Die neue S-Klasse muss erfolgreich sein, zu derb war der Verlust des Unternehmens im zweiten Quartal. Technisch bringt das Modell alle Voraussetzungen dafür mit.
Die neue S-Klasse ist zum Erfolg verpflichtet.
(Bild: Daimler)
Nach den herben Rückschlägen der vergangenen Monate setzt der Autohersteller Daimler zum lange geplanten Befreiungsschlag an. Die S-Klasse, Luxus-Flaggschiff und traditionell prestigeträchtigstes Modell aus dem Hause Mercedes-Benz, soll den Wendepunkt markieren in einem bislang von der Corona-Krise weitgehend verhagelten Jahr. Am 2. September enthüllte Vorstandschef Ola Källenius im Werk in Sindelfingen bei Stuttgart das neue Modell – und mit der „Factory 56“ gleiche eine komplett neue Fabrik, in der das Vorzeigeauto produziert wird.
Von beidem – Auto und Fabrik – hängt für den Stuttgarter Konzern eine Menge ab. In die S-Klasse baut Daimler traditionell so ziemlich alles ein, was die Entwicklungsabteilung hergibt. Der selbst gesetzte Anspruch an Design, Sicherheit und Technologie ist stets, Maßstäbe für die gesamte Autowelt zu setzen. Für den eigenen Konzern gilt das sowieso: Was zuerst in der S-Klasse Standard ist, findet in der Regel nach und nach Eingang auch in die anderen Baureihen.
„Es ist das Herz unserer Marke“, sagte Källenius bei der Premiere des Flaggschiffs, die wegen der Corona-Auswirkungen nur vor kleinem Publikum in Sindelfingen und ansonsten live im Internet stattfand. Dort hatte der Konzern zuvor schon über Wochen mit ersten Einblicken die Erwartungen geweckt.
„So viele Dinge mussten wir umplanen in diesem Jahr, im Privat- wie im Berufsleben“, sagte Källenius. „Dieses hier nicht.“ Von den vorübergehenden Werksschließungen und der Kurzarbeit inmitten der bisher härtesten Corona-Phase im Frühjahr war unter anderem der Anlauf der S-Klasse-Produktion ausdrücklich ausgenommen. Ende des Jahres soll der Wagen in Deutschland und Europa auf den Markt kommen, China und die USA folgen in der ersten Jahreshälfte 2021.
Zeitlos, elegantes Design
Wir hatten bereits die Möglichkeit für eine ausgiebige Mitfahrt in der neuen S-Klasse, die uns wirklich beeindruckt hat: Das Komforterlebnis ist unübertroffen, die innovative Benutzeroberfläche weitaus moderner als gedacht. Jetzt wird das Auto zum ersten Mal ohne Tarnung gezeigt. Und obwohl es sich immer noch unverkennbar um eine S-Klasse handelt, ist das neue Modell eindeutig ein gestalterischer Fortschritt.
Ganz vorne ragt eine Neuinterpretation des traditionellen Mercedes-Kühlergrills in den Fahrtwind, gekrönt durch den klassischen Stern auf der Motorhaube; die kommenden Varianten von Maybach und AMG erhalten jeweils einen eigenständigen Kühlergrill. Die Scheinwerfer sind schlank gezeichnet, die Fronthaube ist lang genug, um alles von einem Reihen-Sechszylinder bis zu einem V12 zu schlucken.
Der seitliche Aufriss und die Dachpartie wirken gestreckter und straffer als bisher, das Heck wird durch horizontale Rückleuchten geziert. Das Volumen wird durch sparsam gesetzte Linien und Falten aufgebrochen, und insgesamt wirkt die S-Klasse zeitgemäßer, eleganter und eindrucksvoller als die etwas klotzig gezeichneten Konkurrenzprodukte bayerischer Abstammung.
Völlig neues Infotainmenterlebnis
Der Innenraum vollzieht einen weitaus größeren Sprung; die opulenten, rundlichen Linien des Vorgängers weichen einem kalt-futuristischen Stil, der durch warme Farben und edle Dekorelemente temperiert wird. Hartmut Sinkwitz, Leiter des Interieur-Design, übertreibt nicht, wenn er von einem „revolutionären Innenraum-Erlebnis im Spannungsfeld zwischen digitalem und analogem Luxus“ spricht.
Die Formen im Interieur sind horizontal betont, akzentuiert mit moderner Technologie und Bildschirmen, die nicht auf totale Reduktion, sondern auf eine stolze Darstellung des technisch Möglichen setzen. Tatsächlich sind es verschiedene Optionen, die diesem äußerst komfortablen Langstreckenkreuzer das Ambiente eines Raumschiffs verleihen.
Es gibt gegen Aufpreis bis zu fünf Bildschirme, OLED-Displays und einen dreidimensionalen Bildschirm, dessen Darstellung je nach Position der Augen des Fahrers variiert. Dieser 3-D-Effekt ist ebenso atemberaubend wie das riesige Head-up-Display – eines von zwei verfügbaren. Es ist so ausladend dimensioniert, dass es ein echtes „Augmented-Reality“-Erlebnis bietet; dabei überlagern Pfeile und eingeblendete Informationen per Projektion direkt das Fahrzeugvorfeld. Es gibt übrigens auch ein optionales Beleuchtungssystem, das Informationen direkt auf die Straße projizieren kann.
Stand: 08.12.2025
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Die Sicherheitssysteme setzen Maßstäbe: Fahrer und Fahrzeugumgebung werden ständig überwacht, die Autonomie des Level 4 ist nur einen Federstrich entfernt: Wenn die Aufsichtsbehörden grünes Licht geben, kann der Fahrer der S-Klasse seine E-Mails abrufen, während das Auto mit Richtgeschwindigkeit dahinrollt.
Vollgepackt mit Technik
Die schier endlose Liste an Innovation umfasst zwei Allrad-Lenksysteme: In der gehobenen Stufe lassen sich die Hinterräder um bis zu zehn Grad einschlagen, wodurch sich der Wendekreis um fast zwei Meter verkleinert. Das Erlebnis ist geradezu surreal, die Manövrierbarkeit der S-Klasse steigt damit enorm.
Die Liste der luxuriösen Extras ist ebenfalls eindrucksvoll; sie umfasst unter anderem eine Burmester-Hifi-Anlage mit 30 Lautsprechern und „4D“-Sound; dabei werden Schallwellen per Vibration mittels weiterer acht sogenannter „Exciter“ im Sitz verstärkt, wodurch das Hörerlebnis erheblich gesteigert wird. Das Ambientelicht verfügt über 250 LED-Lichtquellen, es gibt Liegesitze im Fond und bündig eingepasste Außentürgriffe, die im Fahrzeugkörper verschwinden, wenn sie nicht benutzt werden.
Auch bei den Fahrwerken gibt es Auswahl; das Spitzen-System namens E-Active Body Control tastet die Fahrbahnoberfläche ab und passt die Federung rund 1.000 Mal pro Sekunde an. Das Fahrzeug kann sich mit diesem Fahrwerk auch in Kurven lehnen – wie ein Boot oder ein Motorrad. Die Radgrößen reichen von 19 bis 21 Zoll, wobei das kommende AMG-Modell sicher noch einen Zoll drauflegen wird.
Plug-In-Hybrid und V8 folgen
Obwohl sich 90 Prozent der Käufer für die Version mit langem Radstand entschieden haben, gibt es für Europa weiterhin eine kurze S-Klasse, die 521 statt 532 Zentimeter lang ist. Später folgt eine nochmals längere Mercedes-Maybach-Variante, die – als einzige verbleibende S-Klasse – mit dem legendären, extrem drehmomentstarken 6,0-Liter-V-12 angeboten wird.
Zum Marktstart gibt es Reihen-Sechszylindermotoren; zwei Ottomotoren mit 367 PS und 435 PS und 48-Volt-Mild-Hybridisierung im S 450 und im S 500 sowie zwei Dieselmotoren mit 286 PS und 330 PS im S 350 d und S 400 d. Ein Plug-in-Hybrid mit Sechszylinder-Ottomotor und über 100 Kilometern elektrischer Reichweite sowie ein 4,0-Liter-V8 folgen kurzfristig.
Auch das kommende AMG-Modell verfügt über eine Variante dieses V8-Motors, die hier über 600 PS leisten dürfte. Die Kraft wird über eine Neun-Stufen-Automatik auf die Räder übertragen, wobei es Varianten mit Hinter- und Allradantrieb gibt. Dabei sorgt auch der extrem niedrige Luftwiderstandsbeiwert von 0,22 für sehr hohe Effizienz.
Übrigens: Es wird keine vollelektrische S-Klasse geben. Diesen Ansatz verfolgt stattdessen der EQS, ein ganz anderes, etwas kompakteres und nochmals futuristischeres Angebot im Segment. Und so gilt weiterhin, was Bettina Fetzer, die Marketingchefin von Mercedes-Benz, formuliert: „Die S-Klasse ist das Herzstück unserer Marke“. Und, soviel darf man ergänzen, der neue Standard in der internationalen Spitzenklasse.
Keine Kündigungen, dafür andere Sparmaßnahmen
Deshalb ist die S-Klasse quasi zum Erfolg verpflichtet: Denn wie die meisten Automobilhersteller hat die Corona-Krise den Konzern hart getroffen. Im zweiten Quartal fuhr er fast zwei Milliarden Euro Verlust ein und muss nun noch stärker sparen als ohnehin von Källenius geplant – auch wenn das dritte Quartal schon wieder weitaus besser läuft. „Wir haben uns vom freien Fall erholt“, sagte der Vorstandschef.
Trotzdem will Källenius die Gewinnschwelle langfristig weiter nach unten bringen – auch mit Einschnitten beim Personal. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar wieder vom Tisch, dafür werden auf anderen Wegen Arbeitsplätze gestrichen. Als kurzfristige Reaktion auf die Corona-Pandemie wird in bestimmten Bereichen die Arbeitszeit verkürzt. Zudem muss die komplette Belegschaft in Deutschland auf die jährlich gezahlte Prämie verzichten. Das sogenannte tarifliche Zusatzgeld wird automatisch in freie Tage umgewandelt. Darüber hinaus will Daimler sein Smart-Werk im französischen Hambach verkaufen.
Källenius arbeitet zudem auch weiter an der Strategie, will den Fokus stärker auf Luxus und die jeweils oberen Enden der Segmente lenken, wo mehr Geld pro Auto zu verdienen ist. Was die S-Klasse einbringt, wollte der Konzernchef zwar nicht sagen. Es sei aber klar, dass ein solches Fahrzeug überproportional zur Profitabilität des gesamten Konzerns beitrage. „Dieses Auto ist für uns sehr wichtig“, sagte er. Ein Lieblingskind sollten Eltern ja nicht haben. „Aber für Autos gilt das nicht.“