CES 2023 Bits und Bytes schlagen PS

Von Holger Holzer/SP-X

Das Auto der Zukunft soll weniger von Motor und Fahrwerk definiert werden als von Software und Vernetzung. Zu sehen war diese Entwicklung auch auf der weltweit wichtigsten Elektronikmesse in Las Vegas.

Die neue Automarke Afeela will mit Vernetzung punkten.
Die neue Automarke Afeela will mit Vernetzung punkten.
(Bild: Sony/Honda)

Während die klassischen Automessen an Boden verlieren, gewinnen Software- und Elektronik-Shows an Relevanz für die Fahrzeugbauer. Auf der Fachbesuchern vorbehaltenen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas zeigten sie, was das Auto und die Mobilität der Zukunft definieren soll.

Anders als von IAA und Co. gewohnt, standen die klassischen Autobauer in der Glücksspiel-Metropole aber eher in zweiter Reihe. Haupt-Protagonisten waren die Anbieter von Unterhaltungs-Elektronik – schließlich wurde hier vor mehr als 50 Jahren der erste Videorekorder gezeigt. Und auch die DVD begann in der Wüste Nevadas ihre Karriere. Da passt es ganz gut, dass eine der interessantesten Auto-Premiere ausgerechnet vom ehemaligen Branchen-Primus Sony kam. Der japanische Unterhaltungselektronikriese stellte gemeinsam mit Autobauer Honda eine neue Marke für Premium-Elektroautos vor. Die Modelle von Afeela sollen ab 2026 vor allem durch Vernetzung und die nahtlose Einbindung des Infotainmentsystems überzeugen. Zum Antrieb der viertürigen E-Limousine sagen beide Partner bislang hingegen eher wenig.

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BMW-Studie und ZF-Shuttle

Die Abkehr vom klassischen PS- und Hubraum-Fokus war auch auf dem BMW-Stand zu sehen. Die Münchner präsentierten mit der Studie i Vision Dee ein Fahrzeug, bei dem vor allem das Innenraum-Erlebnis im Zentrum steht. Geprägt wird das durch den Verzicht auf die ansonsten bei neuen Autos inflationär verbauten Bildschirme. Stattdessen werden in der Limousine im Dreier-Format alle Infos in die Windschutzscheibe projiziert, das Armaturenbrett und der Platz hinterm Lenkrad bleiben frei. In Serie soll die Technik ab 2025 bei den Modellen der „Neuen Klasse“ gehen.

Dass es für die Autoindustrie eine Zukunft jenseits individueller Freude am Fahren gibt, zeigte unter anderem ZF. Der Zulieferer präsentierte einen autonom fahrenden Shuttle-Bus mit Platz für 22 Insassen, der in Kürze tausendfach als Verkehrsmittel in amerikanischen Städten unterwegs sein soll. Zunächst mit 40 km/h, später mit Tempo 80 – aber immer ohne Fahrer. Im Vergleich mit dem bereits im Einsatz befindlichen ersten People-Mover-Modell des Unternehmens, ist der Neue deutlich selbstständiger unterwegs, benötigt keine eigenen Fahrspuren mehr, sondern wuselt sich mit Sensorhilfe durch den allgemeinen Verkehr.

Dort könnte er auf den ebenfalls in Las Vegas präsentierten Holon Mover treffen. Das Robo-Shuttle fällt etwas kleiner aus als das Modell von ZF, bietet aber ähnlich autonome Funktionen. In Deutschland könnte der 15 Gäste fassende Kasten ab 2024 in Hamburg an der Start gehen, zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts.

Autozulieferer werden zu IT-Konzernen

Dass man auch ohne komplettes Fahrzeug auf dem Markt der modernen Mobilitätsdienste mitmischen kann, zeigte unter anderem Bosch. Die Stuttgarter präsentierten das Innenraumüberwachungssystem „Ride Care Companion“ für kommerzielle Fahrdienste und Robotaxis. Der Mix aus E-Call-Notruf und Dash-Cam beobachtet per Kamera den Fahrzeuginnenraum und speichert Bilder im Falle eines ungewöhnlichen Ereignisses in einer Cloud. Über einen SOS-Knopf kann darüber hinaus eine Sprach- und Videoverbindung zu einem Callcenter-Mitarbeiter aufgebaut werden.

Derartige gebührenpflichtige Dienstleistungen dürften künftig immer mehr Unternehmen der Autobranche in ihr Portfolio aufnehmen. Nötig dafür ist eine große Rechenkapazität. Unternehmen wie Bosch, ZF und auch andere Zulieferer werden daher mittlerweile zu IT-Konzernen.

In Las Vegas rückte aber zunächst ein etablierter Chiphersteller seinen neuen Zentralrechner ins Zentrum. Qualcomms Snapdragon Ride Flex soll ab 2025 in ersten Fahrzeugen zu haben sein und als zentrale Schnittstelle für alle Bereiche im Fahrzeug fungieren – von Assistenzsystemen bis zum Infotainment. Zudem ist die Einbindung in Cloud-Dienste möglich, etwa für die Nutzung von Over-the-Air-Updates oder herunterladbarer Ausstattungen. Genaue Leistungsdaten nennt das Unternehmen mehr als ein Jahr vor Produktionsstart noch nicht.

Mercedes will eigenes Schnellladenetz aufbauen

Dass man auch ohne konkretes Produkt in Nevada an der richtigen Adresse ist, wenn es um Mobilität der Zukunft geht, nutzte Mercedes-Benz. Die Schwaben kündigten vor Ort den Aufbau eines eigenen weltweiten Ultraschnell-Ladenetzes an. Begonnen mit dem Bau der 350 kW schnellen Säulen für Eigen- und Fremdkunden wird in den USA.

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Vergleichsweise traditionell mutete da im Vergleich der Auftritt von VW an, die als einer der wenigen Aussteller ein serienfertiges und kurz vor Einführung stehendes Auto ins Scheinwerferlicht rollten: den ID.7 – allerdings noch in leuchtender Tarn-Lackierung gehalten. Die legt das elektrische Passat-Pendant im Frühjahr ab, wenn er seine echte Premiere feiert. Auf den Markt kommt er ab dem Sommer, unter anderem in Europa und den USA.

Der CES-Auftritt des ID.7 soll schon mal Aufmerksamkeit wecken und vielleicht den ein oder anderen geplanten Tesla-Model-3-Kauf verhindern. Mit einer ähnlichen Mission war Peugeot in die USA gekommen: Die Franzosen, seit kurzem dank Konzern-Fusion Schwestermarke von Chrysler, Dodge und Co., bereiten mit einem elektrischen Showcar ihren Markteintritt vor. Die Studie Inception setzt dabei vor allem auf eine spektakulär scharf geschnittene Karosserie. Und einen E-Antrieb mit großer Reichweite.

Den gibt es künftig auch bei einem durch und durch amerikanischen Konzernmitglied: Die Stellantis-Nutzfahrzeugmarke Ram gab einen Ausblick auf ihren Elektro-Pick-up, der künftig gegen Ford F-150 Lightning und Konsorten antreten soll.  (kt)

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