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Insassenschutz Sicherheit im Fahrzeuginnenraum: Adaptiv und aktiv schützen

| Autor: Sven Prawitz

Aktive Sicherheitssysteme bieten zusätzlichen Schutz: Sie kommen bald häufiger im Innenraum zum Einsatz. Neben gesetzlichen Vorgaben könnten Shuttles die Entwicklung beschleunigen.

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Die Sicherungssysteme im Auto sind heute auf die aufrechte Sitzposition optimiert. Neue Sitzkonzepte fordern adaptive Systeme – die die Position der Insassen ermitteln können.
Die Sicherungssysteme im Auto sind heute auf die aufrechte Sitzposition optimiert. Neue Sitzkonzepte fordern adaptive Systeme – die die Position der Insassen ermitteln können.
(Bild: Tom Kirkpatrick/BMW)

Die ersten Konzepte hochautomatisierter Fahrzeuge zeigten zum Teil äußerst flexible Innenräume: bis zu 180 Grad drehbare Sitze, verschiebbare Mittelkonsolen und große Tische für Gesellschaftsspiele. Eines der jüngsten Beispiele ist der nach hinten kippbare Sitz mit Beinauflage, den BMW auf der Consumer Electronics Show (CES) zeigte.

Anhand dieser wenigen Beispiele wurde schnell klar: Mit einem gewöhnlichen Dreipunkt-Sicherheitsgurt lässt sich der Schutz der Fahrzeuginsassen nicht mehr gewährleisten.

Komplexe Anforderungen

All diese Konzepte stärkten außerdem das Bewusstsein, dass es nicht nur rein um Rückhaltesysteme für den menschlichen Torso geht: Auch die inneren Organe müssen geschützt werden. In aufrechter Sitzposition übernehmen das beispielsweise die Rippen. Prallt das Fahrzeug auf ein Hindernis, während sich die Insassen in einer liegenden Position befinden, werden die Organe längs des Körpers beschleunigt und haben kein „Korsett“, das sie in Position hält. Auch die im Jahr 2018 von Volvo gezeigte Sicherheitsdecke, unter der Insassen in Liegeposition Schutz finden sollen, wird das nicht verhindern können.

Vor allem die Zulieferer haben die Ansätze aus den Konzeptstudien weitergedacht und nutzen Sensoren zur Innenraumüberwachung. Grundsätzlich geht es darum, zu erkennen, welche Position die Insassen einnehmen, und ob der Fahrer das Fahrzeug aufmerksam steuert.

Sensoren für Insassenmonitoring

BMW nutzt zum Beispiel in einigen Modellen Infrarotsensoren, die das Gesicht des Fahrers erfassen. „Diese Infrarot-Kameras haben den Vorteil, dass sie bei Tag und Nacht gleichermaßen funktionieren und auch bei starker Sonneneinstrahlung beziehungsweise harten Schlagschatten gute Bildqualität liefern“, sagt Andrea Paggel, Head of Department Vehicle Electronics Components bei IAV.

Paggel wird auf der Fachkonferenz „SafetyWeek“ einen Vortrag über Monitoring in Fahrgastzellen halten. Dabei wird es auch um die unterschiedlichen Sensoren für solche Aufgaben gehen. Denn zusätzlich zu den Daten aus der Gesichtserkennung stehen weitere Informationen zur Verfügung – etwa von den Sensoren, die das Lenkverhalten ermitteln.

Aktuell werden laut Paggel verschiedene Sensoren untersucht: (Infrarot-)Kamera, Time-of-Flight-Kamera, WiFi, Radar und 3-D-Ultraschall. „Jedes System hat seine Stärken und Schwächen. Keines der Systeme ist für sich genommen verlässlich genug, dass es bei sicherheitskritischen Anforderungen eine 100-prozentige Verfügbarkeit bietet“, sagt die Expertin. Eine Sensor- und Datenfusion aus verschiedenen Systemen sei deshalb sinnvoll und vermutlich notwendig.

EU und Euro NCAP wollen regulieren

Wie das aussehen kann, zeigte der Zulieferer Aptiv auf der CES: Ein System, das Daten aus Radar, Ultraschall und Kamera fusioniert, soll verhindern, dass Menschen und Tiere im Auto eingeschlossen werden. Laut Aptiv wird selbst ein unter einer Decke liegendes Baby erkannt. Auch Euro NCAP und die EU werden aktiv: „Standardisierte Vorgaben zum Thema Child Presence Protection und Rear Seat Reminder Systems werden aktuell diskutiert“, so Paggel.

Das Thema ‚Health Monitoring‘ wird ebenfalls einen hohen Stellenwert bekommen.

Eine neue Herausforderung für Sicherheitsexperten sind Robo-Taxis und automatisierte Shuttles. In den Transportern, wie sie beispielsweise in Bad Birnbach oder Hamburg eingesetzt werden, können die Passagiere während der Fahrt auch stehen.

Fachkonferenz Safety Week

Die „SafetyWeek“ bündelt die Anforderungen der Gesetzgeber und des Verbraucherschutzes. Im Fokus der Vorträge stehen vor allem neue und geplante Vorgaben und deren Auswirkungen auf den Entwicklungsprozess und der Gestaltung der Fahrzeuge. Die Teilnehmer können sich über die aktuellen Entscheidungen im Bereich aktive und passive Sicherheit und die dazugehörigen NCAP-Tests informieren. Spezielle Teilveranstaltungen befassen sich unter anderem mit der Frage, welchen Beitrag Licht zur Fahrzeugsicherheit leisten kann, und wie man automatisiert fahrende Shuttles sicher gestalten kann.

Neuer Termin ist der 28. bis 30. Juli! Weitere Infos gibt es unter

Alle Informationen zur Safety Week

Automatisierte Shuttles

Ein In-Cabin-Monitoring ist aus Sicht von Andrea Paggel notwendig, sobald kein Fahrbegleiter an Bord ist. Dabei gehe es unter anderem um die Fahrgastzählung sowie Informationen über Position und Haltung der Passagiere. „Das Thema ‚Health Monitoring‘ wird ebenfalls einen hohen Stellenwert bekommen“, sagt Paggel. „Diese Themen werden nicht nur, aber insbesondere bei Langstrecken-Shuttles eine wichtige Rolle spielen.“

Einfachere Systeme zur Fahrerüberwachung werden ab 2022 für neue Typzulassungen zur Pflicht, darunter eine Müdigkeitserkennung und ein Alkoholdetektor. Was auf diesem Gebiet noch zu erwarten ist, wird im Juli Thema auf der Safety Week sein. Andrea Paggel wird dort detaillierter auf das Thema Innenraumüberwachung eingehen. Unter anderem informiert sie, welche Anforderungen hier bei hochautomatisierten Fahrzeugen bestehen.

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 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist