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Zulieferer Rekordkurs mit Risiken

| Autor / Redakteur: Christoph Baeuchle / Bernd Otterbach

Die OEMs sind zurück auf Rekordfahrt: Die Schwellenländer haben die Absatzzahlen in die Höhe getrieben und der Gewinn zieht mit. Doch die Erträge kommen nicht in der gesamten Wertschöpfungskette an: Dem steilen Aufschwung sind einige Lieferanten in der zweiten und dritten Reihe nicht gewachsen. Das versetzt die gesamte Industrie in Alarmbereitschaft.

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„Wir haben 37 Lieferanten auf der Watchlist“, sagte ZF-Vorstandschef Hans-Georg Härter jüngst. „Bei einigen sehen wir deutliche Probleme.“ Aus dem Lieferantenpool des Getriebeherstellers aus Friedrichshafen hatten Ende vergangenen Jahres sieben Unternehmen Insolvenz angemeldet. Bei der Vielzahl der Lieferanten sei dies die Ausnahme, dennoch würden sie intensiv begleitet.

Ähnliche Maßnahmen haben auch andere First-Tier-Lieferanten ergriffen. „Es gibt besonders gefährdete Lieferanten, die aufgrund ihrer schwachen Finanz- und Bilanzstrukturen den bereits im zweiten Halbjahr 2010 einsetzenden Aufschwung nur mit Mühe begleiten können“, sagt Mahle-Chef Karl-Heinz Junker. „Wir erwarten für 2011 kaum eine Entspannung dieser Entwicklung.“

Preisdruck steigt bei kleinen Zulieferern

Im Gegenteil – der Druck bei kleineren Lieferanten könnte noch steigen: Die guten Zahlen in den Quartalsberichten der Systemlieferanten wecken Begehrlichkeiten. Längst spielen zwischen den vermeintlichen Partner der Lieferantenketten Preisrunden wieder eine wesentliche Rolle.

Bei First-Tier-Lieferanten, die im vergangenen zum Teil zweistellige Ebit-Margen erzielt haben, sieht Werner Staeblein, Analyst bei Standard & Poors, keine größeren Schwierigkeiten bei der finanziellen Aufstellung. Stattdessen geht er davon aus, dass die Hersteller weiter an der Preisschraube drehen. „In dieser Richtung besteht Diskussionsbedarf“, so Staeblein.

Mit den steigenden Rohstoffkosten werden wohl vor allem die Lieferanten zu kämpfen haben. „Die Hersteller werden die höheren Preise wohl nicht übernehmen“, rechnet Staeblein. Ausgenommen in den Verhältnissen, wo es die Verträge ausdrücklich festschreiben. Allerdings „haben nur wenige Lieferanten eine Preisgleitklausel“ erläutert der Analyst. „Zudem gibt es einen Preisverzug bis die Klauseln greifen.“

Doch auch die Systemlieferanten übernehmen nur unfreiwillig die gesamten Kosten. Stattdessen suchen sie nach Möglichkeiten, den zusätzlichen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Da trifft es die schwächeren Partner.

Keine Verträge ohne Preisnachlässe

Die fühlen sich dem Druck der Preisrunden kaum noch gewachsen und sehen sich mit dem Rücken zur Wand. Demnach vergeben die Hersteller ohne Preisnachlässe keine Verträge mehr. Einkäufer-Boni, Savings oder Ratio stehen wieder auf der Tagesordnung. Ziel sei es, das Zulieferunternehmen maximal im Preis zu drücken – ohne Rücksicht auf die real steigenden Kosten bei Vormaterial, Personal und Energie, klagen die drei Verbände für Blechumformung, Metallwaren- und verwandte Industrien sowie deutsche Federn-Industrie unisono.

„Dass insbesondere die OEMs jetzt schon wieder an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, ist nicht nachvollziehbar“, schüttelt Bernhard Jacobs, Geschäftsführer des Industrieverbands Blechumformung, den Kopf. Vertragskultur sei gestern gewesen.

Nicht nur die betroffenen Verbände und Unternehmen sehen die Entwicklung mit bedenken. Auch die Analysten der IKB Deutsche Industriebank, die auf die Finanzierung von mittelständischen Unternehmen spezialisiert ist, waren Analysten vor negativen Konsequenzen. „Entscheidend ist, dass die Automobilhersteller jetzt schnell handeln und die steigenden Rohstoffpreise übernehmen“, fordert IKB-Analyst Heinz-Jürgen Büchner. „In sechs Monaten oder einem Jahr kann es dafür bei einigen Lieferanten zu spät sein.“

Steigenede Rohstoffpreise weiterreichen

Die Rohstoffpreise schnellten in den vergangenen Monaten in die Höhe: Die Preise von Zinn haben sich in den vergangenen zwölf Monaten verdoppelt, Aluminium machte den gleichen Sprung in zwei Jahren. Kupfer stieg von rund 3.000 Euro pro Tonne Anfang 2009 auf mittlerweile etwa 10.000 Euro. Ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar. Um die steigenden Kosten weiterreichen zu können, wie zum Beispiel der Kabelbaumhersteller Leoni, ist eine entsprechende Marktmacht notwendig. Doch auf die kann sich nur der kleinere Teil der Lieferanten stützen.

So dürfte es ein frommer Wunsch sein, dass die Lieferanten Unterstützung von den Herstellern erfahren und die steigenden Kosten weiterreichen können. Auf Hilfe können die Lieferanten nur vereinzelt hoffen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. „Mittlerweile ist die Sensibilität bei den großen Tier-1-Lieferanten vorhanden. Bevor die Kette reißt, versuchen sie die Zulieferer mit entsprechenden Maßnahmen zu stützen“, betont Büchner. Allerdings wären rechtzeitige Preisanhebungen wesentlich besser.

Übernahme als letzte Rettung

Hersteller und Zulieferer beobachten ihre einzelnen Lieferanten genau. So hat ZF zu Beginn der der Finanz- und Wirtschaftskrise ein Krisenteam eingerichtet. Die Mitarbeiter aus Einkauf sowie Finanz- und Rechnungswesen beratschlagen über das individuelle Vorgehen im Einzelfall. Dazu gehört ein vorgezogenes Begleichen der Rechnung ebenso wie der Aufbau von Sicherheitsbeständen.

Nützen alle Mittel nichts, ist ZF zur Übernahme bereit: Ende vergangenen Jahres kaufte der Systemlieferant die Druckguss-Tochter Fonderie Lorraine aus der Insolvenzmasse des Zulieferers Honsel. In Zukunft will ZF das präventive Risiko-Management noch weiter ausbauen.

„Bei Lieferanten mit wenig Rohstoffanteil muss dies die Produktivitätssteigerung abfangen“, sagt Martin Haubensak, Partner bei AT Kearney. Sei der Rohstoffanteil hoch, zeigen die Hersteller in der Regel Gesprächsbereitschaft, sofern es angemessen ist. „Liegt der Rohstoffanteil dazwischen, kann es weh tun. Da muss man dann durch und geschickt taktieren.“

Hoffen auf bessere Preise

Doch zum Taktieren fehlt vielen die Möglichkeit. Nachdem die Unternehmen im Krisenjahr zum Teil massiv auf ihre Rücklagen zugreifen mussten und viele Firmen aus ihre Substanz nachgeschossen haben, müssen sie nun um jeden Auftrag kämpfen. Vielen ist das Risiko des Taktierens zu groß. „Wir müssen unsere Kunden halten und können derzeit nur auf bessere Zeiten – und bessere Preise – hoffen“, sagt ein Manager eines mittelgroßen Zulieferers.

Die Nachwehen der Wirtschafts- und Finanzkrise könnte einige Zulieferer bald wieder einholen. Denn 2009 konnten sie zum Teil nur mit Krediten überbrücken. „Das Auslaufen der nachrangigen Darlehen wird für die Lieferanten vor allem 2012 und 2013 akut. Dann müssen die Anschlussfinanzierungen stehen“, erläutert Karsten Gerhardt, Head of Automotive bei der IKB. Allerdings wandeln sich etliche Programm bereits zuvor in Fremdkapital, so dass sie zum Teil schon 2011 entsprechend in der Bilanz auftauchen.“

Weitere Herausforderungen, die mit einem großen finanziellen Aufwand verbunden sind, warten: Der Wettbewerb um Mitarbeiter dürfte in Zukunft zunehmen und mit entsprechenden Mehrkosten verbunden sein. Zudem steht für einige Zulieferer gemeinsam mit den Herstellern die Expansion in Schwellenländer an.

Trotz anstehender Herausforderungen sind die langfristigen Perspektiven der Branche gut. Doch die neue Runde der Konsolidierung ist in vollem Gange. Für etliche Unternehmen dürfte es dann zu spät sein.

Lesen Sie zum Thema auch das Interview mit Martin Haubensak, Partner bei AT Kearney (Link im Kasten).

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