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Nio ES6: E-SUV mit Kraft und Komfort

| Autor/ Redakteur: Benjamin Bessinger/SP-X / Maximiliane Reichhardt

Elf Monate nach dem Debüt des ES8 präsentiert Nio den ES6. Das zweite Serienmodell des chinesischen Start-ups konkurriert mit dem Audi E-Tron und dem Mercedes-Benz EQC und überrascht mit vielen Details. Nios Expansionspläne haben sich aber geändert.

Nur elf Monate nach dem Debüt des ES8 steht jetzt der ES6 als zweites Serienmodell in den Startblöcken.
Nur elf Monate nach dem Debüt des ES8 steht jetzt der ES6 als zweites Serienmodell in den Startblöcken.
( Bild: Nio )

Was Tesla kann, kann Nio schon lange. Zwar läuft bei dem Start-up aus China auch nicht alles rund, die Finanzdecke ist gefährlich dünn geworden und der Zeitplan ein wenig ins Wanken geraten. Doch zumindest die Produktoffensive rollt und nur elf Monate nach dem Debüt des ES8 ist jetzt der ES6 als zweites Serienmodell verfügbar – gerade noch rechtzeitig für das Rennen mit den deutschen Konkurrenten Audi E-Tron und Mercedes-Benz EQC, die ebenfalls noch in diesem Jahr ihren Weg nach China finden und sich auf dem mit Abstand größten und wichtigsten Markt für Akku-Autos behaupten sollen.

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Günstig und sportlich wie AMG & Co.

Mit dem ES6 werden die Stars unter den deutschen Stromern beim Auswärtsspiel einen starken Gegner haben. Denn der 4,85 Meter lange Geländewagen sieht gut aus, ist augenscheinlich sehr ordentlich verarbeitet – und ist trotz weitaus besserer Ausstattung mit Luftfederung, Head-Up-Display oder automatischer Abstandsregelung bei einem Grundpreis von 358.000 Renminbi oder umgerechnet gut 47.000 Euro mehr als ein Viertel billiger. Vor allem fährt er sehr ordentlich: Seine beiden E-Motoren leisten im besten Fall 400 Kilowatt und 725 Newtonmeter. Sie katapultieren den Wagen trotz seiner 2,3 Tonnen in 4,7 Sekunden auf Tempo 100 und wo Mercedes oder Audi bei 180 Sachen Schluss machen, lässt Nio dem ES6 Auslauf bis Tempo 200. Zwar ist der Nio gemütlicher abgestimmt, als man es für einen Geländewagen erwarten würde, der im Geiste auch mit AMG & Co konkurriert. Doch weil Nio seinen Einstand mit dem Rundenrekord auf der Nordschleife gegeben hat, muss sich auch der ES6 auf der Rennstrecke behaupten und macht seine Sache dort überraschend gut: Ein bisschen Fein-Tuning auf dem Weg nach Westen, und der ES6 schlägt sich auch beim Sport nicht viel schlechter als die übergewichtigen Power-SUV aus Affalterbach oder Garching.

Die Energie für dieses Engagement liefert ein Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von 70 Kilowattstunden, die für 430 Kilometer reichen soll. Wer 6.600 Euro mehr bezahlt, bekommt noch einmal 14 kWh extra und kann 80 Kilometer weiter fahren. Auch das passt ins Konkurrenzumfeld.

