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Leoni-Chef Kamper: „Brauchen weder Arzt noch Pfarrer“

| Autor: Svenja Gelowicz

Der Zulieferer hat einen herben Verlust für das zweite Quartal ausgewiesen. Das schon angeschlagene Unternehmen kämpft wie viele andere mit einer schwachen Nachfrage in China. Vorstandschef Aldo Kamper gibt sich trotzdem optimistisch.

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Der Leoni-Standort Nis in Serbien.
Der Leoni-Standort Nis in Serbien.
(Bild: Leoni)

Dass der angeschlagene Kabelspezialist und Automobilzulieferer Leoni bei seiner Halbjahresbilanz kaum mit starken Zahlen aufwarten kann, war absehbar. Gerade jetzt, wo auch die gut aufgestellten Unternehmen mit einem schwachen Markt kämpfen, teils Stellen streichen und Produktionen herunterfahren. Und ja: Wieder hat Leoni Geld verloren. Für das zweite Quartal melden die Nürnberger einen Verlust von 44 Millionen Euro. Ein Jahr vorher verbuchte der Konzern ein Plus von 41 Millionen Euro. Vorstandschef Aldo Kamper schreibt das vor allem der Marktflaute zu, großteils der schwachen Nachfrage in China.

Das Ebit beziffert der Zulieferer für das zweite Quartal auf Minus 30 Millionen Euro (Vorjahr: + 62 Millionen Euro). Die Kabel- sowie die Bordnetzsparte schwächelten, der Umsatz sank wegen der schwachen Lage bei den Kunden aus der Autoindustrie um knapp sechs Prozent auf 1,25 Milliarden Euro.

Der freie Barmittelzufluss dürfte den Analysten und Investoren große Sorgen bereiten. Die Finanzkraft betrug Minus 72 Millionen Euro, im Vorjahr waren es noch Minus 29 Millionen Euro.

Leoni: Hausgemachte Probleme in den Griff kriegen

Doch Aldo Kamper will nicht nur aus der Krankenakte vorlesen. „Wir konnten die Produktion im mexikanischen Merida hochfahren, die Belastungen dafür sind mittlerweile fast vollständig abgeschlossen“, sagte Kamper. Die Situation habe sich stabilisiert, Kundenaufträge könnten nun planmäßig bedient werden und die zuletzt überbordenden Frachtkosten seien auf ein „normales Niveau“ gesunken. Das Projekt habe 22 Millionen Euro gekostet, welche sich auf das Ergebnis der Bordnetzsparte niederschlagen. Das Beispiel ist wohl eines, das Kamper meint, wenn er von einem konkreten Fahrplan sowie von „Selbstheilungskräften“ spricht und launisch anmerkt: „Wir brauchen weder Arzt noch Pfarrer“.

Mit dem im letzten Jahr aufgelegten Effizienzprogramm Value 21 will das SDax-notierte Unternehmen mit dem Erreichen der vollen Wirksamkeit in 2022 im Vergleich zu 2018 rund 500 Millionen Euro an strukturellen Kosten jährlich eingesparen. Im zweiten Quartal, so der frühere Osram-Manager Kamper, wurden 20 Prozent der Maßnahmen umgesetzt. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Trotzdem liegen noch große operative Herausforderungen vor uns, die wir mit Nachdruck angehen wollen“.

Denn die waren ein Auslöser für das Schlamassel der Nürnberger. Neben dem besagten Werk in Mexiko, in dem Bordnetze hergestellt werden sollen und das große Schwierigkeiten im Anlauf hatte, machten auch Produktionsstätten in Osteuropa Probleme. Dazu kam eine hohe Fluktuation, außerdem litt das Unternehmen unter Wachstumsschmerzen. Schon zum Jahresstart verkündete Kamper, das Tempo herausnehmen zu wollen und Stabilität zu finden – und den Wegfall von 2.000 Stellen in der Verwaltung, davon auch einige in Hochlohnländern. Die liegen in Europa, Nordamerika sowie Regionen in China. Laut Kamper steht dieser Plan aktuell noch genauso. Gerade fänden Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern statt, die sollen im Oktober abgeschlossen sein.

Das Geschäft mit der Kabelsparte

Um wieder in die Spur zu kommen, hat Leoni Mitte Juli den Verkauf oder Börsengang seiner Kabelsparte (WCS) verkündet. Die Division könnte so schneller ihr „volles Potenzial entfalten“, so Kamper, man bereite nun den Carve-out vor. Im nächsten Jahr soll der Schnitt dann vollzogen werden. Wo genau WCS eine neue Heimat finden wird, bleibt offen. Der Leoni-Chef betont, die Trennung von der Kabelsparte sei keine Liquditätsmaßnahme. „Wir sind solide finanziert, unser Cashbedarf ist im zweiten Quartal deutlich zurückgegangen.“ Als Hersteller von Tech-Komponenten mit einem „soliden Basisgeschäft“ sei WCS für einen Börsengang durchaus interessant.

Der Blick aufs zweite Halbjahr ist dennoch durchwachsen. Das Marktumfeld sei weiterhin volatil, Kamper rechnet mit „erheblichen Unsicherheiten“ – trotzdem soll sich das Ebit in der zweiten Jahreshälfte auf einen bis zu mittleren zweistelligen negativen Millionenbetrag verbessern.

In Sachen Free Cashflow will Leoni innerhalb einer Bandbreite etwa um das Niveau des ersten Halbjahres liegen. Mithilfe von Restrukturierungen, der Optimierung des Portfolios und nicht zuletzt der Hilfe des erfahrenen Beraters Hans-Joachim Ziems muss man Banken und Kreditversicherer wohl noch eine Weile bei der Stange halten. „Wir wollen ein langfristig gesundes und stabiles Unternehmen sein“, sagt Kamper. Selbstheilungskräfte hin oder her: Noch klingt das nach einer fernen Vision.

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Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin