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Routing Start-up Graphmasters: Im Schwarm auf allen Straßen

| Autor/ Redakteur: Svenja Gelowicz / Maximiliane Reichhardt

Stau nervt. Damit Autofahrer schneller ans Ziel kommen, hat ein Hannoveraner Start-up eine Navigationssoftware entwickelt. Bei ein und demselben Ziel schlägt das System den Nutzern möglicherweise unterschiedliche Routen vor. Das hat Gründe.

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„Zielspinnen“ von Nutzern der Navigationssoftware von Graphmasters.
„Zielspinnen“ von Nutzern der Navigationssoftware von Graphmasters.
(Bild: Graphmasters)

Eigentlich sind es nur wenige Minuten Autofahrt durch Frankfurt, um von einem Hotel in der Idsteiner Straße zum Messeparkhaus „Rebstock“ zu gelangen. Eigentlich ist auch der Verkehr überschaubar: Die IAA hat die Pforten zu Beginn nur für Journalisten geöffnet, der große Besucherandrang steht erst noch bevor. Eigentlich. Doch wegen einer Straßensperrung dauert es dann doch deutlich länger – der erste Termin vor Ort platzt.

Hätte man sich vorher auf der IAA-Webseite über die Anreise schlau gemacht, wäre man auf die Navigations-App „Nunav“ gestoßen. Wer in der Anwendung den Weg zur Frankfurter Automesse sucht, erhält eine ganz persönliche Route – welche genau, hängt davon ab, ob man sich als Aussteller, Journalist oder Besucher zu erkennen gibt. Die App berücksichtigt auch das Parkplatzmanagement des VDA, die von der Stadt Frankfurt für die Messebesucher geplanten Strecken sowie die Anforderungen von Hessen Mobil, der oberen Landesbehörde für Straßen- und Verkehrsmanagement.

Wir wollen Nunav großflächig auf die Straßen bringen.

Die Softwarefirma dahinter ist ein Start-up aus Hannover namens Graphmasters, deren Stand man in der New Mobility World finden konnte. „Der VDA hat uns für die IAA gebucht“, sagt Unternehmenssprecher Alexander Meister. Graphmasters ging davon aus, dass zwei Prozent der IAA-Teilnehmer mithilfe von Nunav zur Messe finden. „Damit sind wir verkehrsrelevant. Wir machen den Verkehr so um 16 Prozent besser für alle“, sagt Meister. Letztendlich waren es sogar über zehn Prozent der Besucher, die per Pkw anreisten. Das ausgegebene Ziel ist noch ambitionierter: „Wir wollen Nunav großflächig auf die Straßen bringen.“

Gründer treffen Politiker: (v. li.) Christian Brüggemann (Mitgründer), Stefan Muhle (Staatssekretär für Digitalisierung des Landes Niedersachsen), Iulian Niescu und Sebastian Heise (beide Mitgründer).
Gründer treffen Politiker: (v. li.) Christian Brüggemann (Mitgründer), Stefan Muhle (Staatssekretär für Digitalisierung des Landes Niedersachsen), Iulian Niescu und Sebastian Heise (beide Mitgründer).
(Bild: Graphmasters)

Sebastian Heise, Christian Brüggemann und Iulian Nitescu haben Graphmasters 2013 gegründet. Kurz zuvor räumten sie mit ihrer Idee den ersten Platz des Microsoft Imagine Cup ab: Dafür gab es 100.000 Euro Preisgeld und nochmal die gleiche Summe in Form von Software-Unterstützung. Drei Jahre lang hat die junge Firma daraufhin ihre Algorithmen entwickelt; mittlerweile gibt es 50 Mitarbeiter, im nächsten Jahr sollen es laut Meister bereits 80 sein.

Über Collaborative Routing

Die Navigationssoftware Nunav soll einiges besser können: Etablierte Routingsysteme schicken ihre Nutzer über ähnliche Straßen, am Ende landen alle auf derselben Strecke. Heißt: Zu viele Fahrzeuge sind auf zu wenig Platz unterwegs, das Straßennetz wird nicht richtig genutzt. Die Software von Graphmasters macht so ziemlich das Gegenteil davon: Autofahrer erhalten verschiedene Navigationshinweise, eine künstliche Intelligenz sagt voraus, welche Kapazitäten im Straßennetz zur Verfügung stehen. Das Ganze heißt Collaborative Routing und basiert auf dem System der Schwarmintelligenz.

Das System aggregiert dafür große Mengen Daten, ob von den Behörden, smarter Infrastruktur oder Informationen zur üblichen Verkehrslast. Meister: „Wir kennen die Lastspitzen für Strecken. Ein einzelnes Auto zusätzlich kann das System zum Kollaps bringen.“ Dieses Fahrzeug nehme die App dann heraus. Laut Meister könnte es so eben dazu kommen, dass zehn unterschiedliche Nutzer genauso viele verschiedene Routen vorgeschlagen bekommen. Der Weg selbst ist dann eben nicht automatisch der kürzeste.

Graphmasters arbeitete bereits mehrmals mit Veranstaltern von Großereignissen zusammen. Zum Beispiel im Juni, als in Hamburg zeitgleich zwei große Konzerte stattfanden. In der Software können virtuell Straßen oder bereits ausgelastete Parkplätze gesperrt werden.

Der Crafter nutzt Nunav

Während die App für Endkunden kostenlos ist, verdient Graphmasters vor allem in der Logistikbranche Geld. Laut Meister nutzen beziehungsweise testen alle großen Dienstleister im Bereich Kurier-Express-Paket (KEP) bereits die Navigationssoftware. Hermes ist der erste große Kunde. Nunav Courier heißt das Produkt für die Lieferfahrzeuge, es verteilt Ausfahrdaten und kann große Mengen Stopps kalkulieren. Dabei soll es nicht bleiben. Alexander Meister: „Gerade arbeiten wir am Routing für Lkws.“

Im VW-Kleintransporter Crafter ist das Navigationssystem mittlerweile sogar fest im Einsatz. „Wir wollen in die Infotainmentsysteme der Fahrzeuge hinein. Deshalb wollen wir weitere Features für unsere Software entwickeln, damit die Automobilindustrie uns entdeckt“, sagt Meister. Aktuell kann man das System jedoch lediglich in der DACH-Region nutzen. Außerdem nutzen Hersteller wie Mercedes-Benz mit MBUX ganz eigene Systeme. Der Stuttgarter Hersteller setzt beispielsweise auf das Adresssystem What3words. Doch das mache nichts, sagt Meister, Nunav könnte mit dieser Kartierung verknüpft werden.

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin