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Null Nachfrage: Tata stellt den Nano ein

| Autor/ Redakteur: Andreas Grimm / Svenja Gelowicz

Ursprünglich sollte der Nano die Massen in Indien auto-mobilisieren. Doch die Kunden nahmen das Konzept nicht an, der Nano war wohl letztlich zu wenig Auto. Immer stärker brachen die Käufer weg, jetzt beendet Tata die Ära des Kleinstwagens.

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Der Tata Nano sollte einst die Mobilität in Indien revolutionieren. Doch die Verkaufszahlen blieben schwach. Zuletzt wurde das Auto gar nicht mehr nachgefragt, jetzt wird die Produktion offiziell eingestellt.
Der Tata Nano sollte einst die Mobilität in Indien revolutionieren. Doch die Verkaufszahlen blieben schwach. Zuletzt wurde das Auto gar nicht mehr nachgefragt, jetzt wird die Produktion offiziell eingestellt.
(Bild: Tata)

Der indische Tata-Konzern verabschiedet sich von seinem einstigen Vorzeigeprojekt, dem Kleinwagen Nano. Das Auto, das die Massen in Indien fürs Auto begeistern sollte, hat nie auch nur ansatzweise den Erfolg erzielt, den sich sein geistiger Vater Ratan Tata erhofft hatte. Zu sehr litt das Modell unter dem Sparzwang, um günstig zu sein. Bei den potenziellen Käufern hinterließ der Nano stattdessen das Gefühl, kein vollwertiges Automobil zu sein.

Wie das „Handelsblatt“ berichtet, wird die eigentlich nicht mehr existente Produktion des Nano zum Jahreswechsel auch offiziell eingestellt. Der Nano könnte „in seiner jetzigen Form nicht über 2019 hinaus bestehen“, zitiert das Blatt den Tata-Konzern. Gerade einmal ein Nano-Modell sei im Juni noch produziert worden. Im Vorjahr war mit 275 Fahrzeugen bereits keine profitable Fertigung mehr möglich.

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Tata Nano: 35 PS für den indischen Markt

Die Vorstellungen waren ganz andere, als das Konzept Ende der 2000er Jahre erstmals skizziert wurde. Von 200.000 Verkäufen pro Jahr war damals die Rede. Zum Preis von rund 100.000 Rupien, damals etwa 2.500 Euro, sollte das Fahrzeug mit 35 PS die indische Bevölkerung mobilisieren, auch Afrika, Lateinamerika und Südostasien hatte Firmenchef Ratan Tata im Blick – nicht allerdings klassische Automärkte wie Europa, die USA oder Japan.

Doch auch die Inder wollten das Volksauto nicht in ausreichender Zahl, trotz des unschlagbaren Preises. In Crashtests erwies sich die Kehrseite der günstigen Medaille, der Nano galt schnell als „brandgefährlich“. Noch Anfang 2014 erreichte der Nano in einem NCAP-Test des ADAC noch nicht einmal einen Stern. Wer in Indien ein günstiges Auto wollte, griff zu dem nur weniger teureren Suzuki-Maruti 800. Dieses Modell war zwar älter, bot aber mehr Platz und hatte mehr die Anmutung eines „richtigen“ Autos. So prägte der Tata Nano letztlich nie das Straßenbild der indischen Metropolen. Im vierten Quartal 2011 etwa verkaufte sich das Auto 18.000 Mal – im darauf folgenden besten Absatzjahr 2012 waren es insgesamt 76.747 Fahrzeuge.

Weit abgeschlagen beim Komfort

Wegen seines extrem niedrigen Preises konnte der Nano vieles nicht liefern, was teurere Autos hatten. Anfangs war der Gepäckraum mangels Heckklappe nur von innen zu erreichen, es gab keine Klimaanlage, der Nano stand auf kleinen Zwölf-Zoll-Rädern und schaffte eine Spitzengeschwindigkeit von 105 km/h. Vier Trommelbremsen mussten genügen, um seine 600 Kilogramm in Schach zu halten.

Am schlechten Ruf änderte ein Facelift im Jahr 2013 nichts mehr. In der überarbeiteten Auflage hatte der Nano Chrom-Zierrat am Kühler und einen aufgewerteten Innenraum. Außerdem sollte es ihn in neuen Karosseriefarben und in vier lifestyle-orientierten Ausstattungsversionen mit jeweils eigenen optischen Akzenten geben. Genutzt hatten alle Versuche der Aufwertung nichts, der Kleinstwagen blieb davor und danach hinter den Absatzerwartungen zurück.

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Neuauflage als „Gen X“

Ein weiterer Versuch folgte im Jahr 2015, als der Nano als „Gen X“ mit neuer Technik und aufgehübschter Optik auf den Markt kam. Damals waren die Verkaufszahlen bereits auf 20.000 Einheiten im Jahr abgesackt. Zu den wichtigsten Neuerungen zählte damals eine Servolenkung, ein automatisiertes Fünfgangschaltgetriebe und ein auf 38 PS leicht verstärkter Zweizylinder-Benziner mit größerem Benzintank. Eine steifere Karosserie und hochfeste Stähle sollten zudem die Sicherheit erhöhen. Günstig war der „Nano Gen X“ noch immer: Umgerechnet 2.800 Euro kostete die Basis-Version, mit Automatik war er ab 3.800 Euro zu bekommen.

Tata Nano: Keine Chance in Deutschland

Anfangs entfachte der Tata Nano auch in Deutschland Fantasien bei Händlern und findigen Privat-Importeuren. So wollte die Firma „Green Rent“ Tata-Fahrzeuge hierzulande etablieren, darunter auch den Nano. Dieses Unterfangen ist längst wieder in der Versenkung verschwunden.

Mit Material von Jens Meiners/Ampnet

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 Andreas Grimm

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Redakteur, Redaktion »kfz-betrieb«