Entwicklungsdienstleister

EDL-Circle 2017: Branche muss sich optimieren

| Autor: Christian Otto

Der EDL-Circle feierte in diesem Jahr in Würzburg seine Premiere: »AI«-Redakteur Christian Otto eröffnete die Veranstaltung.
Der EDL-Circle feierte in diesem Jahr in Würzburg seine Premiere: »AI«-Redakteur Christian Otto eröffnete die Veranstaltung. (Bild: Stefan Bausewein)

Erfolgreiche Premiere: Ende November traf sich die Managementebene der Entwicklungsdienstleister beim EDL-Circle der Fachzeitschrift »Automobil Industrie«. Die Gäste diskutierten dort über die Fachvorträge und die eigene Branche.

Die Fachzeitschrift »Automobil Industrie« berichtet umfänglich über die Branche der Entwicklungsdienstleister (EDL). Insbesondere das jährlich im Mai erscheinende EDL-Booklet – nächstes Jahr zum neunten Mal – nimmt die führenden Engineering-Unternehmen unter die Lupe und bildet sie in einer umfassenden Marktübersicht ab.

Doch über die Rolle als Wissensplattform hinaus, bietet die Fachzeitschrift nun mit ihrer dazu passenden Veranstaltung – dem EDL-Circle – auch eine Oberfläche, auf der sich das Management der EDL-Szene ungezwungen fachlich, aber auch persönlich austauschen kann. Die Veranstaltung feierte Ende November in Würzburg ihre Premiere und durfte Top-Manager führender Entwicklungsdienstleister begrüßen.

Dabei erwartete die Gäste ein Mix aus interessanten Vorträgen – die ihr Tagesgeschäft betreffen – und die Möglichkeit, sich in einem tollen Ambiente auf Augenhöhe auszutauschen. Denn: Auf historischem Boden, nahe der Würzburger Residenz, trafen Partner aber auch Mitbewerber aufeinander. Doch alle Unternehmen eint, dass sie sich als Vordenker der Zulieferer- und OEM-Kunden den gleichen Herausforderungen ausgesetzt sehen.

Dieselaffäre traf auch die EDL-Branche

Herausforderungen war auch das Stichwort für den ersten Vortrag, bei dem Christian Kleinhans, ehemals Gründungspartner der Managementberatung Berylls Strategy Advisors und nun im Management von Valmet Automotive, genau diese nochmals für die Zuhörer analysierte. Dabei nahm er zu Beginn seiner Ausführungen eine Bestandsaufnahme vor und attestierte der EDL-Branche ein erneut schwieriges Jahr. Vor allem die Diesel-Affäre und die damit verbundenen Sparrunden bei VW, aber auch die Reaktionen der anderen OEMs, blieben nicht ohne negative Folgen für die Entwickler.

Vorbild Zulieferer

Vor diesem Hintergrund appellierte Kleinhans an die „fortlaufende Optimierung der Kostenstruktur“ und nannte die Zulieferer als Beispiel für ein gelungenes Vorgehen. Denn die Lieferanten hätten in der Vergangenheit die abgewälzten Kosten der OEMs durch die richtigen Maßnahmen kompensiert und trotzdem noch erfolgreich gewirtschaftet. Insbesondere der Best-Cost-Country-Ansatz, also die Präsenz in weniger lohnintensiven Ländern, habe zu diesem Erfolg beigetragen. Diesen Schritt hält Kleinhans auch für die EDL für entscheidend.

Daneben sollten die Manager die stete „Professionalisierung der Serviceplattform“ vorantreiben. Insbesondere die großen EDL müssten die langfristigen Vergaben mit einem hohen Volumen gewinnen, um das eigene Geschäft absichern zu können. Dafür müsse man in der gesamten Breite Kompetenz vorhalten und auch ein attraktives Angebot anbieten. Und da gilt es laut Kleinhans „alle Kostenhebel zu ziehen.“

Diesem stark auf die EDL-Branche fokussierten Blick folgte ein Beitrag von Professor Erich Schöls, Gründer und Leiter des Steinbeis Forschungszentrums Design & Systeme der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg. Seit 2012 beraten Professor Schöls und sein Team unter anderem den Bereich Advanced Digital Design der Daimler AG und waren an der Entwicklung des Konzeptfahrzeugs Mercedes-Benz F 015 beteiligt.

Begehrlichkeit des Fahrzeugs

Unter dem Titel „Das Automobil als selbstfahrendes Hypermedium“ ging Schöls auf die Veränderungen des Deutschen liebsten Kindes ein. Dabei warf er vor allem einen Blick darauf, was Fahrzeuge künftig begehrenswert machen würde. Da insbesondere das Thema Fahrspaß bei immer höher automatisierten Fahrzeugen eine geringere Rolle spielen dürfte, werden es digitale Lösungen im Innenraum sein, die den neu gestalteten Lebensraum Auto für die Kunden reizvoll machen werden.

Hier sieht Schöls auch viel Potenzial für die Entwicklungsdienstleister. Gleichzeitig ermutigte er, ähnlich wie Tesla-Gründer Elon Musk, die richtigen Geschichten zu erzählen. Denn trotz der enormen technischen Fähigkeiten der deutschen Automobilbranche gelinge es ihr nicht, in gleicher Weise wie Tesla ein Antriebskonzept in dieser Form bei den Kunden zu platzieren. Schöls hofft deshalb auch, dass es der deutschen Branche gelingt „dem Thema Brennstoffzelle nochmals neues Leben einzuhauchen“. Über 125 Jahre Technologiekompetenz zeigen aus seiner Sicht, dass die deutsche Automobilindustrie viel richtig gemacht hat.

