Suchen

Elektronik

CES 2019: Die Visionen der Autohersteller

| Autor/ Redakteur: Peter Maahn/SP-X / Svenja Gelowicz

Die größte Elektronikmesse der Welt ist mittlerweile das erste Auto-Highlight des Jahres. Mercedes, BMW und Audi trumpfen auf der CES auf: vom neuen Autokino bis zum autonomen Motorrad.

Firmen zum Thema

Die Elektronikmesse CES ist das erste Highlight des Auto-Jahres – die Hersteller zeigen hier ihre vernetzten Technologien für künftige Fahrzeuge. Im Bild: Kias Innenraumkonzept „Space of Emotive Driving“.
Die Elektronikmesse CES ist das erste Highlight des Auto-Jahres – die Hersteller zeigen hier ihre vernetzten Technologien für künftige Fahrzeuge. Im Bild: Kias Innenraumkonzept „Space of Emotive Driving“.
(Bild: Kia)

So wirklich gern gesehen sind die großen Autokonzerne nicht in den Hallen unweit der Casino-Meile am berühmten Las Vegas Strip. Verbannt in eine recht kleine Halle im Nordflügel des Messegeländes, passen sie nach Meinung der treuen Elektronik-Freaks nicht so recht die laute, junge Welt der Spielekonsolen, HiFi-Monster, Handys oder Roboterstaubsauger. Im Gegensatz zu den akzeptierten Giganten der Elektronik-Branche wie Google, Microsoft, Amazon und Co. müssen sich die anderswo verhätschelten süddeutschen Automobil-Konzerne mit vergleichsweise kleinen Messeständen begnügen, auf die kaum mehr als zwei Autos passen.

Bildergalerie

Bildergalerie mit 8 Bildern

Natürlich treten die Deutschen ebenso wie Hyundai, Nissan oder Toyota auch an, um jüngere Kunden anzulocken, stecken Milliarden in Vernetzung, Assistenzsysteme oder die künstliche Computer-Intelligenz, die beim sicheren Fahren helfen und den Menschen hinterm Lenkrad nach und nach sogar überflüssig machen soll. So zeigt Audi eine neues Entertainment-System, dessen Klangfülle und Optik mit den meist asiatischen Unterhaltungsprofis in der Nebenhalle auf Augenhöhe ist. Enthalten ist sogar eine völlig neue Art des Autokinos: Im Stand können die Insassen auf der zur Leinwand umgewandelten Innenseite der Windschutzscheibe Filme in Top-Qualität genießen. Der Stau als Chance für gestresste Cineasten.

Daimler zeigt erneuerten CLA, BMW kommt mit Motorrad

Eher konservativ geht Mercedes ins Messe-Rennen und nutzt die CES ganz klassisch für die Premiere eines neuen Modells. Die zweite Auflage des CLA, eines viertürigen Coupés der A-Klasse-Familie, kann aber mit seinem voll elektronischen MBUX-Infotainmentdisplay punkten, dessen Sprachassistent und Gestenerkennung dann doch wieder die Brücke zu Alexa oder Nintendo schlägt. Begleitet wird der Neuling vom Elektro-SUV EQC, das seine US-Premiere feiert.

Wie in den Vorjahren residiert BMW nicht in einer nüchternen Halle, sondern in einer schneeweißen Art Bungalow gegenüber dem allgemeinen Trubel. Pluspunkt für die Bayern: Auf einer großen Freifläche lassen sich echte Autos bewegen. Für große Augen sorgte aber nicht der Tanz des neuen Riesen-SUV X7 über künstliche Geländehindernisse, sondern ein scheinbar ganz normales Motorrad. Ein Aha-Effekt der Zaungäste, als das Zweirad seine Kreise mit leerem Sattel drehte, sich fahrerlos in enge Kurven legte und von einem Ende der Fläche zum anderen sprintete.

Es ist das erste autonom fahrende Motorrad der Welt im Kleid des Serien-Bikes R 1200 RS. Die nötige Technik konnte nur bedingt aus den BMW-Autos übernommen werden. Kein Grund zur Sorge für eingefleischte Biker: Es wird nie ein fahrerloses Motorrad geben, versichert BMW. Der Versuchsträger soll dazu dienen, neue Assistenzsysteme für Zweiräder zu entwickeln.

Honda präsentiert Robo-Laster, Hyundai ein Rettungsfahrzeug

Bei den übrigen Herstellern fällt auf: ein Roboter-Mini-Laster von Honda für schweres Gelände, der selbstständig Transportaufgaben auf unwegsamem Terrain leisten kann. Nissan zeigt die autonome und lenkradlose Sportlimousine „IMx“ erstmals außerhalb Japans. Eine aufregend gestylte Studie, deren denkbarer Serienstart in weiter Ferne liegt. Hyundai überrascht mit der Idee eines Rettungsfahrzeug namens Elevate, das nicht nur in schwerem Gelände fahren kann, sondern das die Ingenieure auch Klettern gelehrt haben. Das bei Bedarf fahrerlose Unikum ist zum Beispiel für Hilfseinsätze bei Naturkatastrophen konzipiert.

