Nachhaltige Lieferkette BMW-Einkaufschef Wendt: „Das geht besser als gedacht“

Autor / Redakteur: Claus-Peter Köth / Sven Prawitz

Gegenüber Verbrennern erhöhen sich bei E-Autos die CO2-Emissionen in der Lieferkette. BMW will dem über den Einkauf entgegenwirken. Laut Einkaufschef Andreas Wendt gehe das besser als gedacht.

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BMW-Einkaufsvorstand Andreas Wendt: „Wir sichern das geplante Wachstum bei elektrifizierten Fahrzeugen im Lieferantennetzwerk ab und integrieren gleichzeitig unsere Anforderungen zur Nachhaltigkeit in jede Auftragsvergabe.“
BMW-Einkaufsvorstand Andreas Wendt: „Wir sichern das geplante Wachstum bei elektrifizierten Fahrzeugen im Lieferantennetzwerk ab und integrieren gleichzeitig unsere Anforderungen zur Nachhaltigkeit in jede Auftragsvergabe.“
(Bild: BMW/Rainer Häckl)

Mit dem Ausbau der E-Mobilität gewinnt die Wertschöpfung im Lieferantennetzwerk zunehmend an Bedeutung, sowohl bei den CO2-Emissionen als auch bei der Beschaffung und Gewinnung kritischer Rohstoffe, wie sie etwa für die Produktion von Batteriezellen benötigt werden. BMW-Einkaufsvorstand Andreas Wendt spricht von einem um 40 Prozent höheren Anteil an CO2-Emissionen in der Lieferkette von Elektrofahrzeugen. In Verbindung mit den Pariser Klimazielen von minus 20 Prozent CO2-Ausstoß bis 2030 müsse man folglich im Saldo sogar um 60 Prozent besser werden. Das sei extrem ambitioniert. Aber BMW meine es ernst und wolle alle Hebel in Bewegung setzen, um dieses Ziel zu erreichen.

„Nachhaltigkeit ist für uns ein fester Bestandteil aller Aktivitäten im Einkauf. So wie wir das geplante Wachstum bei elektrifizierten Fahrzeugen im Lieferantennetzwerk absichern, integrieren wir gleichzeitig unsere Anforderungen zur Nachhaltigkeit in jede Auftragsvergabe. Gerade als Premiumhersteller haben wir den Anspruch hier voranzugehen und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Andreas Wendt. In diesem Jahr habe man die 30 größten Vergaben bereits CO2-basiert durchgeführt.

Das Kriterium „Nachhaltigkeit“ bedeute dabei nicht zwingend höhere Kosten. „Das geht besser als gedacht“, so Wendt. Auch in China könne man zum Beispiel Batteriezellen nach den Vorstellungen von BMW produzieren – mit Grünstrom aus erneuerbaren Energiequellen.

Hohe Flexibilität sichert steigende Nachfrage nach E-Mobilität

Bis ins Jahr 2030 will die BMW Group mehr als sieben Millionen elektrifizierte Fahrzeuge auf die Straßen bringen, davon zwei Drittel vollelektrisch. Für diese Größenordnung soll der Einkauf sicherstellen, dass zum einen das Volumenwachstum in der Lieferkette abgebildet werden kann und zum anderen die Anforderungen an nachhaltiges Handeln umgesetzt werden. Insgesamt will der BMW-Einkauf einen wesentlichen Beitrag zur Transformation des Unternehmens hin zur E-Mobilität leisten.

Schließlich steige mit der wachsenden Nachfrage nach elektrifizierten Fahrzeugen auch der Bedarf an Komponenten und Bauteilen für die Produktion dieser Fahrzeuge. Besonders im Fokus sind die Batteriezellen. Die aktuell fünfte Generation wird BMW von vier Lieferanten beziehen – LG Chem, Samsung SDI, CATL und Northvolt. Damit mache man sich unabhängiger von einzelnen Anbietern.

„Volumenflexibilität ist eine Prämisse und ein entscheidendes Auswahlkriterium für unsere Lieferanten. Bei der fünften Generation an Batteriezellen haben wir eine 20-prozentige Flexibilität bei den abzunehmenden Stückzahlen in beide Richtungen vereinbart: nach oben und nach unten“, ergänzt Wendt.

Da die Batterie einen Großteil der Kosten eines elektrifizierten Fahrzeugs ausmacht, liege hier auch der größte Hebel, um langfristig die Herstellkosten zu senken. Vor allem die Zellrohstoffe und die Produktion von Batteriezellen hätten höchste Priorität. In einem eigenen „Kompetenzzentrum Batteriezelle“ vertiefe BMW daher konsequent sein umfassendes Know-how. Wesentliche Komponenten kaufe man selbst ein.

Batteriekosten auf 100 Euro/kWh bringen

Spätestens für die Batteriekosten in der sechsten Generation seines E-Antriebs gegen Mitte der Zwanzigerjahre erwartet Wendt einen größeren Sprung nach unten. Bis dorthin sollte die Zielmarke von 100 Euro pro Kilowattstunde realistisch sein. Das sei allerdings auch notwendig, um die E-Mobilität für die breite Masse bezahlbar zu machen.

Hinsichtlich Nachhaltigkeit liegt im Einkauf der Fokus auf drei Schwerpunkten: Erstens der Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards sowie Menschenrechten, zweitens dem Schutz natürlicher Ressourcen und drittens der Reduktion von CO2-Emissionen in der Lieferkette.

Seit 2014 sind alle direkten Lieferanten der BMW Group vertraglich verpflichtet, Menschenrechte sowie erweiterte Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten sowie Managementsysteme zum Arbeitsschutz und Schutz der Umwelt einzuführen. Diese Anforderungen müssen auch an die Sublieferanten weitergegeben werden.

Überprüfen werde BMW das mit maximaler Präsenz vor Ort und mit gemeinsam entwickelten Prozessen. Analog zur Qualitätssicherung gelte es, ehrgeizige Ziele sowie Standards und Zertifizierungen zu definieren. Dabei könne man nur gemeinsam erfolgreich sein.

17 Prozent weniger CO2-Emissionen beim BMW iX

Beim BMW iX zeigten diese Maßnahmen bereits Wirkung: Die Nutzung von erneuerbarem Grünstrom bei der Herstellung der Batteriezellen in Kombination mit dem verstärkten Einsatz von Sekundärmaterial senke die CO2-Emissionen in der Lieferkette des Fahrzeugs um 17 Prozent.

Gleichzeitig gelang es den Einsatz von kritischen Rohstoffen sowie damit verbundene Konfliktpotenziale zu reduzieren. Den Anteil von Kobalt im Kathodenmaterial der Batteriezellen etwa auf unter zehn Prozent. Parallel konnte BMW den Anteil von Sekundär-Nickel auf bis zu 50 Prozent anheben. Laut BMW kommt der E-Antrieb vollständig ohne seltene Erden aus.

Transparente Prozesse für Umwelt- und Sozialstandards

„Wir geben die Verantwortung nicht einfach an das Lieferantennetzwerk ab, sondern übernehmen gemeinsam mit unseren direkten Lieferanten Verantwortung. Dabei profitieren wir von unserer langjährigen Erfahrung und schaffen Prozesse, um eine bessere Transparenz und Rückverfolgbarkeit zu erreichen“, erläutert Wendt. Der BMW-Einkauf stütze sich dabei nicht allein auf vertragliche Verpflichtungen, sondern setze in einem transparenten Prozess zusätzlich eine Vielzahl von Maßnahmen um.

Ein Risikofilter bewertet bereits vor der Ausschreibung weltweit potenzielle Lieferantenstandorte. Im nächsten Schritt werden mögliche Lieferanten aufgefordert, über einen detaillierten Fragebogen ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten darzustellen. Zusätzlich überprüfen externe Partner zusammen mit internen Gutachtern ausgewählte Standorte.

Grundvoraussetzung für die Vergabe eines Auftrags ist die Einhaltung der vorgegebenen Anforderungen. Über die Vertragslaufzeit überprüfen wiederum externe Partner zusammen mit internen Gutachtern die Einhaltung der Nachhaltigkeit mittels Fragebögen und Audits.

Sollten während einem dieser Schritte Unstimmigkeiten auftauchen, vereinbart BMW entsprechende Maßnahmen mit den Lieferanten. Jährlich überwacht der Einkauf so tausende Standorte. Darüber hinaus hat das Unternehmen ein Verfahren eingerichtet, bei dem Verstöße gegen Sozial- und Umweltstandards anonym gemeldet werden können.

Besonderer Fokus auf kritische Rohstoffe

Bei kritischen Rohstoffen stellt der Anspruch, Verletzungen von Umweltstandards und Menschenrechten auszuschließen, eine besondere Herausforderung dar – beispielsweise bei Lithium und Kobalt, beides Schlüsselkomponenten für die Produktion von Batteriezellen. Für beide Rohstoffe haben die Münchner daher zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Kobaltgewinnung und -verarbeitung im Einklang mit den Nachhaltigkeitsstandards erfolgt und es keine Probleme mit den Arbeitsbedingungen gibt, wie zum Beispiel Kinderarbeit.

Kobalt und Lithium kauft BMW daher direkt bei den Minen selbst ein und stellt es den Batteriezell-Lieferanten zur Verfügung. „Das ermöglicht uns – neben berechenbaren Preisen –, unsere Nachhaltigkeitsstandards in den Verträgen zu verankern und sicherzustellen, dass der Abbau und die Verarbeitung der Rohstoffe ökologisch und sozial nachhaltig erfolgen. Davon haben wir uns bei Vor-Ort-Besichtigungen in den Minen in Australien und Marokko selbst überzeugt“, erklärt Wendt.

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 Claus-Peter Köth

Claus-Peter Köth

Chefredakteur Automobil Industrie & Next Mobility