In China sind Behörden und Verbände um Normalität bemüht. Trotz steigender Verkaufszahlen auf dem Automobilmarkt steht die Industrie vor einer großen Herausforderung: der Abhängigkeit vom Westen.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet die »Automobil Industrie« regelmäßig über den chinesischen Automobilmarkt.
(Source: Deposit Photos)
Die vorsichtige Erholung der chinesischen Autoindustrie setzt sich fort. In der vom Coronavirus weltweit schwer getroffenen Industrie wird derzeit jeder positive Trend in China mit großer Erleichterung begrüßt, so auch die am Karfreitag (10. April) neu veröffentlichen chinesischen Verkaufszahlen für den Monat März.
1,43 Millionen Autos sind im vergangenen Monat in China verkauft worden, berichtete der chinesische Verband der Automobilhersteller (CAAM) am 10. April während einer Video-Konferenz. Das waren vier Mal so viele Autos wie im Februar, als die Mehrzahl der Chinesen noch wegen des Coronavirus daheimbleiben musste. Das waren jedoch immer noch 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
China: Autoindustrie mit Optimismus im Neustart
Nachdem China als erstes Land die Coronavirus-Krise für überwunden erklärt hat, versucht die Autoindustrie des Landes nun mit Macht auf den „Restart-Button“ zu drücken. Die meisten Händler haben wieder normal geöffnet, die ersten Kunden kehren zurück in die Showrooms, und Hersteller wie Politiker versuchen, gezielt Optimismus zu verbreiten. Nach Monaten schlimmer Zahlen im Zuge der Coronavirus-Krise gibt es auch erste objektive Lichtblicke.
Die Pandemie habe der Autoindustrie in China zwar einen „heftigen Schlag versetzt“, sagte Cai Ronghua, ein Beamter der Nationalen Reform- und Entwicklungskommission (NRDC) am Donnerstag (9. April) vergangener Woche. „Wir glauben aber, dass diese Situation vorübergehend ist und langfristig den aufstrebenden Trend der Industrie nicht beeinträchtigen wird“, so der Mitarbeiter der einflussreichen Planungsbehörde. Alle wichtigen Autohersteller in China hätten nun wieder die Arbeit aufgenommen, was er eine „relativ schnelle Erholung“ nannte.
Am Karfreitag gab es dann auch dazu optimistisch stimmende Zahlen: 99,5 Prozent aller Produktionsstandorte in China hätten bis zum 9. April wieder die Arbeit aufgenommen, und 86 Prozent aller Arbeiter seien bereits wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, berichtete CAAM in seiner Videokonferenz.
Auch Chinas Händler haben Positives zu berichten. Die Bestellungen für Neuwagen hätten sich immerhin bereits wieder auf mehr als 65 Prozent des Vorjahresniveaus erholt, gab die einflussreiche NRDC bekannt. Dies sei zwar „leicht schlechter“ als auf der Produktionsseite, aber insgesamt ließe sich schon sagen, dass „sich die Verkäufe auf dem Automarkt erholen“, fasste Chinas mächtigste zentrale Planungsbehörde die Situation zusammen.
Der Zustand der Wirtschaft verbessert sich. Die Hoffnung kehrt zurück.
Stephan Wöllenstein, CEO Volkswagen China
Die Coronavirus-Krise, die in China im Januar begann, hatte der chinesischen Automobilindustrie zuvor in den ersten beiden Monaten des Jahres massive Einbrüche sowohl bei der Produktion, als auch beim heimischen Absatz beschert. Im Februar etwa waren die Autoverkäufe um den historischen Rekordwert von 80 Prozent geschrumpft. Nach diesem tiefen Absturz konnte es dann fast nur noch wieder bergauf gehen. Die nun veröffentlichten Zahlen bestätigen dies auch.
Auch verhaltene Stimmen in China
Andere Marktbeobachter in China sind jedoch verhaltener in ihrem Optimismus, was die Markterholung betrifft. Man erwarte, dass sich „der flaue Absatz auf dem Automarkt mit langsamen Tempo erholt, während der Einfluss des Covid-19-Ausbruchs in vielen Landesteilen verblasst“, schrieb das chinesische Wirtschaftsmagazin Caixin.
Selbst chinesische Regierungsvertreter warnten vor allzu rosigen Erwartungen. Der Automarkt stehe vor Herausforderungen durch eine sich „abschwächende Nachfrage, weil die Verbraucher zögerlicher sind, Geld auszugeben“, zitierte Caixin Xin Guobin, Vizeminister im Industrieministerium MIIT.
Längst nicht überall in China strömen die Käufer schon wieder wie gewohnt in die Ausstellungsräume der Händler. Die Autoverkäufe hätten in etwa wieder „die Hälfte des Vorjahresniveaus“ erreicht, sagte Guo Junrong von der Association of Guangzhou Automobile Service Industry vergangene Woche gegenüber chinesischen Reportern.
Trotzdem lässt sich die derzeitige Stimmung in der Industrie durchaus als optimistisch bezeichnen – nach Monaten kompletten Stillstands geht es wenigstens irgendwie weiter. Ein wichtiger Meilenstein war die Wiederaufnahme der Autoproduktion in Wuhan, die am Mittwoch vergangener Woche (8. April) in Chinas Medien landesweit in einer koordinierten Propagandakampagne gefeiert wurde.
Wuhan, die Automobilhauptstadt Chinas, sei jetzt „wieder gestartet, und mehr als 200 Hersteller von Autos und Autoteilen haben die Produktion wieder aufgenommen“, schrieb das Nachrichtenportal Sina. „Letzten Monat haben wir Bestellungen für 25.800 Fahrzeuge erhalten“, zitierte Sina Zheng Chunkai, den Vize-Geschäftsführer der Dongfeng Honda Company in Wuhan.
Stand: 08.12.2025
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Ende März habe Honda daher in Wuhan die Produktion wieder auf etwa 50 Prozent hochfahren können. Mit der Rückkehr von 10.000 weiteren Angestellten, die vom Lockdown betroffen waren, erwarte er im April eine komplette Normalisierung der Produktionsleistung.
Coronavirus-Pandemie belastet Lieferkette
Während China nun allmählich um Normalität bemüht ist, sorgt die Ausbreitung des Coronavirus in Europa und den USA gleichzeitig für erhebliche Unsicherheit. „In der hochgradig integrierten Weltwirtschaft ist keine Region mehr eine ‚einsame Insel‘“, schrieb das Fachblatt „Yi Ou Auto“ am Donnerstag vergangener Woche.
Viele für die Autoproduktion benötigte Einzelteile würden noch immer nach China importiert, im vergangenen Jahr immerhin für rund 34 Milliarden Euro, so das Blatt. In den USA, Südkorea und Mexiko aber, wo 80 Prozent dieser Teile herkommen, ruhe derzeit die Produktion.
Eingeschränktes Marketing für neue Modelle
Stark betroffen von der Coronavirus-Krise sind auch weiterhin die Marketing-Aktivitäten sämtlicher Hersteller. Auto Shows und andere Ausstellungen sind eine nach der anderen abgesagt oder um viele Monate verschoben worden. Besonders neue Modelle nicht wie gewohnt vorstellen und vermarkten können, sei für viele Firmen „fatal“, schrieb das chinesische Fachmedium.
Weil die chinesische Autoindustrie also bisher keinesfalls zur Normalität zurückgefunden hat, häufen sich nun allmählich die öffentlichen Rufe nach staatlichen Interventionen zur Wiederbelebung der Nachfrage. Das einflussreiche chinesische Wirtschaftsmagazin Caixin lobte zwar die bereits von der Regierung verkündete Verlängerung von Steuererleichterungen beim Kauf von Elektro-Fahrzeugen um zwei Jahre bis zum Jahr 2022. Aber es fehle zur Zeit an „direkter finanzieller Unterstützung für den Verbrauch von traditionellen Autos mit Verbrennungsmotor, die ein größeres Produktions- und Verkaufsvolumen haben“, schreibt Caixin.
*Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.