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Serie: Kreativ in der Krise Zulieferer berichten: „Eine Frage der Existenz“

Viele mittelständische Lieferanten haben Kredite aufgenommen und Kurzarbeit angemeldet. Wie ist die Lage bei den Unternehmen, wie organisieren sie den Hochlauf, und gibt es eigentlich noch Spielraum für Innovationen? Der fünfte und letzte Teil unserer Serie: Ein Stimmenfang in der Branche.

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Die Produktionsanläufe setzen Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter voraus.
Die Produktionsanläufe setzen Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter voraus.
(Bild: Volkswagen AG )

Die Lungenkrankheit Covid-19 ist ein Stresstest für die komplette automobile Wertschöpfungskette. Manch kleiner Zulieferer wurde ohne Vorwarnung Mitte März aus der Presse über den flächendeckenden Shutdown seiner OEM-Kunden informiert. Andere Lieferanten wiederum haben sich frühzeitig rüsten können. Der Wiederanlauf wird für alle zu einer Herausforderung. Wie ist die Lage bei den Unternehmen, mit welchen Szenarien rechnen sie, und wie viel Budget für Innovationen gibt es in einer Zeit, in der eine ganze Branche den Gürtel noch enger schnallen muss? Einblicke in vier Unternehmen.

Dr. Schneider: „Nicht von null auf 100“

Parag Shah, Geschäftsführer Vertrieb, Marketing und Program Management bei der Dr. Schneider Unternehmensgruppe, informiert über das bisherige Krisenmanagement des Mittelständlers und spricht über Neuentwicklungen und ihre Priorisierung.

Trotz des Lockdowns sind wir den vertraglich vereinbarten Kundenabrufen jederzeit nachgekommen. Ein kontrolliertes Zurückfahren unserer Produktion in unseren deutschen und europäischen Werken auf durchschnittlich 20 bis 25 Prozent hat uns dabei geholfen. Auf diesem Niveau wurde dort in den zurückliegenden Wochen weitergearbeitet.

Wir stehen in einem sehr engen Austausch mit unseren Kunden. Die Abrufe sind noch sehr schwankend, wodurch sich Wiederanläufe immer wieder verschieben. Ob die Produktion tatsächlich wieder aufgenommen wird und in welchem Umfang, ist noch fraglich. Die Supply Chain ist einfach noch nicht wieder auf 100 Prozent.

Unsere Supply Chain haben wir sichergestellt, Bestände aufgebaut und Vorprodukte produziert. Für die Wiederanlaufphase sind wir sehr gut aufgestellt. Dass dies nicht von null auf hundert geht, ist uns bewusst, das planen wir auch ein.

Als innovationsgetriebenes Unternehmen werden wir viele Projekte, die eigentlich im Moment erst einmal vorfinanziert werden, wie Entwicklung, Vorentwicklung und Projektmanagement, weiterlaufen lassen. Da können und dürfen wir uns keine Blöße geben. Natürlich schauen wir derzeit, was wir priorisieren, und auf welche Themen wir jetzt besser verzichten, um Kosten einzusparen. Die Entwicklungsprojekte unserer Kunden dürfen in keinem Fall leiden.

Preh: „Rechnen mit Fairplay“

Auch Michael Roesnick, Vorsitzender der Geschäftsführung der Preh GmbH mit Hauptsitz im fränkischen Bad Neustadt an der Saale, spricht von einem strikten Sparplan und hofft auf ein „Fairplay“ in der Branche.

Wir haben keine anderen Kompensationsmöglichkeiten für den Umsatzeinbruch, als unsere Kosten zu begrenzen, wo immer es möglich ist. Hier ist die Kurzarbeit sehr hilfreich. Zudem haben wir mit den Führungskräften vereinbart, dass sie auf 20 Prozent ihres Einkommens verzichten, auch wenn sie aufgrund erhöhter Abstimmungsaufwände eigentlich mehr Arbeit haben. Wir setzen bei Preh traditionell auf solidarische Lösungen, das hat sich auch in der Krise 2008/2009 bewährt.

Unser strikter Sparkurs greift auf allen Ebenen. Innovationsprojekte, an denen wir konkret mit unseren Kunden arbeiten, werden weiter vorangetrieben. Rein interne Vorentwicklungen und „nice to have“-Projekte sind derzeit on hold.

In dieser weltweit außergewöhnlichen Situation rechnen wir mit einem hohen Maß an Fairplay der Kunden. Die Automobilindustrie kann nur dann ihre komplexen Zulieferketten erhalten, wenn alle partnerschaftlich diese Krise überstehen.

Syntech Plastics: „Eine Frage der Existenz“

Hüseyin Karaoglu, Geschäftsführer bei Syntech Plastics, hofft auf die Weitsicht der ebenfalls von der Krise betroffenen Hersteller.

Momentan rechnen wohl alle Branchenteilnehmer damit, dass die Kunden die Lieferanten an der finanziellen Belastung teilhaben lassen werden. Allerdings sollte der finanziell und prozessual gut aufgestellte Kunde dabei berücksichtigen, dass die kleinen Lieferanten selbst sehr stark unter der Krise zu leiden haben – mitunter ist es bei vielen sogar eine Frage der Existenz. Wie weit die Forderungen der Kunden nach Preissenkungen überhaupt erfüllt werden können, muss jeder Lieferant individuell entscheiden.

Unsere Kunden informieren uns wöchentlich mit ihren aktualisierten Wünschen und Anforderungen. Wir bewerten diese sodann und geben ihnen unmittelbar Auskunft über die Machbarkeit. Da wir Bestände aufgebaut haben, sehen wir keine Probleme oder einen Engpass bei der Produktion.

Plastic Concept: „Erwarten weder V noch U“

Bernd Nebel ist Geschäftsführer von Plastic Concept, einem Kunststoffspezialisten, der seinen Sitz in Neusalza-Spremberg unweit der tschechischen Grenze hat. Er sorgt sich um die Neuanläufe seiner Kunden.

Die gesamte Firma ist gerade noch auf Kurzarbeit, unsere Produktion steht. Wir erhalten jetzt die ersten Liefereinteilungen für die Zeit ab dem 27. April, der Umfang beträgt etwa 20 Prozent. Ich glaube, das sind simulierte Abrufe, die vom Hersteller ins System eingegeben werden, um die Lieferkette zu testen. Die sind nicht durch reale Abrufe oder Kundenbestellungen verursacht. Wir machen das genauso und rufen bei unseren Sublieferanten kleine Mengen ab, damit wir sehen, ob beim Start alles funktioniert.

Die Kommunikation mit den OEMs zum Anlauf läuft sehr gut. Unsere Kunden rufen bei uns an und fragen nach unseren Kapazitäten. Da ist viel gegenseitiges Verständnis vorhanden.

Ich glaube aber, dass es eine Verschiebung bei Neuprojekten geben wird, zum Beispiel für E-Fahrzeuge. Wir machen dafür gerade alles fertig, und es wäre schlimm für das Unternehmen, wenn sich die Anläufe verzögern, da wir viel investiert haben. Hier wünsche ich mir eine bessere Kommunikation. Die Projektzahlungen erhalten wir ja erst, wenn die Serien anlaufen, es geht um mehrere Millionen Euro. Müssen solche Projekte aus wirtschaftlichen Gründen verschoben werden, wünsche ich mir Unterstützung für unsere erbrachten Vorleistungen.

Unsere Werke werden erst nach der Sommerpause wieder richtig hochlaufen. Wir rechnen erst ab September mit normalen Stückzahlen. Aber auch keine 100 Prozent, eher 80 bis 85. Diese Einbrüche kommen durch die Unsicherheit am Markt und die der Verbraucher. Ich sehe für den Hochlauf keine V-Form und auch kein U. Wir haben einen KfW-Kredit beantragt und erhalten außerdem Kurzarbeitergeld. Mit diesen Maßnahmen sowie unserem normalen Seriengeschäft müssten wir hinkommen. Trotz der finanziellen Unsicherheiten konzentrieren wir unser weiter auf ein Innovationsprojekt. Eher schieben wir etwas im Tagesgeschäft nach hinten.

Bei den Verbrauchern überlagert sich jetzt die Verunsicherung beim Thema Antriebstechnik mit der Krise durch das Coronavirus. Ich befürchte, diese Überschneidung wird katastrophal. Wer in Kurzarbeit ist und Geld hin und her schieben muss, kauft kein Auto.

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Redakteurin Wirtschaft und Mobilität