Automatisiertes Fahren

Künstliche Gesichter: Über die Hella-Ausgründung Brighter AI

| Autor: Svenja Gelowicz

In Hamburg fahren Level-4-Fahrzeuge von Volkswagen auf einer Teststrecke zur Eprobung von automatisierten Fahrfunktionen. Dabei sammeln Kameras fortwährend Bilddaten – zum Beispiel auch von Passanten. Das Start-up Brighter AI will mit ihrer Anonymisierungssoftware den Austausch von Daten aus solchen Tests erleichtern.
In Hamburg fahren Level-4-Fahrzeuge von Volkswagen auf einer Teststrecke zur Eprobung von automatisierten Fahrfunktionen. Dabei sammeln Kameras fortwährend Bilddaten – zum Beispiel auch von Passanten. Das Start-up Brighter AI will mit ihrer Anonymisierungssoftware den Austausch von Daten aus solchen Tests erleichtern. (Bild: Volkswagen)

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Sie sind das erste Start-up aus dem Inkubator des Elektronikspezialisten Hella: Brighter AI. Ihre Software soll personenbezogene Bildinformationen erkennen und durch künstlich generierte Ersatzdaten anonymisieren – und dafür eine Grundlage für automatisierte Fahrzeuge und V-2-X-Kommunikation schaffen.

Ein Start-up rekonstruiert aus Nachtaufnahmen von Infrarotkameras Tageslichtbilder und will daraus wiederum digitale Rückspiegel entwickeln. Die Basis dafür: Deep Learning. Mit dieser Meldung machte Brighter AI im November 2017 zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Seitdem ist einiges passiert: Das Start-up hat sich mittlerweile eine ganz andere Technologie auf die Fahnen geschrieben. „Wir sind bei der Entwicklung der digitalen Rückspiegel auf das viel größere Problem gestoßen“, sagt CEO Marian Gläser. Denn Brighter AI konnte die Daten, die es für die Entwicklung brauchte, aus rechtlichen Gründen nicht ohne Weiteres auf den Straßen sammeln. Kooperationspartner hatten ähnliche Probleme. „Heraus kam dann ein neuer Schwerpunkt, den wir anfangs nicht auf dem Schirm hatten“, sagt Gläser.

Brighter AI hat aktuell 14 Mitarbeiter, sitzt in Berlin und ist das erste Start-up aus dem Inkubator des Lichtspezialisten Hella. Der Automobilzulieferer aus Lippstadt ist ein Partner von Brighter AI und vertreibt auch deren erstes Produkt: eine KI-fähige, DSGVO-konforme Anonymisierungssoftware für OEMs und ADAS-Zulieferer (Advanced Driver Assistance Systems).

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Gläser legt Wert darauf, dass sein Unternehmen ein unabhängiger Technologieanbieter ist; man arbeite auch mit der direkten Konkurrenz von Hella zusammen. Für die Software verlangen die Berliner Lizenzgebühren. Kunden sind Tier-1-Zulieferer und Entwicklungsdienstleister wie Valeo und AVL – und auch zwei Hersteller nutzen die Technik von Brighter AI für die ersten Entwicklungstests von selbstfahrenden Autos. „Unsere beiden größten Neukunden kommen allerdings aus China und den USA, und damit wird unsere Privacy weltweit ein Thema bei vernetzten Kameras“, sagt Gläser.

Brighter AI: Künstliche Gesichter

Software zur klassischen Anonymisierung von Kameradaten ist an sich nichts Neues, aber sie verpixelt. Dagegen selektiert die Technik des Berliner KI-Unternehmens laut Gläser persönliche identifizierbare Informationen in Bilder und Videos – wie Gesichter oder Nummernschilder – und generiert dann dafür künstliche Ersatzdaten. Die wiederum, sagt CEO Gläser, sehen realitätsgetreu aus – nur eben anonymisiert und daher nutzbar. Denn Faktoren wie Alter, Geschlecht, die Blickrichtung der Person, Mimik oder die Aufmerksamkeit für eine Situation sind wichtige Informationen, um Straßensituationen eindeutig verstehen zu können. Daher verpasst Brighter AI den Personen in Bildaufnahmen künstliche Gesichter.

