Strategie „Accelerate“ Wie Volkswagen zum Tech-Konzern werden will

| Aktualisiert am 05.03.2021Autor: Svenja Gelowicz

„Wir werden Volkswagen in den kommenden Jahren so stark verändern wie nie zuvor“, kündigte VW-Markenchef Ralf Brandstätter am Freitag an. Die Details zur strategischen Neuausrichtung, die die Zukunft des Konzerns sichern soll.

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VW-Markenchef Ralf Brandstätter: „Während Wettbewerber noch mitten in der Elektro-Transformation stecken, gehen wir mit großen Schritten in Richtung digitale Transformation.“
VW-Markenchef Ralf Brandstätter: „Während Wettbewerber noch mitten in der Elektro-Transformation stecken, gehen wir mit großen Schritten in Richtung digitale Transformation.“
(Bild: Volkswagen)

Der Wolfsburger Autobauer hat am Freitag (5. März) seine neue Strategie namens „Accelerate“ vorgestellt. Das Programm stellt die Weichen für den Konzern bis zum Jahr 2030. Der Tenor: Nachdem der Konzern das Modellportfolio unlängst mit aller Kraft elektrifiziert, liegt der Fokus nun auf dem Schwenk zum Tech-Konzern.

Von allen großen Herstellern hat Volkswagen die besten Chancen, das Rennen zu gewinnen.

Digitale Dienste sollen für Volkswagen zur Kernkompetenz und zu einer neuen Einnahmequelle werden. Denn die Digitalisierung, nicht die Elektromobilität, sei „der wahre Gamechanger“, so VW-Markenchef Ralf Brandstätter bei der Präsentation. Mit dem Programm „Accelerate“ will Volkswagen das Tempo bei Auto-Software nun massiv erhöhen.

„Von allen großen Herstellern hat Volkswagen die besten Chancen, das Rennen zu gewinnen. Während Wettbewerber noch mitten in der Elektro-Transformation stecken, gehen wir mit großen Schritten in Richtung digitale Transformation“, heißt es von Brandstätter weiter.

Zellmer: Dreistellige Millionenbeträge durch digitale Dienste

Die digitale Ausstattung der Fahrzeuge wird standardmäßig so ausgelegt, dass alle möglichen Funktionen schon grundsätzlich vorinstalliert sind und die Nutzer sie dann je nach Nachfrage und Fahrprofil freischalten lassen können. Durch dieses Vorgehen soll auch die bislang teure Vielfalt und Komplexität in der Fertigung durch verschiedene Grundvarianten sinken. Vertriebschef Klaus Zellmer sagte, es sei denkbar, dass ein solches Modell „durchaus dreistellige Millionenbeträge in die Kassen bringen“ könne.

Volkswagen hat außerdem eigens eine ID Digital genannte Projekteinheit gegründet, um ab Sommer im Zwölf-Wochen-Takt Software-Updates aufzuspielen. Der Konzern will in zwei Jahren mindestens eine halbe Million Fahrzeuge als vernetzte Flotte auf den Straßen haben. Die ID-Modelle stehen dafür an der Spitze.

VW will 2030 autonom fahren

Außerdem treibt Volkswagen das Thema autonomes Fahren voran. Erst vor einer Woche hat das Unternehmen verkündet, seinen ID Buzz mit entsprechender Technik auszustatten. Bis 2030 soll autonomes Fahren in der Breite verfügbar sein.

Herbert Diess sprach jüngst von einem Preis von sechs Euro, die das autonome Fahren kosten soll. Kunden könnten die Funktion beispielsweise als Option tageweise buchen. Dafür müssen die Modelle serienmäßig mit einem System zum autonomen Fahren ausgerüstet sein. Die Kosten für die Technik sollen den Neuwagenpreis dabei nicht erhöhen. Aus Konzernkreisen heißt es, der fünfstellige Euro-Betrag für das System soll sowohl über die gebuchte Nutzung, als auch über Kosteneinsparungen durch die oben erwähnte reduzierte Komplexität erzielt werden.

Milliardeninvest in Digitalisierung und Elektrifizierung

Experten schätzen Software unlängst als wettbewerbsentscheidendes Know-how ein und warnen, dass die etablierte Autoindustrie dringend an Fahrt aufnehmen muss. Denn einige Tech-Konzerne stehen unlängst bereit und drängen immer stärker in die Mobilitätsindustrie.

Insgesamt will Volkswagen bis zur Mitte des Jahrzehnts etwa 16 Milliarden Euro in Digitalisierung, E-Mobilität und Hybridisierung stecken. „Accelerate“ soll dabei die Effizienz steigern. Der Konzern strebt bis zum Jahr 2023 eine operative Marge von mindestens sechs Prozent an und will „resilienter“ gegen Marktschwankungen sein. In Zahlen heißt das: die Fixkosten sollen bis 2023 um fünf Prozent sinken, die Produktivität in den Werken um fünf Prozent jährlich steigen. Die Materialkosten will der Konzern um sieben Prozent optimieren.

VW: Mehr Tempo bei der E-Flotte

Mehr Tempo will Volkswagen bei der Elektromobilität gehen. Der Ausbau der Flotte reiner E-Fahrzeuge soll bei Volkswagen unter dem Druck verschärfter Klimaziele schneller vorangehen als bisher geplant. Bis 2030 sollen in Europa nun 70 Prozent der Gesamtverkäufe auf diese Antriebstechnik entfallen, sagt Kernmarken-Chef Ralf Brandstätter. Das bedeutet eine Verdoppelung der bislang geplanten Quote für batterieelektrische Fahrzeuge. VW hatte einen solchen Schritt bereits im Rahmen seiner Strategieplanung bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts angekündigt.

Angesichts des EU-Ziels, den Treibhausgas-Ausstoß in den kommenden zehn Jahren um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu senken, müssen etliche Autohersteller ihre eigenen Vorgaben verbessern. Bei VW hatte es zunächst unter anderem geheißen, dass allein im europäischen Heimatmarkt jährlich 300.000 Elektroautos der Kernmarke mehr gebaut werden müssten. Woher die dafür nötigen Batteriekapazitäten kommen sollen, wurde zuletzt noch diskutiert. In der Fertigung stellt der Konzern weitere Werke auf E-Autos um.

Mit Material von dpa

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Redakteurin im Ressort Management