Obwohl sich auch andere Hersteller dem Thema Cockpit der Zukunft widmen, schießen die Chinesen den Messe-Vogel in dieser Disziplin ab. Autohersteller Byton zeigt ein 48 Zoll breites Display (124x24 Zentimeter). Es wird im demnächst erscheinenden SUV M-Byte in Serie an Bord sein. Auf dem Pralltopf des Lenkrads ist ein weiteres Tablet für die Bedienung zum Beispiel der Klimaanlage oder des Telefons in Griffnähe des Fahrers montiert. Die Helligkeit der LED-Anzeigen passt sich automatisch der Umgebung an.

CES 2019: Kia setzt auf Emotionen

Kia zeigt in seinem Innenraumkonzept „Space of Emotive Driving“ das System „Real-time Emotion Adaptive Driving“ (READ). Es handelt sich um eine der weltweit ersten interaktiven Interieur-Technologien, die sich mit Hilfe künstlicher Intelligenz an menschlichen Gefühlen orientiert.

READ analysiert durch KI-basierte Biosignal-Erkennung die Stimmung des Fahrers in Echtzeit. Dazu erfasst es mit Hilfe von Sensoren den Gesichtsausdruck und misst unter anderem die Hautleitfähigkeit (elektrodermale Aktivität, EDA) und den Puls. Daraufhin wird das Interieur der ermittelten Gefühlslage angepasst und zum Beispiel eine aufmunternde farbliche Umgebung geschaffen, die ein freudigeres Fahrerlebnis ermöglichen soll. Durch die KI-Technologie des so genannten tiefen Lernens (deep learning) definiert das System einen Standard im Nutzerverhalten und erkennt auf dieser Grundlage bestimmte Verhaltensmuster und Neigungen, um die Kabine dann entsprechend zu gestalten. Entwickelt wurde das Konzept in Zusammenarbeit mit dem Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Zusammen mit dem System stellt Kia auf der CES „V-Touch“ vor, eine der weltweit ersten Gestensteuerungstechnologien, die virtuelle Touch-Gesten erkennt. Mittels einer 3-D-Kamera beobachtet V-Touch die Augen und Fingerspitzen der Nutzer und ermöglicht es, verschiedene Funktionen über ein Head-up-Display zu verwalten. Ohne auf Tasten oder Touchscreens angewiesen zu sein, können alle Fahrzeuginsassen mit einfachen Fingergesten die Beleuchtungs-, Klimatisierungs- und Entertainmentsysteme steuern und damit die Innenraumatmosphäre verändern.

Bildergalerie

Bildergalerie mit 8 Bildern

Zulieferer zeigen ihre Neuheiten auf der CES

Auf der CES wächst vieles zusammen, was bisher nicht zusammengehörte. Weil die Autos immer mehr zu fahrenden Computern werden, verwischen die Grenzen zwischen den jeweiligen Universen. Dazu tragen auch die zahlreichen Zulieferer bei, die zu Jahresbeginn gen Westen gereist sind. Ob Bosch, ZF, Schaeffler oder Continental – in der besagten Automotive-Halle sind sie alle zugegen. Und setzen dabei ihre Kunden, die Autohersteller, unter Druck. Viele Ideen, die heute in Serienautos zu finden sind, wurden in den Labors der Zulieferbetriebe ausgebrütet.

Inzwischen gehen diese in die Offensive, entwickeln Systeme ohne direkten Auftrag eines Autoherstellers und bieten die Entwicklung dann auf dem Markt an. Wie ZF seinen auf der CES präsentierten Supercomputer, der als Schaltzentrale all der im Auto versteckten Elektronik dient. Der Technologiekonzern vom Bodensee hat damit den derzeit schnellsten Rechner. Andere wie Bosch wagen es sogar, selbst ein Auto zu entwickeln und zu produzieren. Wie das autonom fahrende Edel-Shuttle, das mit der Umwelt vernetzt ist und von Kunden über das Internet gerufen werden kann.

Der starke Auftritt seiner Mitgliedsfirmen erfreut natürlich Bernhard Mattes, Chef des Verbands der deutschen Autoindustrie (VDA). „Die CES zeigt, dass sich Automessen mehr und mehr zu Mobilitätsmessen wandeln“. Dennoch sieht er die klassischen Ausstellungen nicht am Abgrund. „Ich kann Ihnen versprechen, dass wir im Herbst eine tolle IAA erleben werden“. Mattes muss jedoch auch von Berufs wegen optimistisch sein. Schließlich ist sein VDA Veranstalter der IAA.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45679748)