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Automobilzulieferer

Wie ZF noch stärker in China lokalisieren will

| Autor/ Redakteur: Benjamin Bessinger/SP-X / Svenja Gelowicz

Zwar ist die Konjunktur deutlich ins Stocken geraten. Doch nach wie vor ist China das gelobte Land der Automobilhersteller. Das merkt auch ein Zulieferer wie ZF, der vom Boom künftig noch stärker profitieren und den Chinesen bei ihrem Wachstum helfen will. Über ZFs Pläne im Reich der Mitte.

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Zulieferer ZF startet in China mit der Produktion seiner Achtgangautomatik.
Zulieferer ZF startet in China mit der Produktion seiner Achtgangautomatik.
(Bild: ZF)

Noch herrscht gähnende Leere in der großen Halle in Jiading und die meisten Mitarbeiter sind entweder im Feierabend oder in der Schulung. Doch bald soll es hier zugehen, wie in einem Ameisenhaufen. Denn in ein paar Monaten will der oberschwäbische Automobilzulieferer ZF in diesem Vorort von Shanghai mit der Produktion seiner Achtgang-Automatik beginnen. Für solche Getriebe hat ZF erst jüngst einen Milliardenauftrag von BMW eingefahren.

Natürlich sind die Zahnradspezialisten vom Bodensee dem Ruf ins Reich der Mitte schon viel früher gefolgt. Seit 40 Jahren werden ZF-Produkte in China verkauft, seit 1994 dort produziert und seit 2004 auch entwickelt. 2018 erwirtschaftete das Unternehmen dort einen Umsatz von mehr als 6 Milliarden Euro, den Großteil davon unter anderem mit Antriebs- und Fahrwerktechnologie sowie mit Sicherheitstechnologie für Pkw und Nutzfahrzeuge.

Und dort, wo in dem zwei Millionen Einwohner großen Vorort von Shanghai bald die neuen Maschinen laufen sollen, sind bis vor kurzem noch Automaten mit sechs Gängen gefertigt worden. Doch wenn ZF seinen Achtgänger ins Land holt, ist das, als würden sie ihr Tafelsilber teilen. Schließlich gilt das Getriebe als eines der besten der Welt und selbst Luxushersteller wie Jaguar oder BMW sind sich nicht zu schade, mit ihrem Lieferanten zu werben. So, wie früher manche Computer ihre Qualität mit dem Logo „Intel Inside“ unterstreichen wollten, gilt auch ein ZF-Getriebe als Garant für ein prestigeträchtiges Fahrerlebnis.

Lokale Hersteller gewinnen an China an Bedeutung

Dass ZF dieses Wagnis eingeht, hat einen einfachen Grund: China ist nach wie vor Wachstumsmarkt Nummer ein, sagt Stephan von Schuckmann, der das ZF-Geschäft mit den Antrieben verantwortet. Und weil es eben nicht mehr nur ein riesiger Importmarkt ist, sondern die lokalen Hersteller auch an Bedeutung gewinnen und viele neue Spieler aus der Infotainment- und Kommunikationsbranche ins Mobilitätsgeschäft drängen, will ZF ihnen Zugriff auf entsprechende Komponenten bieten und so die ambitionierten Pläne aus Peking unterstützen. Nicht umsonst will sich China zum Leitmarkt für eine neue Mobilität aufschwingen.

Dabei haben die Schwaben gegenüber Conti oder Bosch einen deutlichen Nachholbedarf und bislang eher einen schmalen Fußabdruck im Reich der Mitte hinterlassen. Ändern soll das Holger Klein, der seit einem runden Jahr Vorstand für die Region Asien-Pazifik ist und seinen Dienstsitz eine halbe Stunde weiter in Anting hat.

ZF sucht händeringend Mitarbeiter

Dort betreibt ZF eines von zwei Entwicklungszentren und allein hier ist Klein Hausherr über 50 Labors, in denen Dauerläufe gefahren, Crashs simuliert und Getriebe getestet oder Lenkungen ein Autoleben lang im Zeitraffer malträtiert werden. Und obwohl es dort schon jetzt zugeht wie in einem Bienenstock und 1.500 Ingenieure durchs Haus wuseln, ist Klein händeringend auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Weitere 1.000 Ingenieure würde er gerne einstellen, sagt der Exil-Deutsche. Wenn er sie den finden würde. Denn der „War for Talents“ ist auch in China in vollem Gange und Klein ist sich der Position seines Arbeitgebers sehr wohl bewusst. „Natürlich haben wir gegenüber vielen OEMs die schlechteren Karten, und wenn im gleichen Viertel dann auch noch Google oder Amazon einen Standort eröffnen, werden wir erst recht nervös.“ Gut, dass sich Klein darum zumindest in Anting nicht sorgen muss. Denn erstens gibt es in China kein Google. Und zweitens ist um das ZF-Gebäude längst jeder Quadratmeter bebaut. „Und wenn was frei würde, wären wir die ersten, die uns das Gelände sichern würden“, sagt Klein.

ZF will das „gesamte Portfolio“ in China anbieten

Denn der Manager hat hier noch viel vor. „Nahezu alle unserer Kunden werden ihr Geschäft in China in den kommenden Jahren ausweiten. Dabei unterstützen wir sie, indem wir unser gesamtes Portfolio vor Ort anbieten – von Entwicklungsleistungen bis zur lokalen Just-in-Sequence-Belieferung“, sagt Klein und setzt dabei auf maximale, auf permanente Präsenz: Er will den Local Content, also den Anteil heimischer Wertschöpfung, auf nahezu 100 Prozent bringen und er will den Anteil der Region am Gesamtumsatz des Konzerns von aktuell 21 Prozent bis zum Ende der nächsten Dekade auf 30 Prozent schrauben. Und er möchte die Chinesen beim Wandel der Mobilität begleiten und unterstützen: Die rasante Elektrifizierung der Antriebe, die zunehmende Vernetzung und die weitreichende Autonomie der Assistenzsysteme – das sind die großen Trends, die Klein für die nächsten Jahre sieht.

Und auf viele hat er schon eine Antwort. So bereitet ZF gerade die Fertigung eines Elektromotors in China vor, die „mStars-Achse“ ist ein Paket für alle Newcomer und Start-ups, die sich langwierige Entwicklungs- und Abstimmungsarbeit sparen wollen, weil sie als skalierbare „All inclusive“-Lösung auch einen Elektromotor mit bis zu 204 PS sowie eine aktive Hinterachslenkung enthält. Und auch die Achtgang-Automatik, die in Jiading bald anläuft, ist schon bereit für die Zukunft. Denn in drei, vier Jahren wird sie um einen E-Motor ergänzt und dann, glaubt man ZF, zum perfekten Baustein für die Elektrifizierung bestehender Modellreihen.

Fertigungsleiter Thomas Walindi weiß deshalb, dass es in Jiading nicht mehr lange so ruhig bleiben wird und dass er bald schon wieder umbauen muss. Doch selbst wenn auch er den Kampf um die Talente kennt, wenn er von 150 bald auf 500 Mitarbeiter aufstocken und mit einer Fluktuation von bis zu 20 Prozent rechnen muss, kann er sich auf ein paar erfahrene Kollegen verlassen. „Die allerersten fünf Mitarbeiter, mit denen wir diesen Strandort vor 15 Jahren eröffnet haben, sind heute immer noch an Bord.“

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