Software Umfrage zu Software: OEMs sehen sich schlecht aufgestellt

Autor: Sven Prawitz

Automobilhersteller, die das volle Potenzial von Software ausschöpfen können, werden einen Wettbewerbsvorteil haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage von Capgemini. Dabei geht es nicht um buchbare Funktionen im Auto.

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VW startete 2021 mit regelmäßigen Software-Updates. Solche Funktionen können den Wert eines Fahrzeugs steigern und zur Kundenzufriedenheit beitragen.
VW startete 2021 mit regelmäßigen Software-Updates. Solche Funktionen können den Wert eines Fahrzeugs steigern und zur Kundenzufriedenheit beitragen.
(Bild: Volkswagen)

Das Software immer wichtiger wird ist längst kein Geheimnis mehr: Bis zum Jahr 2030 soll sich das Marktvolumen für Software mehr als vervierfachen – auf dann gut 260 Milliarden Euro. Vor allem Software außerhalb des Fahrzeugs (off-board) trage zu dieser Entwicklung bei, so die Analysten von Berylls. Gleichzeitig steigen die Entwicklungsaufwände in diesem Bereich: Fast die Hälfte des Entwicklungsbudgets werde in gut acht Jahren für Elektronik inklusive Software aufgebracht.

Doch ein Großteil der OEMs sieht sich noch immer schlecht aufgestellt für diese Transformation. Unter knapp 600 befragten Führungskräften von Automobilherstellern sehen sich gut 70 Prozent gerade mal in der Anfangsphase für softwaregetriebene Geschäftsmodelle (Deutschland: 53 %). Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Capgemini Research Instituts. Demnach hätten nicht einmal ein Drittel der teilnehmenden OEMs (28 %) ein Pilotprojekt oder einen Proof of Concept (D: 41 %, China 63 %).

OEMs investieren in Software-Plattformen

Dabei könne Software helfen, die Produktivität um bis zu 40 Prozent zu steigern und die Kosten um 37 Prozent zu senken, so die Einschätzung von Capgemini. Wichtig sind hierfür schnell anwendbare Software-Plattformen – analog zu den Plattformen im Fahrzeugbau wie MEB oder E-GMP. Laut Umfrage wird der Anteil der Fahrzeuge pro OEM mit einheitlicher Software-Plattform in den kommenden zehn Jahren auf durchschnittlich 35 Prozent steigen (2021: 7 %). Die deutschen Hersteller bleiben auf diesem Gebiet konservativ (4 % auf 23 %).

Das Thema Betriebssystem (operating system, kurz OS) wird seit Monaten immer wieder diskutiert. Der Begriff ist nicht exakt abgegrenzt und wird daher oft für unterschiedliche Applikationen verwendet. In der Regel geht es um einen Software-Layer, der über Autosar liegt und auf dem die Entwickler Apps entwickeln und betreiben können. Dieser OS-Layer sei nicht wettbewerbsdifferenzierend, erklärt Jan Becker. Der Co-Gründer von Apex.AI ist einer der ersten auf dem Markt, der ein fertiges OS anbieten kann. Der TÜV hat die Software von Apex zertifiziert und Toyota ist einer der ersten Automotive-Kunden.

BMW wirbt für deutsches Betriebssystem

Während Volkswagen sein eigenes Betriebssystem entwickeln möchte, arbeiten OEMs mit deutlich kleineren Entwicklungsbudgets als der VW-Konzern mit Tech-Unternehmen zusammen. So setzen beispielsweise Volvo und Polestar auf Android Automotive. BMW scheint ebenfalls „zu klein“ zu sein, um diese Aufgabe alleine zu stemmen: Kurz vor Beginn der IAA forderte Entwicklungschef Frank Weber in der Süddeutschen Zeitung zur Zusammenarbeit auf. Zumindest ein deutsches Betriebssystem würde aus seiner Sicht sinnvoll sein.

Ob Webers Appell ein Umdenken anstößt bleibt fraglich. Zumal momentan die Strategien in diesem Feld höchst unterschiedlich sind. Die Führungsebene bei VW überbewertet das Thema, hat aber den Vorteil über viele Marken und hohe Volumen skalieren zu können. Daimler hingegen kooperiert stark mit Nvidia und macht sich dadurch von deren Hardware abhängig.

Wettbewerbsvorteil durch richtig eingesetzte Software

Der Einsatz von Software hat das Potenzial den Automobilmarkt neu zu ordnen, da sind sich die beiden Capgemini-Manager Ralf Blessmann, Head of Automotive, und Rainer Mehl, Managing Director Strategic Account Automotive, sicher. Im Bereich Software führende OEMs könnten ihren Marktanteil um durchschnittlich neun Prozent gegenüber dem Wettbewerb erhöhen, führt Blessmann aus. Im umgekehrten Fall geht er davon aus, dass es für einen Autohersteller existenzbedrohend sein kann, sollte hier der Anschluss verpasst werden.

Wichtig seien für die OEMs zunächst weniger die sogenannten functions on demand, ist sich Rainer Mehl sicher. Die Daten intern zu nutzen berge ein riesiges Potenzial: Laut Capgemini könnte die Kundenzufriedenheit um 23 Prozent gesteigert werden. Doch die Umfrage zeigt: Fast die Hälfte (47 Prozent) Autohersteller sammeln oder analysieren heute keine Fahrzeugdaten.

Als Beispiel nennt Mehl den Wechsel auf Winter- beziehungsweise Sommerräder. Den Kunden könnte abhängig von der Wettervorhersage für einzelne Regionen individuelle Termine zum umstecken der Räder angeboten werden.

Methodik

Capgemini führte eigenen Angaben zufolge eine primäre Online-Umfrage unter 572 Führungskräften von Automobil-OEMs weltweit durch sowie eine Reihe von Tiefeninterviews mit 17 Branchenexperten zu verschiedenen Aspekten der softwaregetriebenen Transformation. Alle diese Führungskräfte waren entweder an einem solchen Transformationsprojekt beteiligt oder leiteten dieses. Diese Primärdaten wurden mit selbst recherchierten Informationen kombiniert. Darüber hinaus wurden Interviews mit internen Software-Experten der Capgemini-Gruppe geführt, um die Sichtweise von Capgemini zur softwaregetriebenen Transformation zu erarbeiten, heißt es weiter.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Fachredakteur, »Automobil Industrie« und Next Mobility