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Webasto-Chef Engelmann: „Rumpelige Zeiten“

| Autor/ Redakteur: Tina Rumpelt / Maximiliane Reichhardt

In der Weltwirtschaft knirscht es – das bekommen auch die Zulieferer zu spüren: Vor zwei Jahren peilte Webasto-Chef Holger Engelmann bis 2020 einen Umsatz von fünf Milliarden Euro an. Dieses Ziel ist kaum mehr zu halten. 2018 stagnierte der Umsatz bei 3,4 Milliarden Euro. Das neue Ziel: Verdoppelung bis 2025.

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Auf dem Jahresprsessegespräch gab der Vostandsvorsitzende Holger Engelmann unter anderem die Ziele von Webasto bekannt.
Auf dem Jahresprsessegespräch gab der Vostandsvorsitzende Holger Engelmann unter anderem die Ziele von Webasto bekannt.
(Bild: Webasto)

„Wir sind zufrieden mit dem, was wir 2018 abliefern konnten“: Mit diesem Statement eröffnete Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender der Webasto SE, das alljährige Jahrespressegespräch am Dienstag (22. Mai) in München. Auch wenn die Zeiten „rumpelig“, so der Firmenchef, seien – Webasto verfolgt stringent seine Wachstumsstrategie. Wenn auch nun mit einem revidierten Umsatzziel: Sechs bis sieben Milliarden Euro Umsatz sollen bis 2025 erwirtschaftet werden. Der Weg dorthin: „Wir müssen schneller, agiler und leaner werden“, so Engelmann. Und: Webasto müsse sich „vom Mechanik- zum Mechatronik-Experten weiterentwickeln“. Dafür werde zusätzliche fachliche Expertise aufgebaut und in die Weiterbildung der Mitarbeiter investiert. Schon heute liege der Anteil der Elektronik bei den Webasto-Produkten bei 30 bis 35 Prozent – Tendenz weiter steigend.

Umsatz stagniert: „Wir haben eine Pause eingelegt“

Im vergangenen Jahr konnte das Unternehmen mit Sitz in Stockdorf mit heute weltweit knapp 13.500 Mitarbeitern den Umsatz wechselkursbereinigt in etwa auf dem Vorjahresniveau (- 0,2 Prozent) halten. „Wir haben eine Pause eingelegt“, kommentierte der Firmenchef. Als Gründe dafür führte er die Abkühlung der globalen Märkte, Handelsstreits sowie Absatzeinbußen aufgrund der Probleme bei der WTLP-Einführung an. Das Ebit schrumpfte 2018 aufgrund hoher F&E-Ausgaben und großer Investitionen vor allem in China, Mexiko und in den USA von 248 Millionen (7,1 % Umsatzanteil) in 2017 auf 202 Millionen Euro (5,9 % Umsatzanteil), ein Minus von rund 18 Prozent.

Webasto: Gut gefülltes Orderbuch und ein dickes Kapitalpolster

Die Umsatzeinbußen sind laut Engelmann auch eine Folge einer Delle bei den Auftragseingängen in den Jahren 2013/2014, die nun spürbar werde. Nun seien die Auftragsbücher von Webasto mit Kundenorder im Wert von 22,8 Milliarden Euro aber wieder gut gefüllt, bestätigte Engelmann. 2,6 Milliarden Euro davon entfallen auf neue Technologien rund um die E-Mobilität. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Entwicklungsprojekte sauber in die Serie zu bekommen. Wir dürfen nicht an der falschen Stelle sparen“, so der Firmenchef. Das Unternehmen sei mit einer Eigenkapitalquote in 2018 von 49 Prozent oder 1,2 Milliarden Euro jedoch „sehr gut aufgestellt und verfügt über eine flexible und solide Ausgangslage zum Erreichen langfristiger Ziele“.

Ziel 2025: Eine Milliarde Euro Umsatz mit der Elektromobilität

Mit 2,8 Milliarden Euro und 82 Prozent Umsatzanteil ist der Dachbereich – Schiebe-, Panorama- und Cabriodächer – der dominante Geschäftsbereich der Stockdorfer. „Heizen und Kühlen“ folgt mit 17 Prozent Umsatzanteil (594 Mio. Euro) an zweiter Stelle. Das Heizungsgeschäft ist ein kräftiger Wachstumstreiber, das 2018 um zehn Prozent zulegte. Vor allem die elektrischen Heizungen beflügeln die Absatzzahlen. Das neue Geschäftsfeld „Batterien und Ladelösungen“ nannte Engelmann „unser kleines, zartes Pflänzchen“, von dem er jedoch ein flottes Wachstum erwartet. Eine Milliarde Euro will Webasto bis 2025 in dem Geschäftsfeld rund um die E-Mobilität erwirtschaften. 2018 trug das „Pflänzchen“ gerade mal 19 Millionen Euro zum Gesamtumsatz bei.

Webasto ist ein globaler Player par excellence: 42 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen in Asien, 36 Prozent allein in China, 41 Prozent in Europa (Deutschland: 17 Prozent) und 17 Prozent in Americas. Die starke globale Präsenz untermauert Webasto mit sehr hohen Local-Content-Anteilen in allen Regionen. Der aktuelle Zollpoker zwischen den USA und China tangiert das Unternehmen daher eher wenig. Webasto importiert nur etwa ein bis zwei Prozent seines Einkaufvolumens von China in die USA.

