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Elektromobilität

Volkswagens drittes E: Der E-Crafter

| Autor/ Redakteur: Peter Maahn/SP-X / Sven Prawitz

Pünktlich zur IAA im nächsten Monat bringt VW sein erstes Nutzfahrzeug mit Elektroantrieb auf die Straße. Das kommt pro Batterieladung in der Praxis gut 120 Kilometer weit und bedient die letzte Meile der Lieferketten.

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Der Crafter wurde bereits für einen E-Antrieb ausgelegt. Zwei Jahre nach Marktstart ist nun der E-Crafter erhältlich.
Der Crafter wurde bereits für einen E-Antrieb ausgelegt. Zwei Jahre nach Marktstart ist nun der E-Crafter erhältlich.
(Bild: VW)

Cityverbot für alle Autos mit Verbrennungsmotoren, nur noch Elektroautos dürfen in die Sperrzone. Da es nur ganz wenige elektrische Lieferwagen gibt, müssen Läden und Händler lange oder gar vergeblich auf ihre Waren warten – Es wäre ein Horrorszenario für unsere Städte. Die Innenstädte werden nicht nur für einkaufswillige Touristen unattraktiv, immer mehr Geschäfte ziehen ins Umland. Zum Glück ist das alles nur ein Albtraum, der aber bald Wirklichkeit werden könnte. Höchste Zeit für die Autohersteller, Lastesel mit E-Motor auf die Straße zu bringen: Wie zum Beispiel den neuen Volkswagen E-Crafter.

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VW Crafter? Für Nicht-Fachleute ein Unbekannter, für Profis einer der wichtigsten Transporter auf Europas Straßen und Rivale des Marktführers Mercedes Sprinter, mit dem er lange Jahre baugleich war. Den Crafter haben die VW-Strategen dazu auserkoren, neben dem E-Golf und dem E-Up der dritte Volkswagen mit reinem Elektroantrieb zu sein. Im September kommt er auf den Markt, in der Praxis getestet wurde er in der Hand ausgewählter Kunden schon sein Anfang 2018.

Unterwegs auf der letzten Meile

Erstes Kennenlernen im dichten Hamburger Stadtverkehr – Hier ist das typische Revier eines solchen Autos. Ob Bestellungen bei Amazon, Ebay und Co., Pakete mit dem gelben DHL-Aufkleber oder denen von UPS, Hermes und DPD. Das eckige Sechs-Meter-Schiff mit VW-Logo hilft beim Transport auf der sogenannten „letzten Meile“, die nach einer oft langen Reise endlich beim Kunden endet. Und das alles jetzt auch rein elektrisch, auch wenn man es von außen nicht sieht. Denn das neue Herz versteckt sich unterm vertrauten Blechkleid. Unsichtbar ist die im Unterboden platzierte Lithium-Ionen-Batterie (36 KW/h). Unter der schräg abfallenden, kurzen Fronthaube wartet wie in den Diesel-Modellen ein Motor auf seinen Einsatz, diesmal aber ein Stromer mit 100 kW/136 PS.

Da der neue Crafter nach dem Ende der Vernunftehe mit dem Mercedes Sprinter von VW-Ingenieuren völlig neu entwickelt wurde, war die jetzt serienreife Elektrovariante schon in den Bauplänen des Transporters enthalten. Vorteil: Dank der Batterie-Unterbringung im Kellergeschoss kann der Hochdach-Kastenwagen (2,59 Meter) mit 10,7 Kubikmeter das gleiche Laderaum-Volumen nutzen wie ein gleichgroßer Crafter mit Dieselmotor. Vier Europaletten passen auf den Ladeboden, je nach Version können bis zu 1,72 Tonnen Fracht mitgeschleppt werden.

Maximal 290 Nm und 90 Km/h

Spätestens beim ersten Tritt aufs rechte Pedal wünscht man sich ein großes Schild auf beiden Seiten des Crafter. Frei nach dem Motto: Hey, ich fahr euch allen elektrisch und abgasfrei auf und davon. Denn der VW galoppiert aus dem Stand gewaltig los, die Durchzugskraft von 290 Newtonmetern muss nicht aufs Schalten warten, der einzige vorhandene Vorwärtsgang reicht aus. Rumstromern in so einem Blechkasten kann richtig Spaß machen. Die nüchternen Zahlen sorgen auch nicht für Tristesse: Pro 100 Kilometer wird die Batterie um 21,5 kW/h erleichtert. Umgerechnet auf die alte Zeit entspricht das einem Verbrauch von 2,11 Litern Diesel auf 100 km. Die mögliche Spitze liegt bei 90 km/h. Klingt wenig, dürfte aber im Alltagsbetrieb völlig ausreichen.

Produktmanager Mark Leonhard hat vor allem die Lieferdienste im Visier und rechnet vor: „Diese Kunden fahren sechs Tage die Woche vor allem im Stadtgebiet, stoppen bis zu 100mal täglich und haben abends einen festen Parkplatz auf dem Betriebsgelände, wo die Fahrzeuge dann an die Steckdose kommen“. Hat der Spediteur einen Stromanschluss mit 40 Kilowatt, reicht für das Nachladen der Batterie auch die Mittagspause. 45 Minuten am Kabel sorgen für 80 Prozent Akkuladung. Gibt es eine Wallbox mit 7,2 Kilowatt, muss der E-Crafter schon mehr als fünf Stunden verharren – An der Haushaltsdose (2,5 Kilowatt) vergehen sogar 17 Stunden.

Höherer Neupreis aber geringere Wartungskosten

Ein Unternehmen, dass bereit ist, fast 70.000 Euro (netto) in eine saubere Zukunft für den Fuhrpark zu investieren, wird sicher noch das nötige Kleingeld für die Installation der starken Ladesäulen-Variante aufbringen. Dennoch wird es dauern, bis sich die gut 20.000 Euro mehr im Vergleich zu einem Diesel-Crafter wieder auszahlen. Entwicklungschef Axel Anders hält dagegen: „Ein Elektrofahrzeug ist wartungsarm, kann auf zahlreiche Verschleißteile eines Verbrenner-Autos verzichten und ist zudem noch günstiger im Verbrauch. Da gibt es viel Einsparpotenzial für einen Unternehmer“. Als „unbezahlbar“ bezeichnet Anders aber den Vorteil, dass sich der Fahrer eines E-Autos nicht um künftig drohende Fahrverbote oder Sperrzonen kümmern muss. „Da geht dem Besitzer kein Geschäft verloren“.

Bleibt die Frage nach der Reichweite. Gemessen hat VW bislang nach der alten NEFZ-Norm. Bei diesen wenig realistischen Tests kommt der E-Crafter auf 173 Kilometer, bevor er wieder an die Steckdose muss. Nach der neuen Norm, so räumt VW ein, werden es wohl zwischen 120 und 130 Kilometer sein. Deutlich weniger, aber für die angepeilte Kundengruppe völlig ausreichend.

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Natürlich hat nicht nur VW nach langem Zögern die Zeichen der Zeit auch für die Nutzfahrzeuge erkannt. Im Frühjahr soll der elektrische Mercedes Sprinter an den Start gehen. Mit Strom läuft auch der kleinere Vito. Renault und Iveco (Fiat) bieten ebenfalls Fahrzeuge mit dieser Technik an. Produktexperte Leonhard sieht die ungewöhnlich großzügige Serienausstattung als Vorteil für „seinen“ Crafter. Navigationssystem, Standheizung, Wärmepumpe für die normale Heizung, Spurhalte-Assistent und vieles mehr sind beim neuen VW im Preis schon enthalten.

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