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Entwicklung

Projektmanagement beim automatisierten Fahren

| Autor/ Redakteur: Richard Backhaus / Sven Prawitz

Für das automatisierte Fahren müssen die Systeme und Bauteile gut vernetzt sein. Das erhöht nicht nur den Anspruch an die Technik, sondern führt auch zu einem sehr viel komplexeren Projektmanagement – vor allem für die Automobilhersteller.

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Automatisierte Fahrfunktionen entstehen durch vernetzte Komponenten über mehrere Ebenen. Das macht solche Systeme komplex.
Automatisierte Fahrfunktionen entstehen durch vernetzte Komponenten über mehrere Ebenen. Das macht solche Systeme komplex.
(Bild: IAV)

Bekanntlich gilt das automatisierte Fahren als eine der Schlüsselentwicklungen künftiger Fahrzeugkonzepte – wer nicht vorne mit dabei ist, läuft Gefahr, hinten herunterzufallen. Viele Unternehmen unterschätzen dabei jedoch den Schritt von den automatisierten Funktionen des Levels 2 (definierte Autonomiestufen nach SAE J3016), die eher noch der Fahrerassistenz zuzuschreiben sind, zum Level 3, bei dem sich das Fahrzeug eine gewisse Zeit ohne Eingriff des Fahrers fortbewegen kann.

„Weil wir seit Jahren erfolgreich Fahrassistenzsysteme entwickeln, scheint uns der Weg von Level 2 zu Level 3 ein kleiner, systematischer Schritt zu sein. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass genau das Gegenteil der Fall ist“, erklärt Timm Kellermann, Geschäftsführer von „Consulting4Drive“, einem auf Beratung und Prozessmanagement spezialisierten Tochterunternehmen des Entwicklungsdienstleisters IAV. Aus seiner Sicht wird an dieser Stelle eine fundamentale Grenze im bisherigen Geschäftsmodell der Automobilindustrie überschritten.

Denn: Ab Level 3 übernimmt der Hersteller und nicht der Fahrer zeitweise die Verantwortung für den sicheren Betrieb des Fahrzeugs. Die OEMs müssen deshalb aus Gründen der Funktionssicherheit viele Probleme des vollautomatisierten Fahrens höherer Stufen bereits für Level 3 lösen.

Gesamtsystementwicklung gewinnt an Bedeutung

Parallel zur Höhe des Automatisierungslevels gewinnt die Entwicklung des Gesamtsystems statt einer einzelnen Funktion an Bedeutung. Eine Herausforderung sind die starken Wechselwirkungen zwischen Sensoren, technischer Architektur und Software. Im Zuge der Integration führt der hohe Vernetzungsgrad im Fahrzeug häufig zu Abhängigkeiten, die sehr spät im Entwicklungsprozess umfangreiche Hardware- und Softwareänderungen an den Teilsystemen erfordern, damit das Gesamtsystem die funktionalen Anforderungen erfüllt.

Die entsprechenden Entwicklungs- und Absicherungsprozesse werden dadurch deutlich komplexer. Zudem nimmt der Zeitdruck bei der Funktionsentwicklung generell weiter zu: Es müssen also in immer kürzerer Zeit immer komplexere Probleme gelöst werden. Die erforderliche Projektmanagementaufgabe, welche die Automobilhersteller in den vergangenen Jahren zunehmend auf die Zulieferer als ihre Gesamtsystemlieferanten übertragen hatten, müssen sie dabei wieder verstärkt selbst übernehmen oder spezialisierte Dienstleister wie Consulting4Drive einschalten. Denn automatisierte Fahrfunktionen höherer Level werden in den seltensten Fällen von einem Zulieferer allein entwickelt und als Komplettfunktion angeboten.

Größe der Projektteams steigt sprunghaft

Mit den wachsenden Anforderungen vollautomatisierter Fahrfunktionen nimmt auch die Größe der Entwicklungsteams rapide zu. Während sich diese bei Projekten für automatisierte Funktionen des Levels 2 in der Regel noch aus wenigen Personen zusammensetzten, die aus verschiedenen Abteilungen des Unternehmens und von maximal drei Zulieferern stammten, erfordert die Komplexität des automatisierten Fahrens ab Level 3 die Zusammenarbeit sehr vieler Fachbereiche.

Infolgedessen steigt die Personenstärke der Projektteams sprunghaft an, da mehr Abteilungen des Automobilherstellers sowie beteiligter externer Zulieferunternehmen involviert sind und ihr Spezialwissen einbringen. Die Entwicklungsteams werden dadurch immer interdisziplinärer und größer, umfassen viele unterschiedliche und teilweise neue Player, auch ohne Automotive-Hintergrund, die weltweit verteilt sind. Timm Kellermann: „Bei einigen der von uns betreuten Projekte arbeiten zum Teil sieben Firmen mit 700 Personen an mehr als 20 Standorten und in drei Zeitzonen.Diese Personen stammen aus über 30 Ländern.“

Entsprechend hoch ist der Aufwand der Projektsteuerung, um die vielen Teammitglieder zu koordinieren und auf dem Stand der neuesten Informationen zu halten. „Vernachlässigt man diese Aufgabe, sind Probleme bei der Projektumsetzung vorprogrammiert“, so Kellermann.

Herausforderung: Arbeitskultur

Bei international aufgestellten Teams ergeben sich durch unterschiedliche Kommunikations-, Umsetzungs- und Arbeitskulturen weitere Herausforderungen. So schaut man in Europa eher auf die Lastenheftanforderungen, während in Asien Vertrauen und Zielorientierung arbeitsprägend sind. Auch unterschiedliche Sichtweisen der Automobil- und der IT-Welt mit ihren schnelleren Produktentwicklungszyklen bergen Problempotenzial.

Hier muss ein gemeinsames Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse im Automobilbereich aufgebaut werden, denn was bei einem Smartphone einfach per Software-Update gelöst werden kann, führt im Automobilbereich unter Umständen zu kritischen Sicherheitsmängeln und teuren Rückrufen.

Daten zentral verwalten

Als Lösungsansatz hat Consulting4Drive einen flexibel einsetzbaren Baukasten mit Managementwerkzeugen entwickelt. Er besteht aus verschiedenen Elementen der Bereiche Management-Consulting, technische Beratung, operatives Engineering und Projektmanagement. Ein Baustein ist die sogenannte Joint-Operations-Plattform, mit der die Projektmitglieder wichtige Informationen zentral ablegen und austauschen, miteinander kommunizieren oder Termine und Projektstände abgleichen können.

Ein anderer Aspekt ist, die Projektpartner schon im Vorfeld auf die Herausforderungen des Projekts vorzubereiten und ihnen deutlich zu machen, dass unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen eine Bereicherung und nicht kontraproduktiv für das Projekt sind.

Spitze des Eisbergs

Allem Anschein nach bildet der Entwicklungskomplex des automatisierten Fahrens nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, denn wachsende Herausforderungen bei der Steuerung immer größerer Projektteams könnten auch in anderen Bereichen der Automobilentwicklung zu einem Problem werden. „Die wesentliche Charakteristik der Projekte zum automatisierten Fahren besteht in ihrem hohen Technologie- und Innovationsgrad.

Daher sind die Probleme dort lediglich zuerst zutage getreten. Sie sind jedoch grundsätzlicher Natur und ergeben sich aus der Transformation der Automobilwelt durch die Digitalisierung“, sagt Timm Kellermann. Das Management des Entwicklungsprozesses hat demnach das Potenzial, zum Dauerthema bei künftigen Automobilinnovationen zu werden.

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