China ist und bleibt Wachstumstreiber

China ist seit ein paar Jahren bereits der größte Einzelmarkt von Webasto. Im Dachbereich ist das bayerische Unternehmen im Reich der Mitte mit über 50 Prozent Marktanteil unangefochtener Marktführer. In 2018 konnte Webasto den Umsatz in China um sechs Prozent steigern. Die aktuelle Abkühlung des chinesischen Automarkts sieht Engelmann eher gelassen: „Wir investieren jetzt, dann sind wir bereit, wenn der Markt wieder anzieht.“ Dass sich in China vor allem die Elektromobilität sehr schnell durchsetzen werde, davon ist er überzeugt. „Wir wachsen mit unseren asiatischen Kunden, aber auch in Europa und Nordamerika“, erläuterte Engelmann. Mit der Übernahme der Partneranteile des bisherigen Joint-Ventures mit Donghee im südkoreanischen Ulsan baut Webasto seine Präsenz in Asien 2019 weiter aus. Webasto Korea betreibt fünf Werke für Panoramadächer in Südkorea, China und in der Slowakei mit insgesamt 900 Mitarbeitern und erwirtschaftete 2018 einen Umsatz von rund 350 Millionen Euro.

F&E-Ausgaben auf neuem Höchststand

„Mit Innovationskraft in die mobile Zukunft“ lautet Webastos Strategie und so investierte das Unternehmen 2018 rund 271 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung – 38 Millionen oder 16 Prozent mehr als 2017. Der Anteil der F&E-Ausgaben am Umsatz stieg von 6,6 auf 7,9 Prozent, der höchste Wert in den vergangenen fünf Jahren. Als Investitionsschwerpunkte nannte der Webasto-CEO Produktentwicklungen im Bereich Elektromobilität und Mechatronik sowie diverse Vorentwicklungsprojekte. Neue Produktprojekte für die Elektromobilität von Webasto sind unter anderem Ladelösungen für Privat- und Gewerbekunden. Der erste Serienauftrag eines OEM lief Ende 2018 an, für Volkswagen.

Die Mischung macht’s: neue Strukturen im Produktionsverbund

Die geopolitischen Spannungen hinterlassen Spuren auch bei den Automobilzulieferern. Die neuen Technologien erfordern neue Kompetenzen und bringen zugleich neue Wettbewerber ins Spiel. Webasto wappnet sich mit Investitionen in den Ausbau der neuen Geschäftsfelder sowie für Kapazitätserweiterungen im Kerngeschäft in allen Regionen. Dafür flossen 2018 insgesamt 248 Millionen Euro (7,2 Prozent des Umsatzes). Wobei Webasto seine langjährige Fertigungsstrategie „ein Werk, ein Produkt“ Zug um Zug zurückfährt. Am neuen Standort Jiaxing nahe Shanghai werden künftig Dächer produziert und zugleich entsteht dort ein Kompetenzzentrum für Batterietechnologie. Im Rahmen des Ausbaus des Werks in Wuhan werden dort neben Dächern künftig auch elektrische Heizungen montiert. Bis Ende dieses Jahres investiert Webasto rund 90 Millionen Euro in die beiden China-Werke.

Die Erweiterung der Aufgabenbereiche an einzelnen Standorten findet seine Fortsetzung auch in Deutschland: Das Schiebedach-Werk Utting wird derzeit zum globalen Kompetenzzentrum „Anlagenbau und Automatisierung“ ausgebaut, um das Know-how für die Standardisierung von Dach-Produktionslinien zu bündeln. Eine modular aufgebaute, hochautomatisierte Montagelinie absolviert dort derzeit Testläufe, die Umstellung auf Echtbetrieb für den Auftraggeber ist für Anfang 2020 geplant.

40 Millionen Euro fließen in die Kapazitätserweiterung am mexikanischen Standort in Irapuato. Eröffnung ist im Sommer 2019. Webasto produziert dort Schiebe- und Panoramadächer für Kunden in Mexiko und Brasilien, darunter Ford, Volkswagen, Fiat und Mazda. Weitere 40 Millionen Euro kostet ein neues Werk in Plymouth im US-Bundesstaat Michigan. Dort entsteht eine neue Cabriodach-Fertigung mit neuen 250 Arbeitsplätzen. Der SoP ist 2020 geplant. „Hinter dieser Investition steht ein konkretes Kundenprojekt“, erklärte Engelmann. Wer der Kunde ist, verrät er noch nicht.

Neue Organisation zur Stärkung der Zukunftsausrichtung

Beim Pressegespräch informierte Engelmann auch über das neue formale Rückgrat von Webasto – eine globale Matrixorganisation. Die Unternehmensgruppe gliedert sich seit Anfang 2019 in drei Geschäftsbereiche: Roof & Components (Schiebe-, Panorama- und Cabriodächern), Energy & Components (Batteriesystemen, Ladelösungen, elektrische und kraftstoffbetriebene Heizsystemen) sowie „Customized Solutions“ (B2B- und B2C-Produktlösungen und -Services für Endkunden, Handelspartner und Spezialfahrzeughersteller). Die neue Organisation soll vor allem den Kundenfokus stärken – mit global aufgestellten Kundengruppen, die über alle Geschäftsbereiche hinweg verantwortlich sind. „Mit der neuen Organisation können wir besser als bisher bestehende Strukturen für den schnellen Auf- und Ausbau der neuen Geschäftsfelder einsetzen“, erläuterte Engelmann. Ein weiterer Vorteil der Matrixorganisation: Die engere formale Zusammenarbeit fördert auch geschäftsbereichsübergreifend den Austausch von Know-how und Best-Practice. Engelmann: „Davon profitieren unsere Kunden mit kurzen Entwicklungszeiten und einem hohen Reifegrad der Produkte.“ Wichtig ist Engelmann zudem eine noch bessere Integration der Mechatronik-Kompetenz über alle Bereiche hinweg. Auch das soll durch die neue Organisation sichergestellt werden. Denn, so Engelmann: „Bis 2025 wollen wir ein mechatronisch denkendes und handelndes Unternehmen werden.“

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 Tina Rumpelt

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