Vinfast Vietnamesischer Autohersteller kommt nach Europa

Von sp-x

Vinfast ist der größte Autohersteller in Vietnam. Jetzt will er seine Fahrzeuge mit prominenter Unterstützung auch nach Europa und in die USA bringen.

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Auf der Los Angeles Auto Show hat Vinfast zwei Modelle enthüllt.
Auf der Los Angeles Auto Show hat Vinfast zwei Modelle enthüllt.
(Bild: Vinfast)

In seinem Job hat Michael Lohscheller schon die halbe Welt gesehen. Schließlich war er für VW Finanzchef in den USA und dann als Opel-Chef in ganz Europa und weit über die Grenzen des Kontinents hinaus aktiv; selbst nach China und Australien hat er damals die Firmen-Fühler ausgestreckt. Doch nach Vietnam hat er es noch nicht einmal im Urlaub geschafft. Denn wie die meisten Deutschen hatte auch er das Land im Südosten Asiens nicht eben im Fokus. Aber das hat sich vor ein paar Monaten geändert, als er plötzlich bei Opel den Hut nahm und wenige Tage später als Global CEO bei Vinfast wieder aufgetaucht ist.

Vinfast startet mit elektrischen SUV

Aber wer bitte ist Vinfast? Daheim kennt die Marke mittlerweile jedes Kind. Schließlich ist das der größte Autohersteller Vietnams. Doch genau wie ihr Heimatland ist die Marke im Rest der Autowelt ein großer Unbekannter. Und Lohscheller ist angetreten, um das möglichst schnell zu ändern. Denn nachdem die Autosparte der Vin Group erst den heimischen Markt aufgerollt hat, drängt sie jetzt – wie es sich gehört in diesen Tagen, natürlich mit einer rein elektrischen Flotte – in den Export und will im neuen Jahr parallel die USA und wichtige Märkte in Europa erobern.

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Die ersten Autos für dieses Abenteuer, zwei SUV im Format von BMW X3 und X5, hat Lohscheller gerade auf der Autoshow in Los Angeles enthüllt. Den Rest der Export-Flotte will er Anfang Januar auf der CES in Las Vegas zeigen, und im vierten Quartal will er sie zunächst in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden verkaufen.

Rund 200.000 Zulassungen jährlich in Vietnam

Der Mann, der Lohscheller nach Vietnam geholt hat, ist Pham Nhat Vuong und so etwas wie die asiatische Antwort auf Bill Gates. Denn seine vor nicht einmal 30 Jahren in der Ukraine gegründete Vin Group ist mittlerweile eines der größten Privatunternehmen in ganz Asien, das in Vuongs Heimatland Vietnam vom Krankenhaus über Supermärkte und Freizeitparks bis zum Ferienressort so ziemlich alles betreibt, womit sich Geld verdienen lässt.

Die Firmengruppe hat ihn zudem zum ersten Milliardär und damit zum reichsten Mann Vietnams gemacht. Einen mit über fünf Milliarden Dollar erklecklichen Teil dieses Vermögens hat Vuong in sein nächstes Abenteuer gesteckt und damit vor vier Jahren den Automobilhersteller Vinfast gegründet. Und der hat es in kürzester Zeit ziemlich weit gebracht: Mit nur mäßig modifizierten Lizenzbauten des bisherigen BMW X5 und des Fünfers, und einem Kleinwagen auf Basis des Opel Karl Rocks, kommt Vinfast unter den jährlich rund 200.000 Zulassungen in Vietnam bereits auf acht Prozent und ist damit eine feste Größe im Geschäft – die vielen hunderttausend E-Scooter und die Elektrobusse noch nicht mitgerechnet.

E-Busse und E-Scooter vielleicht bald auch in Europa

Die elektrischen Busse und die Scooter ohne Gestank und Geknatter kann sich Lohscheller auch in seiner Export-Flotte vorstellen. Doch die bisherigen Pkw-Modelle werden ihren Weg kaum aus Vietnam herausfinden, sondern wohl auch dort über kurz oder lang ein- und umgestellt. „Denn die Zukunft ist elektrisch“ holt Lohscheller ein paar alte Sprechkarten aus Opel-Tagen aus der Tasche und predigt auch für die neue Marke eine neue Zeit.

