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Automobilzulieferer IT-Services in Deutschland: Die Digitalisierung braucht Fachkräfte

| Autor: Christian Otto

IT-Dienstleister dürfen sich weiter über volle Auftragsbücher freuen: Die Automobilindustrie braucht ihre Expertise. Doch es fehlen Fachkräfte. Wie sich der deutsche IT-Markt entwickelt, stellt das Marktforschungsunternehmen Lünendonk jetzt in einer Studie vor.

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Was tut sich auf dem deutschen IT-Markt? Das Marktforschungsunternehmen Lünendonk hat die Entwicklungen in einer Studie ermittelt. Im Bild: Das Industry X.0 Innovation Center des IT-Dienstleisters Accenture.
Was tut sich auf dem deutschen IT-Markt? Das Marktforschungsunternehmen Lünendonk hat die Entwicklungen in einer Studie ermittelt. Im Bild: Das Industry X.0 Innovation Center des IT-Dienstleisters Accenture.
(Bild: Accenture)

Die Meldung ließ die IT- und Engineering-Dienstleisterbranche Ende Juni aufhorchen: Capgemini will Altran übernehmen. Damit schmieden die beiden französischen Unternehmen einen Technologieberatungsanbieter, der mehr als 250.000 Spezialisten industrieübergreifend anbieten kann und 17 Milliarden Euro Gesamtumsatz erreicht. Für den Marktführer Altran will Capgemini 3,6 Milliarden Euro bezahlen.

Capgemini ist auch im Ranking der aktuellen Lünendonk-Studie zum Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland nach oben geklettert: Mit dem Geschäft hierzulande überschreitet das Unternehmen die 1-Milliarde-Euro-Umsatzgrenze. Damit steht es auf Platz vier, hinter Accenture, T-Systems und IBM. „Im nächsten Jahr dürfte durch die geplante Übernahme von Altran nochmals ein Sprung folgen“, prognostiziert der Autor der Studie, Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk & Hossenfelder.

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Mit dem Deal richtet sich Capgemini anders aus als beispielsweise der Mitbewerber Accenture, der stärker auf Themen wie Customer Experience und vor allem Digital Marketing setzt. Dort schaue man in Richtung Agenturgeschäft.

„Capgemini dagegen geht in Richtung Business Transformation, beispielsweise durch die Verknüpfung von R&D, Produktion und IT-Backend “, so Zillmann. Für den Dienstleister ist es wegen der bereits bestehenden Nähe zur Automobilindustrie sinnvoll und konsequent, auch ins Engineering zu gehen. Zudem basieren die Produkte dort künftig noch stärker auf Software.

Mehr M&A erwartet

Dass sich Deals wie der zwischen Capgemini und Altran häufen werden, schließt der Branchenkenner nicht aus. Denn die Kunden vergeben immer größere und stärker integrierte Workpackages. Das macht es laut Zillmann notwendig, mehrere Einzeldisziplinen zu verbinden, da man im Automotivebereich die Hard- und die Softwareentwicklung kaum noch trennen könne.

„Wenn Sie das trennen, dann oft in einem agilen Kontext, um digitale Lösungen wie Car Konfiguratoren oder Connected-Car-Dienste schnell auf den Markt zu bringen. Wenn Sie als OEM aber nicht wirklich stark in der Steuerung vieler Provider wie Startups, Engineering-Dienstleister und Beratungsunternehmen sind, ist es problematisch, viele Einzelthemen an verschiedene Dienstleister zu geben und diese am Ende zusammenführen zu müssen“, erklärt Zillmann und ergänzt: „Häufig übernehmen aber auch große Dienstleistungspartner die Steuerung der Provider im Rahmen einer Gesamtdienstleistung.“

Hohe Nachfrage nach Innovation, aber Schwächen in der Operationalisierung.

