wenn man sich nicht an den Serienstand hält, sondern ein Auto speziell für Rekordfahrten präpariert. Das ist aber nicht nur ein Nadelstich gegen Tesla, sondern zugleich auch ein geschickter Schutzmechanismus fürs Porsche-Ego. Denn sollte es den Amerikanern doch noch zu einer offiziellen Zeit reichen und sollte der Taycan dagegen dann tatsächlich schlecht aussehen, tut es dann gleich nur noch halb so weh.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46203601)