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Fahrbericht Lexus ES 300h: Premium auf Japanisch

| Autor: Jens Scheiner

Obwohl Lexus der Luxusableger von Toyota ist, hat man der Marke bislang kaum Chancen gegen die Oberklassenhirsche Audi, BMW und Mercedes-Benz eingeräumt. Ob sich dies mit der siebten Generation des ES ändert, zeigt unser Test.

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Der Lexus ES 300h fällt mit seinem extrovertierten Design auf.
Der Lexus ES 300h fällt mit seinem extrovertierten Design auf.
(Bild: Sven Prawitz/»Automobil Industrie«)

Was der Lexus GS in der jüngsten Vergangenheit nicht geschafft hat, soll nun der Lexus ES in der siebten Generation besser machen. Während der eingestellte Vorgänger GS sich zuletzt lediglich 115 Mal verkaufte, performt der ES in diesem Jahr mit 127 abgesetzten Einheiten zwar besser, aber kommt nicht mal ansatzweise an die Konkurrenz um Audi A6 (38.212), BMW 5er (27.810) und Mercedes-Benz E-Klasse (35.183) heran.

Verstecken muss sich die Business-Limousine aus Fernost jedenfalls nicht vor der deutschen Konkurrenz: Denn mit seiner stattlichen Größe von knapp fünf Metern und seinem extrovertierten Design sowie typischen Lexus-Elementen wie dem großen „Diabolo“-Kühlergrill oder den schmalen L-förmigen LED-Scheinwerfern hebt er sich deutlich vom vergleichsweise nüchternen Look der deutschen Wettbewerber ab. Zu diesem Eindruck trägt auch die insgesamt harmonisch verlaufende Linienführung bei, die hier und da von markanten Linien durchbrochen wird. Abgerundet wird das Design mit einer fast schon coupé-förmigen Dachlinie, die der Limousine einen sportlichen Touch verleihen soll.

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Verbessertes Hybrid-System

Diesen soll auf den ersten Eindruck auch das Aggregat unterstreichen: Denn der ES kommt mit der neuesten Auflage des Toyota-Hybridsystems, das einen komplett neuentwickelten 2,5-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 131 kW/178 PS und einen E-Motor mit 88 kW/120 PS vereint. Die Systemleistung liegt insgesamt bei 160 kW/218 PS und soll den knapp 1,7 Tonnen schweren Lexus in 8,9 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen. Durch das Hybridsystem startet die Limousine immer elektrisch und lautlos, je nach Außentemperatur schaltet sich der Motor allerdings schnell dazu. Rein elektrisch fährt der Lexus nur bis 40 km/h und maximal zwei Kilometer, dafür arbeitet das System so clever, das theoretisch ein Verbrauch unter fünf Liter möglich sein soll. Lexus gibt im Datenblatt 4,4 Liter auf 100 Kilometer (kombiniert) an: Im Stadtverkehr kamen wir diesem Wert mit 5,5 l/100 km relative nahe. Waren wir verstärkt auf Landstraßen und Autobahnen unterwegs zeigte der Bordcomputer im Mittel 7,9 l/100 km an.

Das bereits vierte Hybrid-System von Lexus zeigt sich beim Tritt aufs Gaspedal besser in Form als ein vergleichbares Hybrid-Konzept im Honda CR-V. Selbst unter Volllast brüllt der ES bei weitem nicht so laut auf wie sein asiatischer Mitbewerber. Das liegt mitunter an dem verbesserten CVT-Automatikgetriebe. Auch das Umschalten zwischen Elektro- und Verbrennermodus ist kaum noch spürbar. Die Limousine nimmt leise und stetig Fahrt auf und beschleunigt auch beim spontanen Kickdown deutlich besser, allerdings wirkt der Lexus trotz des optimierten Ansprechverhaltens nicht sportlich. Soll er auch nicht, denn der ES ist eher zum Cruisen ausgelegt. Das zeigt sich besonders bei der komfortablen Fahrwerksabstimmung.

