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Automobilindustrie VDA-Halbjahresbilanz: „Druck in der gesamten Lieferkette ist enorm“

| Autor: Sven Prawitz

Nach einem katastrophalen ersten Halbjahr blickt der Verband der Automobilindustrie wieder optimistischer in die Zukunft. Doch vor allem bei den Zulieferern sei der Druck groß.

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„Europa profitiert von der deutschen Exportstärke – diese sollte man nicht aufs Spiel setzen“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller bei der Halbjahresbilanz 2020.
„Europa profitiert von der deutschen Exportstärke – diese sollte man nicht aufs Spiel setzen“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller bei der Halbjahresbilanz 2020.
(Bild: Peter Himsel/VDA)

In seiner Halbjahresbilanz blickte der Verband der Automobilindustrie (VDA) auf die niedrigsten Zahlen seit Jahrzehnten. Die Zahl der Pkw-Neuzulassungen von Januar bis Juni liegt mit 1,2 Millionen Stück (-35 Prozent ggü. Vorjahreszeitraum) auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren.

Alternativen zum batterie-elektrischen Auto legen wir nicht einfach zurück ins Regal.

Die Pandemie des Coronavirus drückte den weltweiten Fahrzeugabsatz auf historisch niedrige Werte. Deshalb wurden in Deutschland auch deutlich weniger Pkws produziert: Der Wert von 1,5 Millionen Fahrzeugen (-40 Prozent) im ersten Halbjahr sei der niedrigste seit 45 Jahren.

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Für die zweite Jahreshälfte rechnet der VDA mit einem Aufwärtstrend. Dieser könne jedoch den Einbruch der ersten Monate nicht annähernd ausgleichen. So geht der Verband für das Gesamtjahr 2020 mit einem Rückgang des Pkw-Weltmarkts um 17 Prozent auf 66 Millionen Einheiten aus. Den Erwartungen liegt die Annahme zugrunde, dass es gelingt, die Corona-Pandemie in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt weiter einzudämmen. Der Export aus Deutschland wird nach VDA-Prognosen im Jahr 2020 um 27 Prozent zurückgehen.

Nutzfahrzeugmärkte stärker betroffen

Der weltweite Absatz von Nutzfahrzeugen mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über sechs Tonnen wird nach VDA-Prognosen 2020 um 24 Prozent auf 2,6 Millionen Einheiten zurückgehen. Dafür verantwortlich sind vor allem die Märkte in den USA und Europa. Andere Signale gibt es hingegen aus China: »Automobil Industrie«-Insider Henrik Bork berichtete kürzlich in seiner Kolumne „China Market Insider“ von einem Boom des Nutzfahrzeugmarkts in China – vor allem gestützt durch den wachsenden E-Commerce und staatlichen Konjunkturhilfen.

Noch keine Entlassungswelle

Auf den Arbeitsmarkt der Branche habe sich die Coronakrise bisher kaum ausgewirkt. Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie lag laut VDA Ende April mit 814.000 Mitarbeitern etwa drei Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Dabei sei allerdings zu berücksichtigen, dass aktuell etwa jeder zweite Beschäftigte der Industrie in Kurzarbeit ist. „Die massiv geringere Produktion hat nicht nur für Hersteller, sondern besonders für viele mittelständische Zulieferer schwerwiegende Konsequenzen“, sagt VDA-Präsidentin Hildegard Müller. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Beschäftigtenzahl bis zum Jahresende 2020 weiter zurückgeht.“

Unternehmensberater Jan Dannenberg äußerte gegenüber »Automobil Industrie« die Prognose, dass bis 2021 „allein im deutschsprachigen Raum mehr als 100 Zulieferer-Insolvenzen“ anstünden. „Die Jahre 2020/2021 werden härter werden als in der Finanzkrise 2008/2009“, sagte Dannenberg.

Laut VDA-Präsidentin Müller leiden vor allem mittelständische Zulieferer unter dem massiven Absatzrückgang: „Der Druck in der gesamten Lieferkette ist enorm.“ Obwohl die OEMs ihre Werke wieder hochfahren, sei die Auslastung bei vielen Zulieferern weiterhin schwach.

VDA setzt auf Konjunkturpaket

Nun müsse laut VDA die Kernaufgabe sein, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie einzudämmen. „Die EU braucht daher auch ein ambitioniertes Industriepaket, um aus der Krise zu kommen“, sagte Müller. Sie hoffe, dass das deutsche Konjunkturpaket wirkt. Andernfalls müsse die Politik das Paket gegebenenfalls noch einmal neu bewerten. Auf europäischer Ebene erhofft sich Müller ein ausgewogeneres Abwägen zwischen Ökologie und Ökonomie. „Europa profitiert von der deutschen Exportstärke – diese sollte man nicht aufs Spiel setzen“, sagte sie mit Blick auf immer strenger werdende Emissionsgrenzen.

Um die E-Mobilität in Europa entscheidend voranzubringen, brauche es einen konsequenten Ausbau der Lade-Infrastruktur. Gleichzeitig sei es notwendig in die Wasserstoff- und E-Fuel-Infrastruktur zu investieren. Müller appellierte für Technologieoffenheit: „Alternativen zum batterie-elektrischen Auto legen wir nicht einfach zurück ins Regal.“

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 Sven Prawitz

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Technikjournalist