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Altran-Campus in direkter Nachbarschaft zu VW

| Autor: Christian Otto

Der französische Engineering-Spezialist Altran platziert sich in direkter Nachbarschaft zu Volkswagen in Wolfsburg. Mit einem Campus will er das gesamte Ökosystem bedienen und vor allem dem Kostendruck begegnen. Heute (27.September) war die offizielle Grundsteinlegung.

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So soll der Engineering-Campus von Altran in Wolfsburg nach der Fertigstellung aussehen.
So soll der Engineering-Campus von Altran in Wolfsburg nach der Fertigstellung aussehen.
(Bild: Altran)

Das nennt man gutes Timing: Während der Volkswagen-Konzern das Ausrollen des elektrischen Hoffnungsträgers ID.3 forciert, der stärker als bisherige Fahrzeuge auf die Endkunden zugeschnitten sein soll, platziert sich der Engineering-Spezialist Altran mit einem Campus in Wolfsburg. Damit vollziehen die Franzosen einen strategischen Schritt in Richtung eines ihrer größten Kunden, den sie bisher zwar schon vor Ort betreuten, aber eben nicht gebündelt angehen konnten.

Werner Ferreira, Group Senior Vice President Central Europe & CEO Altran Germany, sieht einen klaren organisatorischen Mehrwert: „Bis dato hatten wir die Mitarbeiter im Raum Wolfsburg auf neun Standorte verteilt. Da verliert man Effizienz und Innovationskraft. Am Campus kriegen wir die verschiedenen Fachabteilungen zusammen.“

Die erste Phase des Baus soll im ersten Quartal 2021 abgeschlossen sein. Der Komplex soll neben Büroflächen auch Labore und Werkstätten umfassen. Inhaltlich geht es dann um Vehicle Engineering, Electrics/Electronic (Infotainment), Elektrifizierung, Fahrautomatisierung und Digital Engineering/PLM. „Wir arbeiten vor Ort vor allem an Themen wie der Konnektivität und Vehicle-to-X sowie dem autonomen Fahren“, betont Ferreira.

Erfahrungen mit PSA

Altran will noch eine weitere Kompetenz einbringen, die aus der langen Zusammenarbeit mit dem PSA-Konzern resultiert. Und die heißt: Kosten sparen. Denn alle OEMs stehen laut Ferreira vor der Herausforderung, neue Technologien zu implementieren und dafür Geld freizumachen. Meist spare man dafür beim klassischen Engineering. Hierfür verfolgt Altran schon lange den Global-Shore-Ansatz. „Doch das erfordert nicht nur eine weltweite, sondern eben auch eine lokale Präsenz beim Kunden“, so der Deutschland-Chef.

Near- und Offshore zahle sich gerade beim Thema Software aus. Nicht nur aus Kostengründen, wie Peter Fintl, Director of Technology & Innovation bei Altran, erklärt: „Wir haben also lokal immer das Kunden-, Produkt- und Funktionsverständnis und global dahinter die Softwarefactory. Die Kollegen in Portugal, Marokko, Indien oder der Ukraine arbeiten auch für Firmen wie IBM, Google oder Microsoft aus den Techumfeld und können deshalb extrem komplexe Arbeitsumfänge in einen sehr guten Prozess umsetzen.“

Und die neue ID.-Familie von Volkswagen passt laut Fintl mit der konsequenten Ausrichtung auf den Endverbraucher zu den Altran-Kompetenzen. Zuletzt sei vor allem die Nachfrage im Bereich User Experience sehr hoch gewesen. Hier hat sich Altran mit der Firma Frog, einem globalen Design-, Innovations- und Strategieunternehmen, schon Anfang letzten Jahres verstärkt.

Lieferkette im Blick

Die Kompetenz im Bereich IT dürfte nochmals zunehmen. Denn der avisierte Kauf von Altran durch den internationalen Top-IT-Berater Capgemini verspricht weitere Vorteile. Das Zusammenwachsen von IT- und Engineering-Kompetenz wird durch diese Option noch greifbarer. Allerdings ist der Deal noch nicht abgeschlossen.

Altran denkt derweil mit der Präsenz in Wolfsburg nicht nur an den Kunden VW, sondern auch an dessen Ökosystem. „Wir bedienen mit dem Engineering-Campus neben Volkswagen die großen Tier-1 wie Bosch und andere Zulieferer wie LG rund um die Themen Infotainment und Vernetzung. Wir können also die gesamte Lieferkette von dort angehen.“ Auch hier denkt der EDL strategisch: Der Umsatz mit den Zulieferern macht laut eigenen Angaben derzeit etwa 20 bis 30 Prozent des Geschäfts aus.

Das könnte sich verändern: Die Altran-Manager registrieren, dass sich die Verantwortlichkeiten zwischen OEMs und Zulieferern verschieben. „Die hohen Investitionen der Lieferanten in die Elektromobilität und das autonome Fahren führen zu einer höheren Nachfrage unserer Leistungen durch diese Kundengruppe“, so Fintl. Diese erhöhte Nachfrage will der Dienstleister am Wolfsburger Campus personell abbilden: „Das Engineering-Center wird in drei Phasen aufgebaut. Am Ende wollen wir dort 1.200 bis 1.500 Mitarbeiter ansiedeln. Derzeit haben wir ein Präsenzteam von 600 bis 700 Mitarbeiter vor Ort“, erklärt Werner Ferreira.

Im Kampf um die Köpfe setzt man auf ein attraktives Employerbranding, wohl wissend, dass man immer wieder neue Angebote für die Fachkräfte kreieren muss. Dass Altran trotz des erwarteten Abschwungs in Wolfsburg investiert, rührt auch aus der Überzeugung, dass es nicht zu solch einer Krise wie 2009 kommen werde. Ferreira will mit seinem Unternehmen die Antworten auf die Herausforderungen für die Kunden liefern. Das sei mehr Chance als Risiko.

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Über den Autor

 Christian Otto

Christian Otto

stellvertretender Chefredakteur, AUTOMOBIL INDUSTRIE