Ein Vorteil der hiesigen Industrie sei weiterhin, dass sie „neue Werte“ schaffen könne. Während die US-Amerikaner es beherrschen, entlang bestehender Technologien zu arbeiten, müssten es die deutschen OEMs, Zulieferer aber auch Entwicklungsdienstleister vermeiden, „redundante Informationen zu entwickeln“.

Nach diesen zwei Vorträge, welche die Branche und ihre Veränderungen betrachteten, sollte der dritte Beitrag tiefer in ein technologisches Konzept einsteigen, das als wesentlicher Treiber für die Vernetzung der Autoindustrie gilt: Gemeint ist der Mobilfunkstandard 5G. An dessen Entwicklung arbeitet unter anderem Sebastian Rettlinger, der nicht nur Gruppenleiter im Bereich HMI Entwicklung der Telemotive AG ist, sondern derzeit auch seine Doktorarbeit im Bereich Kommunikationsnetze an der Technischen Universität Dresden schreibt. In Dresden findet er das perfekte Umfeld für seine Forschung, da dort auch der Deutsche Telekom Lehrstuhl für Kommunikationsnetze verortetet ist.

Aus den Fehlern von 3G lernen

Rettlinger zeigte anhand derzeitiger Erprobungsszenarien, was der Einsatz von 5G für die Connectivity-Anwendungen im Fahrzeug bedeuten kann. Insbesondere die Latenzzeiten bei der Car-to-Car-Kommunikation könnten dabei enorm vermindert werden. Das könne beispielsweise mögliche Unfälle von hintereinander fahrenden Autos verhindern. Dafür arbeitet Rettlinger mit Kollegen auch konkret auf Teststrecken. Dieser anwendungsorientierte Ansatz des 5G Labs hat laut dem Mobilfunkspezialisten vor allem ein Ziel: „Wir wollen aus den Fehlern von 3G lernen“.

Die Abschlussnote der Vortragsreihe setzte ein Vertreter der e.GO Mobile AG, die als neuer Hersteller in einer enormen Geschwindigkeit einen eigenen Elektro-Kleinwagen auf den Markt bringt. Matthias Kreimeier, Vice President Full Vehicle, ging in seinem Vortrag nicht nur auf das Unternehmen und seine eigene Philosophie ein, sondern richtetet seinen Blick auch auf die neuen, agilen Formen der Produktentwicklung. Sie sind die Basis für den schnellen Weg zum Endprodukt. Um es zu verdeutlichen: Das Unternehmen wurde 2015 gegründet und will bis Mitte nächsten Jahres das erste Serienmodell – den e.GO Life – auf die Straße bringen.

e.Go Mobile: Agil und kosteneffizient

Kreimeier verwies insbesondere auf den Start-up-Charakter des Unternehmens und die immer wieder gestellte Frage, was der Kunde eigentlich benötigt, wenn er elektrisch im urbanen Umfeld unterwegs ist. Das Ergebnis dieses Denkansatzes brachte die Entwickler aus Aachen zu jenem Kleinwagen mit Leichtbautechnologie, der laut dem Manager jetzt schon 1.800-mal vorbestellt worden ist. Insbesondere die Geschwindigkeit, mit der das Unternehmen auch Änderungen des Lastenheftes in das Produkt einfließen ließ, fand bei den anwesenden EDL-Verantwortlichen Beachtung.

Natürlich setzt ein solcher Ansatz vor allem auf bestehende Technologien, die man von Zulieferern problemlos bezieht und nicht explizit für das Fahrzeug entwickeln lässt. Das spart Kosten. Kreimeier setzte den Entwicklungsaufwand des e.GO Life dabei ins Verhältnis zu dem der aktuellen E-Klasse von Mercedes-Benz. Der sei sicher wesentlich geringer, benötige aber auch wesentlich weniger Geld: „Für die aktuelle E-Klasse hat Mercedes-Benz eine Milliarde Euro investiert. Wir haben für den e.GO Life 50 Millionen Euro zur Verfügung.“

Eintrittshürde in EDL-Branche sinkt

Dass e.GO Mobile sehr ambitionierte Ziele verfolgt, machte eine weitere Ankündigung deutlich: „Wir planen, insgesamt 15 Modelle auf die Straße zu bringen“, erklärte Matthias Kreimeier. Dafür wachse der Campus in Aachen und auch das Unternehmen selbst ist in einem stetigen Veränderungsprozess vom Start-up hin zu einem OEM, der aber seine Agilität nicht verlieren will. Ob für das geplante Wachstum auch externe Partner wie EDL künftig eine größere Rolle spielen, blieb offen. Das Beispiel verdeutlichte den anwesenden Managern zumindest, dass die Einstiegshöhe für Branchenneulinge deutlich gesunken ist.

Die Eindrücke dieses vielfältigen Programms nahmen die Gäste in die exklusive Abendveranstaltung mit: Im Staatlichen Hofkeller der Würzburger Residenz setzten die EDL-Manager nicht nur die angeregten Gespräche fort, sondern erhielten auch einen Einblick in die fränkische Weinkunst. Im nächsten Jahr soll der EDL-Circle wieder eine Basis für die Vernetzung der EDL-Branche bieten. Auch dann wird die Managementebene der Engineering-Dienstleister wieder ein Mix aus interessanten Fachbeiträgen und einem hochwertigen Rahmenprogramm erwarten.

EDL-Branche: „Kostenstrukturen optimieren“

Interview mit Christian Kleinhans

EDL-Branche: „Kostenstrukturen optimieren“

27.10.17 - Christian Kleinhans, Senior Advisor in der Geschäftsentwicklung von Valmet Automotive, sieht die Branche der Engineering-Dienstleister unter enormem Druck. Als Vorbild könne man sich die Zulieferer nehmen, die permanent Kosten senken und dafür auch ins Ausland gehen. lesen

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