Engineering „Wir profitieren von künftiger technischer Vielfalt“

Autor / Redakteur: Hartmut Hammer / Lena Bromberger

Engineering-Dienstleister (EDL) kommen besser durch die Coronakrise als produzierende Unternehmen, heißt es. Dennoch müsse auch ein EDL krisenbedingt Restrukturieren, sagt Martin Lange, Geschäftsführer von Segula Technologies.

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Dr. Martin Lange, im Januar 2019 übernahm er die Geschäftsführung von Segula Technologies in Deutschland.
Dr. Martin Lange, im Januar 2019 übernahm er die Geschäftsführung von Segula Technologies in Deutschland.
(Bild: Oliver Roesler)

Herr Lange, Segula Technologies Deutschland ist ein gutes Jahr am Markt: Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

In den ersten Monaten ging es vor allem darum, die Mitarbeiter mit der neuen Situation vertraut zu machen und das Tagesgeschäft zu erledigen. Durch GM, Opel und PSA hatten wir genügend Aufträge und dadurch eine Auslastung von etwa 90 Prozent. Bis Ende des Jahres 2019 konnten wir auch den ein oder anderen Neukunden gewinnen. Bis dann das Coronavirus nach Europa kam.

Der Verbrennungsmotor wird nicht so schnell vom Markt verschwinden, wie manche prophezeien.

Wie spürte Segula die Verwerfungen durch das Virus?

In den ersten Wochen konnten wir unter den Corona-Schutzbestimmungen noch wie geplant weiterarbeiten. Aber Mitte April teilte unser Hauptkunde mit, dass er seine Aktivitäten zurückfahren muss. Sehr schnell ging unsere Auslastung auf nur noch etwa 40 Prozent zurück, und wir mussten vom Vorwärtsgang direkt in den Rückwärtsgang schalten. Sprich, Kurzarbeit, Sicherung der Liquidität, erhöhte Vertriebsaktivitäten zur Steigerung der Auslastung.

Zeigten die Management-Maßnahmen Wirkung?

Mit unseren Maßnahmen konnten wir den Geschäftsbetrieb stabilisieren. Aber die Fixkosten durch unsere Infrastruktur in Rüsselsheim und das Testzentrum Rodgau-Dudenhofen sind schon eine Belastung für ein junges Unternehmen und können nicht so leicht ausgeglichen werden. Zumal die Kommunikation und Geschäftsanbahnung mit unseren Kunden unter erheblichen Latenzzeiten litten. So hatten wir zum Beispiel Anfang März bei einem Kunden eine erfolgreiche Projektpräsentation. Dessen interne Abstimmung bis zum letztendlichen Bestellungseingang bei uns dauerte aber bis Anfang September.

Können Sie schon Namen oder Aufträge der neu akquirierten Kunden nennen?

Es handelt sich zum einen um asiatische Importeure hier im Rhein-Main-Gebiet. Zum anderen zählen inzwischen auch namhafte OEMs aus Süddeutschland zu unseren Kunden. Beispielsweise verlegten Kunden Fahrtests in unsere Höhen-Klimakammer in Rodgau-Dudenhofen, da sie wegen der Corona-Schutzbestimmungen keine Tests im Ausland mehr fahren konnten. Da es in Deutschland nur drei solche Anlagen gibt, waren sie sehr dankbar über unsere leistungsfähige und schnell verfügbare Testmöglichkeit.

Trotzdem haben Sie angekündigt, dass Sie derzeit für etwa 300 Mitarbeiter nicht ausreichend Arbeit haben. Eigentlich sind laut Tarifvertrag betriebsbedingte Kündigungen bis Juli 2023 ausgeschlossen.

Bei unseren Planungen im Jahr 2019 war ein solches globales Ereignis wie die Corona-Pandemie nicht vorgesehen. Leider wird unsere Auslastung auf absehbare Zeit nur bei etwa 70 Prozent liegen. Bei etwa 1.000 Mitarbeitern lässt sich leicht ausrechnen, dass für eine gewisse Zahl von ihnen einfach keine Aufgaben da sind. Kurzarbeit hilft hier nur bedingt, da wir nicht so schnell den Vor-Corona-Stand wieder erreichen werden. Ergo sprechen wir derzeit mit unseren Sozialpartnern intensiv über strukturelle Änderungen, denen ich aber öffentlich nicht vorgreifen möchte.

In welchen Bereichen von Segula Technologies sollen Stellen gestrichen werden?

Klar ist, dass wir Zukunftsthemen wie etwa automatisiertes Fahren und alternative Antriebe weiter forcieren. Allerdings sind in diesen Segmenten vielleicht andere Qualifikationen und Kompetenzen gefordert, als wir sie derzeit in unseren nicht ausgelasteten Bereichen haben.

Etwa bei konventionellen Antriebstechniken?

Wir haben nicht die Absicht, uns aus einzelnen Technologiebereichen zurückzuziehen, auch nicht aus den Verbrennungsmotoren. Dort werden wir meiner Meinung nach auch in den nächsten Jahrzehnten noch großen Entwicklungsbedarf haben, da sie nicht so schnell vom Markt verschwinden, wie manche prophezeien. Unsere Entwickler mit ihrer Historie denken wie ein OEM, handeln jetzt aber wie ein Dienstleister. Dieses Mindset dürfte für unsere Kunden sehr attraktiv sein, etwa bei der CO2-Reduktion, der Hybridisierung, bei synthetischen Kraftstoffen oder bei der Gesamtfahrzeug-Integration des Verbrenners.

Bis wann rechnen Sie wieder mit einem halbwegs normalen Geschäftsverlauf?

Corona wird uns auch 2021 noch intensiv beschäftigen, sowohl im Arbeitsalltag als auch in den Bilanzen. Bei den Umsätzen hoffe ich, dass wir die Talsohle durchschritten haben. Ob die Automobilindustrie mittelfristig wieder den Vor-Corona-Stand erreichen wird, wage ich zu bezweifeln. Was mir Hoffnung macht, ist unser Geschäftsmodell, das nicht direkt abhängig von den Verkaufszahlen der OEMs ist. Wir profitieren eher von der künftigen technischen Vielfalt und Transformation sowie dem Bedarf an umfassenden Lösungen und Dienstleistungen. Start-up-Fahrzeughersteller beispielsweise zeigen großes Interesse an unserem Portfolio.

Welche neuen Geschäftsfelder dürften sich nach Corona auftun?

Das Beispiel der Kunden, die mangels Fahrmöglichkeiten im Ausland unsere Höhen-Klimakammer nutzen, möchte ich als Windfall-Profit, also Zufallsgewinn, bezeichnen. Solche Einzelfälle dürften in nächster Zeit ab und zu auftreten. Unabhängig von Corona sehe ich gute Möglichkeiten etwa bei der Modellpflege von ganzen Verbrennungsmotoren-Baureihen, bei der Integration von Assistenzsystemen in Bestandsfahrzeuge oder bei der Komplettentwicklung von Derivaten.

Welche Kompetenzen möchte Segula mittelfristig akquirieren oder intern aufbauen?

Bei der Industrialisierung vom Prototypen bis zur Fertigungsplanung sehe ich noch Ausbaumöglichkeiten. Auch der Wasserstoffantrieb sowie die Validierung und Applikation von ADAS-Systemen sind Bereiche, wo wir uns durch Akquisitionen, Kooperationen und Partnerschaften in der Tiefe und Breite besser aufstellen wollen.

Wo sehen Sie Segula im Jahr 2025 auf dem deutschen Markt?

Unser Leitbild sieht uns als einen kompetenten und anerkannten Premium-Engineering-Dienstleister für die Automobilindustrie, mit einem breiten Portfolio an Leistungen und zusätzlich einem wirtschaftlich leistungsfähigen internationalen Footprint. Darüber hinaus wollen wir uns in anderen Sektoren weiterentwickeln, wie etwa bei Schienen- und Luftfahrzeugen oder der Energietechnik.

Über die Person

Dr. Martin Lange (56) studierte Maschinenbau in Braunschweig und an der RWTH Aachen. Dort absolvierte er auch ein wirtschaftswissenschaftliches Zusatzstudium. Am Forschungszentrum Jülich war er bis zu seiner Promotion im Fachbereich Energietechnik tätig. Anschließend arbeitete er für verschiedene Unternehmen in der Bahnindustrie, unter anderem bei Alstom Transport und Knorr Bremse. Im Januar 2019 übernahm er die Geschäftsführung von Segula Technologies in Deutschland.

Das Interview führte Hartmut Hammer

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