In Europa werden weniger Autos gebaut, Zulieferer für das Interieur sind aber in einem wachsenden Markt aktiv. Der „Interieur-Hub for Sustainable Mobility“ fördert Innovationen in diesem Bereich. Die Hintergründe.
Innovationen im Interieur entwickeln und sichtbar machen – das ist die Aufgabe der InSuM-Initiative.
(Bild: InSuM)
Herr Grunden, Herr Hertzsch, die Transformation der Automobilindustrie vollzieht sich vorwiegend in der Antriebstechnik und der Software. Auf diese beiden fokussieren Sie sich mit Ihrer Initiative eben nicht, sondern auf das Interieur – warum?
Philipp Grunden: Weil die Ergebnisse dieser Transformation primär im Innenraum stattfinden. Mit automatisiertem und vernetztem Fahren wird das Fahrzeug vom Fortbewegungsmittel zum Erlebnisraum. User Experience, Design und digitale Funktionen übernehmen heute die Rolle, die früher PS und Beschleunigung hatten.
Marius Hertzsch: Das bedeutet auch: Für OEMs wird das Interieur zunehmend zum zentralen Differenzierungsmerkmal und für die Endkunden kaufentscheidend.
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Welche Auswirkungen wird diese Entwicklung auf den Markt des „Automotive Interior“ haben? Sie haben eine Studie zu diesem Thema erstellt.
Grunden: Zunächst ist der Interieur-Markt klar ein Wachstumsfeld – aktuell gehen die Prognosen von jährlichen Wachstumsraten im Bereich von etwa vier bis sechs Prozent aus. Das macht ihn für die mittelständischen Zulieferer, die wir unterstützen, attraktiv. Zugleich aber wird sich dieser Markt stark verändern: Es wird neue Funktionen, Materialien und Geschäftsmodelle geben. Und während der Antrieb durch Elektrifizierung tendenziell einfacher wird, steigt die Komplexität im Interieur deutlich. Der Innenraum entwickelt sich vom klassischen Komponentenmarkt hin zu einem integrierten System aus Hardware, Software und Services. Dadurch wird das Interieur zur Plattform für digitale Anwendungen und personalisierte Nutzererlebnisse.
Es ist also nicht selbstverständlich, dass die bisherigen, durchaus leistungsfähigen Zulieferer vom künftigen Wachstum des Interieur-Marktes profitieren werden.
Hertzsch: Genau – zumal neue Akteure aus Software, Verbraucherelektronik und Gaming in den Markt drängen und die klassische Lieferkette sich zu einem kooperativen Netzwerk wandelt. Etwa 80 Prozent der Wertschöpfung werden von Zulieferern erbracht – insbesondere sehr vielen KMU. Hier setzen wir mit InSuM an: Wir bringen gezielt Industrie und Forschung zusammen, initiieren Kooperationen und entwickeln Projektideen, um dieses Chancenfeld systematisch zu erschließen – unter anderem in den Aufgabenfeldern Werkstoffe, Sensorik und User Interfaces.
Welche Trends und Veränderungen werden den Markt prägen – zunächst bei den Werkstoffen? Und wie können Sie mittelständische Zulieferer hier unterstützen?
Hertzsch: Hier sehen wir aktuell eine enorme Dynamik, mit der Nachhaltigkeit als zentralen Treiber. Der Einsatz von Kunststoff-Rezyklaten nimmt zu, auch wenn die Verarbeitung gerade im Sichtbereich noch mit Herausforderungen verbunden ist. Parallel entstehen neue Ansätze wie biobasierte oder besser recyclingfähige Materialien beziehungsweise Baugruppen.
Grunden: Gleichzeitig geht es hier stark um Optik, Haptik und Funktionalität. Die Bandbreite wird deutlich größer, je nach Designphilosophie der OEMs: von warmen, wohnlichen Textiloberflächen bis zu sehr technischen, fast futuristischen Interieurs mit metallischen „Tech-Flair“-Designs. Spannend ist, dass über den Hub auch ganz konkrete Projekte entstehen. Über eines unserer Partnerinstitute haben wir etwa Entwicklungen im Bereich nachhaltiger Materialien angestoßen, etwa textile Sitzbezüge auf Basis von Garnen aus recyceltem Leder.
Welche Trends sehen Sie bei der Sensorik im Innenraum?
Hertzsch: Sensoren erfassen zunehmend Vitalparameter – das wird teilweise durch die Gesetzgebung getrieben. Sie erkennen Unaufmerksamkeit und können darauf nicht nur mit Warnungen reagieren, sondern auch durch Anpassung von Licht, Klima oder Sitzfunktionen. Hier entsteht ein ganz neues Aufgabengebiet, das neue und komplexe Herausforderungen mit sich bringt, insbesondere den Schutz der Privatsphäre bei optimaler Integrität der Fahrzeugsysteme und wachsenden Cyberangriffen. Hier geraten Authentifizierungsmechanismen, Cloud-Services und die Erhebung, Speicherung und Verarbeitung von Daten in den Fokus, vor allem wenn es um die Vitaldatenerfassung geht. Mit diesen Themen müssen die Fahrzeughersteller sehr sensibel umgehen, um nicht das Vertrauen zu verspielen, das sie sich erarbeitet haben.
Und beim User-Interface?
Grunden: Hier sehen wir gerade eine Neujustierung weg von den immer größeren Bildschirmen. Displays mit Touchfunktion werden weiterhin eine zentrale Rolle spielen, aber gleichzeitig reagieren OEMs auf das User-Feedback, dass klassische Bedienelemente in bestimmten Funktionen klare Vorteile haben, etwa bei der Regelung von Lautstärke oder Temperatur. Ergänzend gewinnt die Sprachsteuerung stark an Bedeutung.
In Ihrer Studie haben Sie zehn Top-Trends identifiziert, die das Interieur der Zukunft bestimmen werden. Bitte beschreiben Sie kurz zwei oder drei dieser Trends!
Hertzsch: Besonders spannend sind Trends, die einander begünstigen – etwa Sitze, Gaming und IT-Sicherheit. Im Interieur der Zukunft haben Sitze die Aufgabe, verschiedene Aufenthalts-Szenarien zu bedienen – etwa beim Fahren, Entspannen, Arbeiten oder Spielen. Das hat nicht nur Einfluss auf die Sitzeinstellung und die Sicherheitsgurte. Vielmehr werden die Sitze mit Infotainment-Systemen vernetzt. Vibrationsfeedbacks oder immersive Audioerlebnisse beim Videospiel mögen auf den ersten Blick als Spielerei erscheinen, aber sie ebnen den Werdegang des Interieurs in Richtung autonomes Fahren. Hier steckt großes Markt- und Veränderungspotenzial.
Die Systeme im Innenraum werden auch von Akteuren außerhalb der Automobilindustrie adressiert. Was können die Zulieferer tun, um angesichts der neuen und kompetenten Wettbewerber zu bestehen?
Hertzsch: Aus unserer Sicht müssen sie zunächst vorwiegend offen dafür sein, dass sich die Rahmenbedingungen ändern – und dann Komplementäre zu den eigenen Kompetenzen identifizieren und Kooperationen anstreben. Wir empfehlen ihnen auch zu diversifizieren und unterstützen sie dabei – sowohl mit bekannten Partnern in neuen Märkten als auch mit neuen Partnern in bestehenden Märkten.
Können Sie ein Beispiel für eine solche Unterstützung oder Partnerschaft nennen?
In einem InSuM-Projekt entwickelten dreizehn Partnerunternehmen eine Mittelkonsole mit zahlreichen neuen Ideen.
(Bild: InSuM)
Grunden: Ein gutes und aktuelles Beispiel ist unsere Mittelkonsole, die dreizehn InSuM-Partnerunternehmen aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam entwickelt haben – als Plattform, um ihre Kompetenzen zu demonstrieren. So konnten beteiligte Unternehmen unter Praxisbedingungen Kooperationserfahrungen sammeln. Diese Technik-Plattform entstand unter der Leitung eines unserer Partner-Institute in nur drei Monaten.
Was empfehlen Sie ganz generell den Interieur-Zulieferern?
Hertzsch: Wichtig ist gerade jetzt die regelmäßige Reflexion der eigenen Positionierung und des Umfelds. Das heißt: Trends für sich bewerten und mit den eigenen Kompetenzen und der eigenen Strategie in Beziehung setzen. Dabei kann auch ein Abgleich mit Partnern oder in einem Netzwerk sinnvoll sein. Zu bedenken ist auch, dass Trends zu Beginn gern überschätzt und langfristig unterschätzt werden – und oft rufen sie Gegentrends hervor, wie man an der Rückkehr von physischen Schaltern sieht.
Grunden: Auf einen einfachen Nenner gebracht: Passende Kooperationen suchen und sich über die Trends im eigenen Marktsegment und darüber hinaus informieren – das sind für die Zulieferer im Interieur zwei wesentliche Schlüssel zum Erfolg. Dann sind sie besser vorbereitet auf die Veränderungen, die mit hoher Geschwindigkeit kommen werden und nicht nur Risiken, sondern viele Chancen mit sich bringen.
Über das InSuM: Informationstransfer für Interieur-Zulieferer
Der vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte „Interieur-Hub for Sustainable Mobility“, kurz InSuM, spezialisiert sich auf Innovationen im automobilen Interieur und unterstützt mittelständische Zulieferer in diesem Bereich mit Trend- und Marktstudien, Wissensaufbereitung, Netzwerkveranstaltungen, Workshops und der Vernetzung von Industrie- mit Forschungspartnern. Das Konsortium, bestehend aus Automotive Thüringen, AMZ Sachsen, Bayern Innovativ und der TU Chemnitz mit dem CATI als An-Institut, verfolgt u. a. das Ziel, den Zulieferern spezifische Chancen im Wachstumsfeld des künftigen Interieurs aufzuzeigen. Eine der jüngsten Veröffentlichungen ist die Studie des InSuM mit dem Titel „Interieur der Zukunft – Trend- und Marktanalyse“.
Stand: 08.12.2025
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