Die nächste Phase: Daten im Fahrzeug anonymisieren

Unternehmen können diese Software bislang für bereits auf Servern liegende Bild- und Videodaten nutzen. Die Technik seines Unternehmens sieht Gläser als Schlüsseltechnologie: Schließlich dürfe man Kameradaten aus dem öffentlichen Raum ohne solche Datenschutzverkehrungen nicht kommerziell nutzen. Spannend dürfte nun vor allem die nächste Phase werden, auf die sich das Start-up aktuell fokussiert: Kameradaten direkt im Fahrzeug zu anonymisieren. Diese „Deep Natural Anonymization“ möchte das Start-up mit Industriepartnern in die Serie überführen. Vehicle-to-X(V2X)-Kommunikation, also der Austausch von Autos mit einem anderen Auto oder jeglicher Infrastruktur, die Videodaten generiert, soll damit überhaupt erst möglich werden.

Marian Gläser ist CEO von Brigher AI.
Marian Gläser ist CEO von Brigher AI. (Bild: Brighter AI)

Denn dank des neuen Mobilfunkstandards 5G sollen, das ist zumindest die Vision der Autohersteller und Serviceanbieter, Autos bald vollumfänglich vernetzt sein. Fahrzeuge schicken ihre Daten zurück zu den Herstellern, die verbessern Algorithmen – nur ein Anwendungsfall. Brighter AI entwickelt Software, damit die Daten quasi live anonymisiert werden können.

Und dann ist da noch das automatisierte Fahren: Fahrzeuge sammeln dank Kameras große Mengen Daten bei Testfahrten ein, und natürlich will man anhand dieser Bilder und Videos weitere Fahrfunktionen entwickeln. „Wir wollen die Entwicklung von automatisierten Fahrzeugen beschleunigen und den Datenaustausch zwischen Firmen vereinfachen“, sagt Gläser. Die Software soll Kosten sparen, und dank ihr sollen mehr Daten zur Verfügung stehen, die dann schneller und einfacher ausgewertet werden können. In Folge sollen höhere Stufen der Automatisierung schneller erreicht werden. Und nicht zuletzt sind Drittanbieter an Daten aus dem öffentlichen Raum interessiert, etwa um Stadtinfrastruktur zu planen. Beschleunigen Reglements in Sachen Datenschutz, wie beispielsweise die DSGVO, das Kerngeschäft des Unternehmens? „Schon“, sagt Gläser, allerdings sei die speziell auch nur ein Extra-Schub. Für ihn geht es vielmehr um zeitgemäße Compliance.

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Eine ähnliche Software wie das Start-up bietet der Entwicklungsdienstleister IAV an. Das Joint Venture, an dem Volkswagen die Hälfte der Anteile hält, hat ein Tool im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas vorgestellt. Auch aus Korea kündigen sich Wettbewerber an. Gläser sieht das gelassen: Man freue sich über die Konkurrenz, schließlich zeige das die Relevanz der Technik.

Wachstumspläne des Start-ups Brighter AI

Brighter AI will weiter wachsen und schließt dafür gerade eine Finanzierungsrunde ab. „Wir vergrößern uns jedes Jahr ungefähr auf das Doppelte“, sagt Gläser, würde man nicht skalieren, könnte man theoretisch mit den jetzigen Kunden schon profitabel sein. Die Spiegel-Nachtsichtrekonstruktion in Form digitaler Rückspiegel ist übrigens noch nicht ganz vom Tisch: CEO Marian Gläser kann sich vorstellen, diese Technik zu einem späteren Zeitpunkt weiter voranzutreiben.

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