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Elektromobilität Chinas neue Antriebsstrategie: „Unterm Strich hatten Daimler und BMW recht“

| Autor/ Redakteur: Christoph Baeuchle / Svenja Gelowicz

In China rücken Verbrenner und Methanol in den Vordergrund. Die Neuausrichtung wirkt sich massiv auf die Branche aus – auch auf die deutschen Automobilhersteller. Inwiefern, das erklärt China-Experte Jochen Siebert von der Unternehmensberatung JSC Automotive im Interview.

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Jochen Siebert ist ein Kenner des chinesischen Marktes.
Jochen Siebert ist ein Kenner des chinesischen Marktes.
(Bild: JSC Automotive/Michael Ryan)

China hat den Fokus extrem auf E-Mobilität gelegt. Damit ist es jetzt vorbei. Stattdessen rücken Verbrenner und Methanol in den Vordergrund. Die Neuausrichtung wirkt sich massiv auf die Branche aus – auch auf die deutschen Automobilhersteller. Inwiefern, das erklärt China-Experte Jochen Siebert von der Unternehmensberatung JSC Automotive im Interview.

Herr Siebert, in Ihrem „New Energy Report China“ berichten Sie, dass sich China von der starken Fokussierung auf Elektrofahrzeuge abwendet. Worauf führen Sie dies zurück?

China hat seine Regulierungen dieses Jahr mehrfach spezifiziert. Durch die starke Fokussierung auf Elektromobilität hat China den Verbrenner vernachlässigt. In der Folge nahm der durchschnittliche Verbrauch zu, das Land braucht mehr Erdöl.

Und jetzt?

China rückt andere Technologien wie Methanol und den traditionellen Verbrenner wieder stärker in den Vordergrund, ihn sollen die Hersteller optimieren. Dafür hat das Land ein neues Segment geschaffen: Low Fuel Consumption Vehicles, kurz LFCV. Es gibt insgesamt acht Klassen, für die das Fahrzeuggewicht und die Zahl der Sitzreihen entscheidend sind. Überschreitet ein Fahrzeug das vorgegebene Verbrauchslimit nicht, wird das Fahrzeug nur mit einem halben Negativpunkt bewertet. Sonst mit einem ganzen.

Warum Methanol?

Methanol kann aus Kohle gewonnen werden, und in China gehen zahlreiche neue Kohlekraftwerke ans Netz. China fördert Methanol massiv. In den vergangenen Monaten wurden 100.000 Taxis von Benzin auf Methanol umgerüstet. Dabei lag der Zuschuss höher als die Umbaukosten.

Dabei hat China doch erst jüngst die Elektroquote eingeführt.

Die Quote für „New Energy Vehicles“ (NEV) besteht weiterhin. Im laufenden Jahr müssen batterieelektrische Fahrzeuge, Plug-in-Hybride und Brennstoffzellenautos auf einen Anteil von zehn Prozent kommen. Bis 2023 steigt die Quote jährlich um zwei Prozentpunkte.

In den vergangenen Jahren hat China die E-Mobilität massiv subventioniert.

Damit ist es vorbei. Die Subventionen wurden um 75 Prozent heruntergefahren, die lokalen Behörden dürfen nichts mehr beisteuern.

Warum rückt China von der Elektromobilität wieder ein Stück ab?

Die chinesische Regierung scheint davon auszugehen, mit den USA auf einen kalten Krieg zuzusteuern. Entsprechend gewinnt die Geostrategie an Bedeutung. Ziel ist es, autark zu sein. Der Umweltschutz und die CO2-Einsparungen rücken da weit in den Hintergrund.

Unterm Strich hatten Daimler und BMW recht.

Viele westliche Hersteller setzen mittlerweile auf E-Mobilität. Wie wirkt sich der Schwenk für sie aus?

Es wird weiterhin einen Markt für Elektrofahrzeuge geben, eben nicht mehr so groß wie ursprünglich erwartet. 2025 ist mit etwa 1,25 Millionen reinen Elektroautos zu rechnen, fünf Jahre später mit rund 3,5 Millionen.

Volkswagen hat den Fokus ausschließlich auf Elektroautos gerichtet.

Der Markt wird noch groß genug sein, dass VW seine Kapazitäten füllen kann. Aber es wird eine größere Herausforderung, das Werk mit Kapazitäten von 600.000 Einheiten zu füllen.

Hatten BMW und Daimler also recht, als sie statt für eine Festlegung auf E-Mobilität für Technologieoffenheit plädierten?

Unterm Strich hatten sie recht. Es war ja nicht das erste Mal.

Wesentlich stärker als die westlichen Hersteller sind viele chinesische Autobauer auf die E-Mobilität ausgerichtet. Was bedeutet der Schwenk für sie?

Das war alles subventionsgetrieben. Seit die Förderung zusammengekürzt wurde, ist alles zusammengebrochen. Die Fahrzeuge waren extrem billig gemacht. Keiner achtete auf Haltbarkeit, viele brannten einfach ab. Nicht zuletzt deshalb hat die Regierung eingegriffen.

Was heißt subventionsgetrieben?

Es war für die chinesischen Hersteller der schnellste Weg, um an Geld zu kommen. Rund 40 Milliarden Euro waren in den Subventionstöpfen. Da wurde von den Herstellern alles rausgeholt, was möglich war. Mit wenigen Ausnahmen wie Nio oder Byton sind dies keine tollen Fahrzeuge.

Kommen die chinesischen Hersteller mit ihren Elektroautos also nicht nach Europa?

Vergessen Sie das. Keiner der ehemaligen Marktführer würde eine Zulassung in Europa erhalten. Wer wirklich führend in der Technologie ist, sind die westlichen Hersteller. Volkswagen und die deutschen Zulieferer sind vorne dran.

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Über den Autor

 Christoph Baeuchle

Christoph Baeuchle

Chefreporter Automobilwirtschaft & Politik/Verbände