Insgesamt bescheinigen die Ergebnisse der Studie den IT-Dienstleistern in Deutschland einen weiterhin positiven Trend: Die befragten 73 IT-Dienstleister erwarten mehrheitlich ein Marktwachstum von bis zu fünf Prozent. Das ist laut Zillmann ein realistischer Wert. Gleichzeitig rechnen die Dienstleister für 2019 und 2020 aber mit einem leichten individuellen Umsatzrückgang im Vergleich zu 2018. „Die Dienstleister fahren mehr auf Sicht“, so Zillmann. Sie würden die Probleme am Markt wie Konjunkturabkühlung und geopolitische Risiken realistischer erkennen.

Die zeigen sich insbesondere bei den Kunden aus der Automobilindustrie: Dort gibt es einen hohen Bedarf an Veränderungs- und Anpassungsprojekten. Deshalb stoßen OEMs und Zulieferer viele IT-getriebene Projekte an. Doch sie können sie kaum skalieren, also erfolgreich am Markt einführen. Das schwächt laut Mario Zillmann die Umsätze der Beratungs- und IT-Dienstleister, die an der Systemintegration und an der Realisierung gemessen werden. „Hohe Nachfrage nach Innovation, aber Schwächen in der Operationalisierung“, fasst der Branchenanalyst zusammen.

Aufträge werden abgelehnt

Auch der Fachkräftemangel lässt die IT-Dienstleister vorsichtig in die Zukunft blicken. Sie müssen immer öfter Aufträge ablehnen. Ganze 65 Prozent der Unternehmen können die Nachfrage nicht mehr bedienen, da die maximale Auslastung erreicht ist. Gegen den Mangel soll gezieltes Personalmarketing oder Aus- und Weiterbildung helfen. Der Gang ins Ausland ist derweil noch nicht das bevorzugte Mittel. Doch Zillmann ist sicher: „Der Near- und Offshoring-Anteil wird steigen.“

Die Automobilindustrie bleibt im Branchenvergleich ein entscheidender Umsatzbringer: Der Anteil, den die IT-Dienstleister mit ihr machen, lag 2018 bei 16,4 Prozent. Im Jahr 2017 waren es 14,6 Prozent. Alle anderen verarbeitenden Industrien kommen zusammen kaum an diesen Wert heran. Nur die Bankenbranche nutzt noch stärker die Dienstleistungen der IT-Spezialisten.

Branchenübergreifend sind die am stärksten nachgefragten Themen, die Integration digitaler Lösungen in die Backend-IT, die agile Anwendungsentwicklung und die Hybrid Cloud. Treiber bei der Automobilindustrie ist das Thema Kundenbindung, das vorwiegend digital stattfindet. Entscheidend sind daher die Kundendaten. Mario Zillmann: „Daher werden die Themen Big Data Analytics, Customer Experience und IT-Security eine höhere Bedeutung bekommen.“

Bei der Zusammenarbeit mit den IT-Unternehmen rücken die Fachabteilungen immer stärker in den Mittelpunkt. Sie sind zunehmend in der Rolle der Product Owner und entwickeln zusammen mit den Dienstleistern die Ideen. Die IT-Abteilungen der Unternehmen wiederum implementieren und operationalisieren dann die Projektergebnisse.

Dass die Fachabteilungen künftig auch in größerem Umfang Budgetverantwortung für IT-Projekte haben werden, glaubt Mario Zillmann nicht: „Die formelle Verantwortung hat weiter der IT-Einkauf. Allerdings entscheiden die Fachbereiche häufiger über die Auswahl von IT-Dienstleister mit.“

Kooperationen als Mittel

Um das eigene digitale Know-how auszubauen, rekrutieren die Kundenunternehmen verstärkt IT-Fachkräfte. Das beobachten 57 Prozent der in der Studie befragten Dienstleisterunternehmen. Damit nimmt der Kampf um die Köpfe nochmals Fahrt auf.

Das dürfte der digitalen Transformation einen Dämpfer versetzen. Womöglich verstärkt sich dadurch der Trend zu Joint Ventures und strategischen Kooperationen bei der Entwicklung digitaler Produkte. Derzeit gehen vor allem große Konzerne diesen Weg. Oder sie kaufen wie Capgemini die Kompetenz einfach zu.

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Über den Autor

 Christian Otto

Christian Otto

stellvertretender Chefredakteur, AUTOMOBIL INDUSTRIE