Ungewohnt variabler Innenraum

Während der ES6 mit E-Tron und EQC bei Antrieb und Akkus gleichauf ist, sind die Chinesen den deutschen in einigen Punkten sogar voraus: Nicht nur, dass er neben dem winzigen Display hinter dem Lenkrad einen riesigen Touchscreen in der Mittelkonsole hat und dass einem aus dem Armaturenbrett ein kleiner Kamerad anblinzelt, der als „Nomi“ dem digitalen Sprach- und Bediensystem im Stil von Siri & Co buchstäblich ein Gesicht gibt. Über die Spielereien für die Digital Natives hinaus gibt es ein paar echt praktische Details, die bei uns noch nicht einmal ein Maybach zu bieten hat: So ist die seitlich offene Mittelkonsole groß genug, dass darin die Handtasche oder die High Heels der Beifahrerin verschwinden. Der Schminkspiegel hat mehr Format als in einer Garderobe am Filmset in Hollywood. Und wo Mercedes & Co ein Raumparfüm bieten, hat Nio eine Duftorgel mit gleich fünf Kartuschen montiert. Statt wie so viele gelangweilte Passagiere im chinesischen Dauerstau die Füße unter die Frontscheibe legen zu müssen, kann man sie im Nio bequem auf einem Ottomanen im Fußraum abstellen. Wie sonst nur im Flugzeug in der Business Class oder im Fond mancher Luxuslimousine lässt sich beim Nio der Beifahrersitz elektrisch in eine Liege verwandeln. Und wer dem Nachwuchs auf dem Rücksitz den Schnuller reichen will, der muss sich nicht mühsam verrenken, sondern kann seinen Sitz mit einem Knopfdruck entriegeln und dann so weit nach hinten fahren, bis der Stuhl am Rücksitz anschlägt.

Batteriewechsel in drei Minuten

Der Luxussessel für den Sozius und das erste Tamagotchi der PS-Welt – das mögen Spielereien sein, die in China besser ankommen als in Deutschland und vielleicht nicht über wohl und Wehe des ES6 entscheiden. Doch beim Ladekonzept sieht das etwas anders aus. Denn neben einer konventionellen Schnellladung hat Nio gleich noch zwei einzigartige Szenarien in petto. Wem im Nirgendwo der Saft ausgeht, der ruft den „Charching Van“, der wie eine riesige Powerbank voller Akkus steckt und so überall Starthilfe geben kann. Und wer es eilig hat, fährt an eine der mittlerweile knapp zwei Dutzend „Power Stations“ (in China), die Nio, ähnlich wie Tesla seine „Supercharger“, an den wichtigsten Überlandstrecken installiert hat. Dort werden die Batterien nicht geladen, sondern automatisch gewechselt. Das dauert im besten Fall nur drei Minuten und verkürzt den Boxenstopp auf Zeiten, wie man sie nicht einmal vom Benziner kennt, sagt Vizechef Lihong Qin. Doch bevor jetzt auch Europäer hellhörig werden, rudert er schnell zurück. Denn so ein Netzwerk außerhalb Chinas aufzubauen, hält er für denkbar unwahrscheinlich. Nicht nur wegen der Kosten, sondern vor allem wegen der Genehmigungen. „An den Verwaltungsakt trauen wir uns gar nicht zu denken.“

Expansionspläne auf Eis gelegt

Technisch auf Augenhöhe mit Audi und Mercedes, im Innenraum sogar schon weiter und dazu noch deutlich günstiger – es ist je nach Perspektive eindrucksvoll oder erschreckend, was Nio in fünf Jahren auf die Beine oder besser auf die Räder gestellt hat. Doch bei aller Bewunderung hat auch dieses Start-up den Mund ein wenig zu voll genommen. Denn die ehrgeizigen Expansionspläne sind erst einmal auf Eis gelegt. War der Start außerhalb Chinas ursprünglich schon zum Wechsel der Dekade geplant, bittet Mitgründer Qin jetzt um ein bisschen mehr Geduld. Wiederholt hat er neues Geld eingesammelt, um damit den Start in der Heimat zu schaffen. Doch für den Export muss er die Kassen erst wieder füllen. „Dieses Geld müssen wir hier in China verdienen“, sagt Qin und schielt auch deshalb gespannt auf die Verkaufszahlen des ES6, der schon bald den ES8 überflügeln soll. Das ist auch nötig. Denn mit den im ersten Jahr knapp 20.000 Autos ist die Fabrik gerade mal zu einem Fünftel ausgelastet. Doch wenn der Absatz anzieht, dann wird auch der Aktionsradius größer, verspricht Qin und will sich mit E-Tron & Co bald auch im Auswärtsspiel messen: „Vielleicht nicht gleich dieses oder nächstes Jahr, aber spätestens in fünf Jahren sind wir auch in Europa auf dem Markt“.

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