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Wirtschaft Insolvenzen bei Automobilzulieferern: Schulden und fehlendes Eigenkapital

| Autor / Redakteur: Christian Otto, Svenja Gelowicz / Thomas Günnel

Die Zulieferbranche ist angeschlagen. Keine Woche vergeht ohne Insolvenzmeldung. Zwei Analysen bestätigen den Trend. Es sind vor allem die teils gewaltigen Schulden und eine schwache Eigenkapitalausstattung, die einzelne Unternehmen zu Pleitekandidaten machen.

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Zahlreiche Automobilzulieferer stehen in Folge der Corona-Pandemie vor Liquiditätsproblemen.
Zahlreiche Automobilzulieferer stehen in Folge der Corona-Pandemie vor Liquiditätsproblemen.
(Bild: ZF Friedrichshafen)

Finanzkennzahlen trügen nicht. Zumindest geben sie ein gutes Bild von der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens. Und die ist in der Zulieferbranche wenig überraschend sehr angespannt. Allerdings gibt es auch Ausreißer – coronabedingt derzeit vor allem nach unten. So ließen in den letzten Wochen zwei Analysen besonders aufhorchen: zum einen das bekannte Rating von Moody’s und zum anderen eine Auswertung der Finanzkennzahlen durch die Investmentbank FCF Fox Corporate Finance. Beide widmeten sich Lieferanten.

Moody’s hatte Anfang Mai verkündet, Autozulieferer zu überprüfen, nachdem die Liquidität vieler Unternehmen stark unter Druck geraten war. Die Ratingagentur bewertete 62 internationale Zulieferer. Davon stufte sie allein 24 Unternehmen herab. Die meisten von ihnen sanken um eine Stufe. Darunter finden sich unter anderem die deutschen Automobilzulieferer Continental, Adler Pelzer, Schaeffler und ZF. Die beiden letztgenannten rutschten im Rating dadurch sogar in den Bereich „spekulative Anlage“. Zwar blieb die Einschätzung des Ratings für die meisten 62 Zulieferer unverändert. Doch laut Moody’s sind die Aussichten für zwei Drittel der Lieferanten negativ.

Ein wenig Licht

Aber es gibt auch Lichtblicke: Immerhin 13 Ratings von 18 Investment-Grade-Zulieferern, also jenen Unternehmen, die mindestens eine durchschnittlich gute Anlage bieten, bestätigte Moody’s. Sie überzeugten durch ihr Geschäftsprofil, den freien Cashflow und die Liquidität zu Beginn des Jahres 2020. Darunter ist der Lichtspezialist Hella aus Lippstadt. Die besten Bewertungen erhielten Bridgestone und Magna.

Doch die Aussichten bleiben trüb: Moody’s rechnet mit potenziell schwerwiegenden Auswirkungen einer globalen Rezession auf die Geschäftsleistung und die Finanzkennzahlen. Auch wenn sich die Weltwirtschaft in Teilen erhole, sei die Prognose für die Absatzzahlen von Fahrzeugen weiterhin düster. Voraussichtlich würden die Verkaufszahlen bis mindestens 2022 unter dem Niveau von 2019 bleiben.

Die Moody’s-Einschätzungen werden indirekt von der Investmentbank FCF gestützt. Diese untersuchte die Finanzkennzahlen von 48 börsennotierten europäischen Zulieferern. Über die ernüchternden Ergebnisse berichtete zuerst das „Handelsblatt“: Vor allem kleine und mittelgroße Zulieferer hätten Schulden im gigantischen Umfang angehäuft. Der Grund dafür seien vor allem Transformationsprozesse.

Fehlendes Eigenkapital

Laut der Bankanalyse seien Verschuldungsgrad, Schuldendienstfähigkeit und Verschuldung zu Börsenbewertung bei den betrachteten Unternehmen zumeist im dunkelroten Bereich. Von der Gesamtmenge hat FCF nochmals 35 Unternehmen mit unter fünf Milliarden Euro Umsatz analysiert. 23 von ihnen stünden bei der Verschuldung auf einem kritischen Niveau oder verfügten über eine „bedenklich niedrige Eigenkapitalquote“. Von den deutschen Automobilzulieferern stehen der angeschlagene mittelfränkische Kabelspezialist Leoni und der Dichtungsspezialist Elring Klinger auf Status „kritisch“. Generell seien Zulieferer aus den Bereichen Antrieb oder Dämpfungen und Getriebe stark von einer Insolvenz bedroht.

Vor allem Leoni ragt bei der Auswertung von FCF negativ hervor: Der Zulieferer hat eine gigantische Verschuldungsquote von 27,2. Mit einer großen Lücke folgen Grammer mit dem Wert 6,8, Autoneum mit 5,4 und Pirelli mit 5,1. Zur Orientierung: Alle Werte, die dauerhaft über 2,5 liegen, sind kritisch. Auch Elring Klinger hat hier einen bedenklichen Wert von 3,8. Allerdings attestieren die Bankanalysten dem Zulieferer eine gute Eigenkapitalquote von 40 Prozent.

Insolvenzwelle erwartet

Sowohl die FCF-Zahlen als auch Moody’s Ratingeinschätzungen bestätigen einen Trend, der noch in diesem Jahr beziehungsweise 2021 zu einer Insolvenzwelle führen könnte. Der Kreditversicherer Euler Hermes geht davon aus, dass sich die Unternehmensinsolvenzen weltweit gegenüber 2019 um 35 Prozent steigern werden.

Wie stark es die Zulieferbranche hierzulande treffen könnte, hatte im Juni schon die Managementberatung Berylls Stratgey Advisors umrissen: Die Experten prognostizierten trotz Stützungsmaßnahmen für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) eine Versechsfachung der durchschnittlichen Insolvenzzahlen im Zeitraum März 2020 bis Mitte 2021. Das bedeutet laut Berylls: Circa 120 Automobilunternehmen werden vermutlich in die Insolvenz schlittern. Davon könnten bis zu 100.000 Arbeitsplätze betroffen sein.

Fakt ist jetzt schon: In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres haben in der deutschen Automobilbranche mehr Unternehmen Insolvenz angemeldet, als im gesamten vergangenen Jahr. Das zeigt eine Auswertung des Finanzberatungsunternehmens Falkensteg: 31 Unternehmen mit einem Jahresumsatz über zehn Millionen Euro sind demnach im Zeitraum von Januar bis Juni beim Insolvenzgericht vorstellig geworden.

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin