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Blind-Spot-Detection mit Lidar: 5 Fragen an Blickfeld

| Autor: Svenja Gelowicz

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat jüngst die Diskussion um Abbiegeassistenten für Lkws befeuert. Mit Lidar-Technik will das Sensor-Start-up Blickfeld die gefährlichen toten Winkel sicher machen.

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Abbiegeassistenten sind – gerade auch politisch befeuert – ein wichtiges Thema: Zu viele Lkws haben sie nicht, das führt zu teils tödlichen Unfällen.
Abbiegeassistenten sind – gerade auch politisch befeuert – ein wichtiges Thema: Zu viele Lkws haben sie nicht, das führt zu teils tödlichen Unfällen.
(Bild: Daimler)

382 Fahrradfahrer sind im vergangenen Jahr in Deutschland bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Während die Zahl der Verkehrstoten insgesamt zwischen 2010 und 2017 um 13 Prozent gesunken ist, blieb die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer nahezu konstant. Besonders schwere Folgen haben Unfälle mit Lastwagen. Bei etwa jedem dritten Unfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Lkw beteiligt waren, handelte es sich um einen Abbiege-Unfall. Bei Unfällen mit einem Lkw trugen Radfahrer laut Statistischen Bundesamt nur in rund 20 Prozent der Fälle die Hauptschuld.

Über solche Unfälle mit Lastwagen ist jüngst eine politische Diskussion entbrannt – im Fokus der Debatte stehen Abbiegeassistenten, also elektronische Hilfssysteme für Lkw-Fahrer. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer startete die „Aktion Abbiegeassistent“ und setzt damit auf eine freiwillige Umrüstung. In den Verhandlungen über den Haushalt 2019 will er sich für einen neuen Fördertopf einsetzen – für Nach- und Umrüstungen von Lkws.

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Die Grünen hingegen fordern Sanktionen für Lkws ohne Abbiegeassistenten – konkret soll laut Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar für solche der Mautbetrag pro Tag um fünf Euro erhöht werden.

Das Start-up Blickfeld aus München will Lidar-Sensoren für Blind-Spot-Detection nutzen – also für den Abbiegeassistenten. Blickfeld hat damit den Start-up-Pitch des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gewonnen. Gründer Florian Petit erklärt im Gespräch mit »Automobil Industrie«, was Lidar als technische Lösung für den Abbiegeassistenten leisten kann.

Herr Petit, herzlichen Glückwunsch zum Pitch-Sieg. Eigentlich will Blickfeld automatisiert fahrenden Autos das Sehen beibringen. Beim BMVI haben Sie nun vorgestellt, wie man Lidar-Technik für einen Abbiegeassistenten nutzen kann.

Florian Petit: Wir schauen über den Tellerrand. Tote Winkel mit Lidar zu erfassen, hatten wir auch früher schon auf dem Schirm. Zum Beispiel auch für städtische Müllwagen, die hinten blind sind. Denkbar ist Lidar also für automatisch zu überwachende Sicherheitsbereiche rund um das Fahrzeug. Wir sind eine Technologiefirma und wir wollen zeigen, dass Technik rund um automatisiertes Fahren einen Mehrwert an verschiedenen Stellen bringen kann – zum Beispiel eben für Fahrradfahrer.

Was kann Lidar besser als die bislang üblichen Technologien zur Blind-Spot-Detection, zum Beispiel Radarsensoren?

Petit: Aktuell gibt es dafür Ultraschall-, Radar- und kamerabasierte Systeme. Radar und Ultraschall haben meist nicht die nötige Auflösung, um zum Beispiel Radfahrer zuverlässig als solche zu klassifizieren. Insbesondere sind Fahrradfahrer, die parallel zum Fahrzeug fahren, für Radar oder Ultraschall extrem schwer zu handhaben – es gibt viele Fehlalarme. Kameras wiederum können keinen Abstand messen. Da müssen dann ein Computer beziehungsweise die entsprechenden Algorithmen die Daten interpretieren – was wiederum fehleranfällig ist.

Lidar-Sensoren hingegen sind prädestiniert für diesen Anwendungsfall: Die hohe Auflösung und der große Überwachungsbereich der Sensoren eignen sich sehr gut dafür. Außerdem sind sie klein. Dass sie bislang noch nicht eingesetzt werden scheitert natürlich daran, dass es heutzutage noch keine Lidar-Sensorik gibt, die in den benötigten Stückzahlen zur Verfügung steht. Unser kleines, günstiges Gerät – sofern eben diese Stückzahlen dahinter stehen – ist da aus unserer Sicht eine gute Lösung.

Sie sagen günstig. Ist Lidar-Technik nicht teurer als bestehende Systeme, auch wenn sie in den von Ihnen erwähnten Stückzahlen vorhanden ist?

Petit: Ultraschallsysteme kosten ein paar Euro und auch Radar-Sensoren sind ein Massenprodukt. Da haben wir natürlich keine Chance. Die Systeme von Blickfeld kosten ein paar Hundert Euro. Aber: Aus meiner Sicht ist es eben keine Lösung, ein System einzusetzen, das nicht richtig funktioniert.

Wie weit seid ihr in puncto Lidar als Abbiegeassistent? Gibt es schon konkrete Projekte?

Petit: Bisher gab es dazu Gespräche. Wir wollen das jetzt evaluieren und einen Prototypen aufbauen. Bis das System ausgereift ist, dauert es noch. Wir wollen erst mal technisch beweisen, dass sich Lidar gut für Blind-Spot-Detection eignet. Parallel wollen wir Partner für Tests an Land ziehen. Wir testen beim autonomen Fahren ja bereits unsere Prototypen und haben immer noch das Ziel, die ersten Produktanläufe im nächsten Jahr zu haben.

Bei dem BMVI-Pitch sagten Sie, dass es ein System für Blind-Spot-Detection auch als Nachrüstung geben soll.

Petit: Das Ziel ist auf jeden Fall, das System nachrüstbar zu machen. Dafür braucht es zwei Dinge: Bauraum und Funktionalität. Wenn der Bauraum nicht gegeben ist, dann brauchen wir über Funktionalität nicht reden. Für Bestandsfahrzeuge braucht man ein entsprechend kleines System, das unter dem Seitenspiegel befestigt werden kann – etwas größer als eine Zigarettenschachtel.

Im Video: Florian Petit von Blickfeld erklärt beim Start-up-Pitch des BMVI, wie Lidar-Technologie für Abbiegeassistenten genutzt werden kann (ab Minute 50).

Mit Material von dpa

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 Svenja Gelowicz

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Autojournalistin