Nutzfahrzeuge „Technologischer Fortschritt gelingt durch Fokus“

Von Thomas Günnel 4 min Lesedauer

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MAN fertigt Batterien für seine E-Trucks in Deutschland und forscht am autonomen Fahren. Wie es weitergeht, beschreibt Entwicklungschef Frederik Zohm.

Frederik Zohm ist Entwicklungsvorstand bei MAN.(Bild:  MAN Truck & Bus)
Frederik Zohm ist Entwicklungsvorstand bei MAN.
(Bild: MAN Truck & Bus)

Herr Zohm, wo stehen wir heute beim elektrifizierten Nutzfahrzeug?

Frederik Zohm: Die Elektrifizierung des Nutzfahrzeugverkehrs ist kein Zukunftsthema mehr, sondern bereits Realität. Wir haben die reine Markteinführungsphase verlassen und gehen nun in die Skalierung. MAN setzt dabei klar auf batterieelektrische Antriebe als zentrale Technologie zur Dekarbonisierung des Straßenverkehrs. Der Grund dafür ist einfach: Batterieelektrische Lkw und Busse sind in vielen Anwendungen heute die effizienteste, wirtschaftlich attraktivste und am schnellsten skalierbare Zero-Emission-Lösung. Mit unserem E-Truck-Portfolio von 12 bis 50 Tonnen und Reichweiten von bis zu 830 Kilometern können wir bereits heute die meisten realen Einsatzprofile unserer Kunden abdecken.

Welche Absatzziele hat MAN?

Bis 2030 sollen rund 40 Prozent der in Europa abgesetzten Lkw emissionsfrei sein, bei Stadtbussen liegt unsere Zielgröße sogar bei 90 Prozent. Damit dieser Hochlauf gelingt, brauchen wir aber klare Rahmenbedingungen: einen schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur, wettbewerbsfähige Strompreise und verlässliche politische Leitplanken.

Technologischer Fortschritt gelingt nicht durch das Offenhalten jeder entfernt denkbaren Option. Er gelingt durch Fokus.

Frederik Zohm

Technologischer Fortschritt gelingt nicht durch das Offenhalten jeder entfernt denkbaren Option. Er gelingt durch Fokus. Wenn Europa im Nutzfahrzeugbereich technologisch zukunftsfähig bleiben will, braucht es Tempo, Investitionen und Technologieklarheit. Eine Zukunftsstrategie zu haben bedeutet keine ewige technologische Beliebigkeit, sondern die klare Frage, welche Technologie den größten Kundennutzen, die höchste Effizienz und die schnellste Skalierung bringt. Und da gibt es schon eine Antwort.

Batterieelektrische Antriebe scheinen derzeit alle anderen alternativen Antriebe abzuhängen. Was passiert mit Wasserstoff?

Der batterieelektrische Antrieb ist die Leittechnologie für den Straßengüterverkehr. Wasserstoff ist in der Fläche zu teuer, zu ineffizient und zu komplex im Infrastrukturaufbau, um der zentrale Skalierungspfad für Lkw und Busse zu sein. Die Technologie kann jedoch in Spezialfällen eine Rolle spielen. Für den breiten Straßengüterverkehr bleibt H2 jedoch eine Nischenanwendung.

Europaweit fehlen aktuell rund eine halbe Million Berufskraftfahrerinnen und -Fahrer. Mit welchen Ansätzen können Lkw- und Bushersteller gegensteuern?

Autonomes Fahren und moderne Assistenzsysteme sind wichtige Möglichkeiten, um den Transportsektor produktiver, sicherer und attraktiver zu machen. Gerade vor dem Hintergrund des Fahrermangels können automatisierte Anwendungen dort entlasten, wo Verkehre planbar und standardisiert sind, wie bei Hub-to-Hub-Transporten, Linienbusverkehren oder militärischen Anwendungen. Assistenzsysteme unterstützen diesen Weg bereits heute: Sie helfen in kritischen Situationen, reduzieren Unfallrisiken und Ausfallzeiten und erhöhen die Effizienz. Perspektivisch verändert Automatisierung auch die Rolle des Fahrpersonals: Monotone Langstrecken können automatisiert werden, während Fahrerinnen und Fahrer stärker komplexe, kundennähere Aufgaben übernehmen. Mit „ATLAS-L4“ hat MAN als erster Nutzfahrzeughersteller autonome Level-4-Lkw auf öffentlichen Straßen in Deutschland erprobt. Diese Erfahrung nutzen wir jetzt, um Level-4-Automatisierung in weiteren Anwendungsfeldern zu skalieren. Das geht von Einsätzen auf Betriebshöfen, über den militärischen Bereich und den ÖPNV perspektivisch in den Hub-to-Hub-Verkehr. Damit sind Assistenzsysteme und autonomes Fahren nicht nur Antwort auf den Fahrermangel, sondern auch Schlüssel für Produktivität, Technologieführerschaft und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

Wohin entwickelt sich die Vernetzung von Lkw und Bussen?

Die Vernetzung wird zunehmend zum Effizienztreiber im Transportwesen. Digitale Flottenservices, Smart Charging, Predictive Maintenance und KI-gestützte Anwendungen unterstützen Kunden dabei, Fahrzeugverfügbarkeit, Produktivität und Betriebseffizienz zu steigern. Heute sind bereits nahezu 500.000 MAN-Fahrzeuge vernetzt. Für Flottenbetreiber entsteht daraus ein klarer operativer Vorteil: Fahrzeuge lassen sich besser disponieren, Wartungsbedarfe früher erkennen und Ladeprozesse intelligenter planen. Besonders bei elektrischen und autonomen Fahrzeugen wird die Vernetzung von Fahrzeug, Depot, Ladeinfrastruktur, Software und Betriebsprozessen zur Grundlage für die nächste Stufe industrieller Transporteffizienz.

Welche Herausforderungen sehen Sie in den kommenden drei Jahren?

Die wichtigsten Herausforderungen der kommenden drei Jahre liegen in drei Feldern: dem Wettbewerb mit China, der Skalierung des autonomen Fahrens und der Stärkung des Industriestandorts Deutschland. China hat in Zukunftstechnologien massiv aufgeholt und zeigt, wie konsequent industrielle Skalierung funktionieren kann: mit klar definierten strategischen Prioritäten, gebündeltem Kapital, hoher Investitionsgeschwindigkeit und schneller Umsetzung. Ja, der Wettbewerb findet nicht unter vergleichbaren Bedingungen statt. Entscheidend ist aber, dass Europa nicht allein auf unfaire Wettbewerbsbedingungen verweist, sondern selbst strategischer wird.

Wie gelingt das?

Wir müssen Kernindustrien und technologische Tiefen klar definieren, gezielt schützen und konsequent entwickeln – und uns dem globalen Wettbewerb mit Innovation, Investitionsgeschwindigkeit und klarem Fokus stellen. Dafür braucht Europa einen echten Kapitalmarkt, verlässliche Rahmenbedingungen für Schlüsseltechnologien, weniger regulatorische Kleinteiligkeit und ein Ökosystem, das Skalierung ermöglicht statt sie auszubremsen. Für MAN heißt die Antwort: BEV first konsequent skalieren, autonomes Fahren in marktfähige Anwendungen überführen und industrielle Wertschöpfung in Deutschland sichern. Die bis 2030 geplanten Investitionen von nahezu einer Milliarde Euro in den Standort Deutschland stehen für diesen Kurs: technologische Führungsfähigkeit, industrielle Skalierung und globale Wettbewerbsfähigkeit aus Europa heraus.

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