Die Autos für diese neue Zeit werden gemeinsam mit deutschen Zulieferern wie Bosch oder ZF entwickelt, mit asiatischen Batterien von LG Chem bestückt und von Italienern eingekleidet. Pininfarina in Turin hat mit dem E35 und dem E36 zwei ziemlich klassische SUV gezeichnet, die mit einem patriotischen „V“ als LED-Signatur im Kühler und einer markanten Fenstergrafik an der Flanke zwar durchaus eigenständig auftreten, die aber weder innen noch außen aus dem üppigen Feld der Konkurrenten herausstechen.

E-Autos möglicherweise ab 45.000 Euro

Ähnlich wie Lexus oder jüngst Genesis in der alten Welt fehlt offenbar auch Vinfast der Mut für etwas richtig Neues. Dabei sind die Vietnamesen doch angeblich so froh darüber, dass sie keine lange Tradition mit sich herumschleppen müssen und deshalb auf einem weißen Blatt Papier anfangen konnten. Zu Leistung und Reichweite schweigen sich die Macher noch aus und der einzige Hinweis zu den Preisen ist die Absicht „auf jeden Fall im Premium-Segment“ anzutreten, dort aber mit „günstigen Tarifen“ zu locken, so dass ein voll elektrischer E35 wohl nicht unter 45.000 und ein E36 nicht unter 55.000 Euro zu haben sein dürften.

Neues Konzept für Vertrieb und Service

Lohscheller ist Realist genug, um zu wissen, dass er damit allein kaum punkten kann. Denn niedrige Preise und hohe Ansprüche bedienen mittlerweile auch China-Marken wie Aiways oder MG, und mit seinen alten Arbeitgebern wird er sich dann auch wieder herumschlagen müssen. Deshalb setzt er vor allem auf ein neues Konzept für Vertrieb und Service, das den Unterschied machen soll. So wird es nur eine E-Auswahl an Flagship-Stores geben, in denen Interessenten ihren Erstkontakt mit Marke und Modellen haben sollen.

Alles weitere passiert dann zu Hause beim Kunden: „Wir bringen den Test- und Neuwagen nach Hause. Wenn es mal ein Problem gibt, dann kommen auch unsere Service-Techniker zum Kunden und reparieren vor Ort und für den Fall, dass der Wagen doch mal in die Werkstatt muss, lassen wir dem Kunden ein Ersatzauto da“, umschreibt er ein Konzept, wie es das bislang allenfalls bei Highend-Marken wie Maybach oder Rolls-Royce gegeben hat.

Fabrik für 250.000 Autos im Jahr

Auf die Frage, was Vietnam von den USA oder Europa und Vinfast von VW oder Opel unterscheidet, kommt Lohschellers Antwort wie aus er Pistole geschossen: „Die Geschwindigkeit: Egal ob Entscheidung oder Umsetzung, hier geht einfach alles schneller,“ schwärmt der Manager „Wo andere 48 Monate brauchen, um ein Auto zu entwickeln, gelingt das hier in 18“, rühmt er die Vietnamesen.

Und dass sie das Werk in Hai Phong tatsächlich in 21 Monaten gebaut haben, mag er noch immer kaum glauben. Schließlich steht die 135 Hektar große Fabrik für 250.000 Autos im Jahr auf einer künstlichen Insel, die auf geologisch bedenklichem Terrain angelegt werden musste. Aber wo sonst schicken sie mal eben 6.000 Arbeiter auf eine Baustelle, und das alles ohne jede Gewerkschaft?

Auch Lohscheller muss sich beeilen

Tempo musste allerdings auch Lohscheller machen. Schon die 14 Tage Quarantäne nach seinem Umzug wurden quasi zur permanenten Vorstandssitzung, weil alle Führungskräfte im gleichen Ferienressort einquartiert wurden, erinnert sich der Auswanderer: „Ein praktischer Nebeneffekt, wenn auch jede Menge Hotels zur Firmen-Gruppe gehören“. Seitdem versucht er, Schritt zu halten und Pham Nhat Vuongs hochtrabende Pläne zu erfüllen.

Dienstlich mag ihm dieses Tempo vielleicht gelingen. Privat allerdings hat der passionierte Marathon-Läufer damit noch so seine liebe Mühe. Denn angesichts der extrem hohen Luftfeuchtigkeit fallen ihm lange Distanzen und hohe Geschwindigkeiten in Vietnam schwerer als anderswo. Aber damit kann Lohscheller leben. Erstens dürfte er in den nächsten Monaten ohnehin nicht viel Zeit haben für Marathon-Läufe, und zweitens führen ihn die Expansionspläne seiner Firma ja auch wieder in gemäßigte Klima-Regionen.

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