Eingebaues Tempolimit

Obwohl die Dämpfer unseres Testwagens in der F-Sport-Version etwas härter ausgelegt sind und das Fahrzeug satt auf der Straße liegt, gleitet der Japaner dennoch entspannt dahin und wirkt in Kurven souverän und unbeeindruckt. Das liegt unter anderem auch an der sehr verwindungssteifen Karosserie. Fahrbahnunebenheiten bügelt er sanft weg und selbst grobe Temposchweller nimmt er mit einer souveränen Leichtigkeit. Aktiviert man über einen etwas deplatziert wirkenden Schalter am Instrumententräger den Sportmodus, dann sind Dämpfer sowie Lenkung spürbar straffer und der Drehzahlmesser im digitalen Cockpit erstrahlt im sportlichen Rot. Die Gasannahme reagiert direkter, aber nicht wirklich bissig auf Gasbefehle. Dafür liegt der ES einen Tick härter auf der Straße und hält auch in zügig gefahrenen Kurven fest die Spur, verhält sich dabei nach wie vor angenehm gutmütig. Wobei man beim Lexus nicht wirklich von zügig sprechen kann, denn mit einer abgeregelten Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h fährt er seiner Konkurrenz deutlich hinterher.

Dafür dringt während der Fahrt kaum ein Geräusch aus dem Motorraum nach innen. Das liegt nicht zuletzt an der großzügig verbauten Dämmung. Insgesamt ist der Komfort der Limousine erstaunlich gut: Das Platzangebot ist auf allen Sitzen sehr großzügig bemessen. Selbst Personen mit einer Körpergröße von 1,90 Metern haben genügend Beinfreiheit. Lediglich die Kopffreiheit ist durch die coupéförmigen Dachlinien etwas eingeschränkt. Dafür sind die Sitze sowohl im Fond als auch für Fahrer und Beifahrer bequem und geben ausreichend Seitenhalt. Die Materialauswahl mit Leder, Softtouchoberflächen und Zierleisten in Aluoptik ist gelungen, die Verarbeitung gut.

Infotainment verbesserungswürdig

Dafür hat das Infotainmentsystem hier und da seine Schwächen. Zwar überzeugt das große, mittig platzierte Display mit einer guten und scharfen Auflösung, verfügt allerdings nicht über eine Touchfunktion. Bedient werden die Funktion über ein etwas umständliches Touchpad in der Mittelkonsole mit einem stets nervösen Cursor. Die Bedienung ist nicht nur nervig, sondern lenkt auch stark vom Verkehrsgeschehen ab.

Verglichen mit MBUX wirkt das Infotainmentsystem wie aus der Steinzeit.

Auch das in Teilen digitale Kombiinstrument hinter dem Lenkrad sowie die zahlreichen Knöpfe und vor allem die merkwürdig angebrachten „Hörner“ am Cockpit, mit denen sich einige Assistenten sowie die Fahrmodi verstellen lassen, wirken im Vergleich zu Mercedes' MBUX wie aus der Steinzeit. Und auch die Sprachassistentin benötigt dringend ein Update: Das System hat unsere Befehle nur unzureichend ausgeführt oder gar komplett verweigert. Immerhin bindet das System Smartphones schnell und unkompliziert ein. Zudem ist das optional erhältliche Head-up-Display eines der Größten auf dem Markt und spiegelt die nötigen Informationen klar und deutlich wider.

Blendfreie Sicht

Die zahlreichen Assistenten an Bord unseres Testwagens haben ihren Dienst weitestgehend souverän und unaufgeregt verrichtet. Der Spurhalteassistent beispielsweise lässt beim Verlassen der Spur das Lenkrad dezent vibrieren und der Fernlichtassistent schaltet sich nicht nur zuverlässig an, sondern leuchtet dank individuell gesteuerter LEDs einen präzise definierten Bereich aus und das richtig hell. Lediglich der Verkehrszeichenassistent hat uns hin und wieder mit seinen willkürlichen Tempolimits überrascht. Hier sollte man sich nicht Blind auf das System verlassen, sonst könnte der eine oder andere teure Strafzettel in den Briefkasten flattern.

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Nicht ganz günstig erscheint auf den ersten Blick der Listenpreis des Lexus ES 300h: In der Grundausstattung werden 48.550 Euro fällig, für den F-Sport liegt der Basispreis bei 57.350 Euro und unser gut ausgestatteter Testwagen schlägt mit über 60.000 Euro zu buche. Nicht gerade ein Schnäppchen, dafür Optisch ein richtiger Hingucker verglichen mit den teilweise nüchternen Designs der deutschen Premiumhersteller. Technisch allerdings, besonders was das Infotainment betrifft, hinken die Japaner den deutschen doch deutlich hinterher.

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Über den Autor

 Jens Scheiner

Jens Scheiner

Redaktioneller Mitarbeiter Online/Print, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE