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Fahrbericht

VW Touareg: Fast zu schade für das Gelände

| Autor: Jens Scheiner

Der VW Touareg ist nach dem Aus der Luxuslimousine Phaeton das neu erkorene Flaggschiff der Marke. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat Volkswagen die dritte Generation mit eleganter Optik, modernem Infotainment-Konzept und neuer Technik ausgestattet. Wir haben den 3.0 V6 TDI mit 210 kW/286 PS getestet.

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Seit Mitte des Jahres 2018 gibt es die dritte Generation des Volkswagen Touareg. Mit 210 kW/286 PS aus knapp drei Litern Hubraum und sechs Zylindern war unser Testwagen ordentlich motorisiert.
Seit Mitte des Jahres 2018 gibt es die dritte Generation des Volkswagen Touareg. Mit 210 kW/286 PS aus knapp drei Litern Hubraum und sechs Zylindern war unser Testwagen ordentlich motorisiert.
(Bild: Thomas Günnel/Automobil Industrie)

Nach dem Aus der Luxuslimousine Phaeton ist nun die dritte Generation des Touareg das auserkorene Flaggschiff von Volkswagen. Um den gehobenen Ansprüchen der neuen Zielgruppe gerecht zu werden, baut das neue SUV auf der „MLB Evo“-Plattform auf. Die teilt es sich mit den Luxus-Brüdern Porsche Cayenne, Audi Q7, Bentley Bentayga und Lamborghini Urus.

Zudem erhält der Touareg eine komplett neue Optik. Die Chromspangen des massiven Kühlergrills gehen nahtlos in die LED-Lichtsignatur der Scheinwerfer über. Die Fahrzeugseite ist sehr glatt gezeichnet, verleiht dem SUV gemeinsam mit dem leicht abfallenden Dach sowie der weit nach vorne geneigten C-Säule dennoch Dynamik. Durch die glatten Linien kommen die extrem ausgeprägten hinteren Radhäuser besonders zur Geltung und lassen den neuen Touareg zugleich kräftig wirken. Dieser Eindruck wird durch die neuen Maße zusätzlich betont: Im Vergleich zum Vorgänger legt der Neue bei gleichem Radstand (2.893 mm) in der Länge auf 4.878 mm (+ 77) und in der Breite auf 1.984 mm (+ 44) zu. Dazu ist das SUV um 106 Kilogramm leichter geworden und bietet im Innenraum merklich mehr Platz, obwohl es in der Höhe um sieben Millimeter auf 1.702 Millimeter geschrumpft ist.

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Rundum vernetzt

Die Platzverhältnisse im Innenraum sind fürstlich: Weder Beine, noch Kopf oder Schulter ecken irgendwo im Fahrzeug oder beim Nebenmann an. Um noch mehr Platz im Fond zu schaffen, lassen sich zudem die Rücksitzbank in Längsrichtung verschieben und die Lehnen in ihrer Neigung verstellen, allerdings nur manuell. Elektrisch lassen sich hingegen die Vordersitze verstellen. Außerdem verfügen die bequemen Vordersitze über eine ganze Reihe von Wohlfühlprogrammen, darunter Massage, Heizung und Belüftung. Und auch die zweite Reihe ist komfortabel ausgestattet: Neben einer Sitzheizung und -kühlung stehen den Fondpassagiere eine eigene Klimazone und zahlreiche Lademöglichkeiten für Smartphone und Co. zur Verfügung, damit beim Surfen im Fahrzeug die Energie nicht ausgeht. Denn der Touareg ist mit einer sogenannten „eSIM“ ausgestattet, mit der man permanent online unterwegs ist. Außerdem an Bord sind eine induktive Ladestation vorne sowie ein WLan-Hotspot für bis zu acht Geräte. Mittels „App Connect“ können die Apps wie bei einem Smartphone hin und her geschoben werden.

Viel Displayfläche und viele Informationen

Gespiegelt werden die Apps auf dem neuen, volldigitalen „Innovision“-Cockpit, das erstmalig im Touareg zum Einsatz kommt. Dabei verschmilzt der 12-Zoll-Bildschirm für die digitalen Instrumente mit dem leicht zum Fahrer geneigten 15-Zoll-Touchscreen für das Infotainment sowie Assistenz- und Komfortsysteme. Beide Einheiten fügen sich fließend in das elegant geschwungene Cockpit ein. Außerdem ist übersichtliches farbiges Head-up-Display an Bord, das die wichtigsten Informationen gestochen scharf auf die Windschutzscheibe projiziert. Über den zentralen Bildschirm lassen sich die Vierzonen-Klimaanlage steuern, die Sitzheizung und die Massagefunktion einstellen und die zahlreichen Assistenzsysteme bedienen.

Bis die Bedienung locker von der Hand geht, braucht es allerdings eine Eingewöhnungszeit, denn die meisten Funktionen sind mit Symbolen und nicht mit Wörtern gekennzeichnet. Wer keine Lust hat sich durch das Menü zu arbeiten, kann für einfache Funktionen wie Navi- oder Radioeinstellungen den Sprachassistenten nutzen. Die Klimaanlage lässt sich leider noch nicht mit einem simplen „mir ist kalt“ steuern, so wie beim neuen Porsche 911.

Assistenten für viele Gelegenheiten

Hat man den Dreh für die Bedienung einmal raus, so kann man die zahlreichen Assistenten aktivieren. Beispielsweise den optionalen Stauassistenten, der für einen bestimmten Zeitraum und mit Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h eigenständig bremst, lenkt und beschleunigt. Für zusätzliche Sicherheit sorgen ein Frontassistent mit City-Notbremsfunktion, ein Kreuzungsassistent mit Querverkehrswarner vor dem Auto und eine Verkehrszeichenerkennung. Der Spurhalte- und Spurwechselassistent übernimmt für eine gewisse Zeit souverän und gekonnt ohne Zutun des Fahrers die Kontrolle über das Fahrgeschehen, eher er dann stufenweise die Aufmerksamkeit des Fahrers einfordert. Bleibt sie aus, wird das System verbindlich: erst visuell, dann auditiv und schließlich haptisch, indem es kurz aber heftig die Bremse betätigt.

Infrarot- und LED-Technik

Neu im Flaggschiff ist außerdem die Nachtsichtunterstützung „Nightvision“: Sie erkennt per Infrarotkamera Menschen und Tiere am Fahrbahnrand und markiert sie auf dem Display je nach Risiko gelb oder rot. Bremsen sowie Bremsassistenten werden automatisch in Einsatzbereitschaft gebracht, um im Falle eines Unfalls schnell zu reagieren. Springt tatsächlich einmal ein Reh in der Dunkelheit über die Landstraße piept und blinkt es laut und schrill im Fahrzeug. Das hätte Volkswagen vielleicht etwas dezenter lösen können.

Damit es nicht so weit kommt, ist der Touareg mit den neuen, ultrahellen LED-Matrixscheinwerfern ausgestattet: Gesteuert werden die jeweils 128 LEDs auf jeder Seite über einen Rechner: Er verarbeitet Signale der Frontkamera, digitale Kartendaten des Navigationssystems und GPS-Signale sowie Lenkeinschlag und aktuelle Geschwindigkeit – um innerhalb von Sekunden die einzelnen LEDs für die Situation zu aktivieren, zum Beispiel bei Gegenverkehr mit eingeschaltetem Fernlicht. Hier hat das System einwandfrei und blitzschnell reagiert.

Luftfederung und Hinterachslenkung

Gleiches gilt für die Luftfederung: Ab einer Geschwindigkeit von 120 km/h senkt sich das SUV um bis zu 35 Millimeter ab und verringert so den Luftwiderstand. Dank der 48-Volt-Wankstabilisierung an Vorder- und Hinterachse passt sich das Fahrzeug blitzschnell an die jeweilige Situation an, indem die elektromechanischen Stabilisatoren gegeneinander verdreht oder entkoppelt werden. Dadurch verringert sich die Seitenneigung in Kurven, während sich im Gelände durch Entkopplung die Verschränkung der Achsen verbessert.

Trotz seiner Länge von 4.878 mm lässt sich der Touareg auch in der Stadt problemlos manövrieren: Grund ist die optionale Allradlenkung, die bis zu einer Geschwindigkeit von 37 km/h die Hinterräder entgegengesetzt zu den Vorderrädern lenken lässt, was den Wendekreis auf 11,19 Meter verringert. Bei über 37 km/h schlagen die Hinterräder gleichsinnig zu den Vorderrädern ein, dadurch bekommt das Fahrzeug mehr Stabilität beim Spurwechsel.

Zusätzlich ist auch die dritte Generation serienmäßig mit einem permanenten Allradantrieb ausgestattet, der sich sowohl auf Onroad- als auch auf Off-Fahrprofile einstellen lässt. Die Aktivierung der Fahrmodi sowie des Allradantriebs erfolgt entweder über zwei analoge Dreh-Drücksteller in der Mittelkonsole oder über den Touchscreen in der Mittelkonsole.

Kräftig und leise

Je nach Einstellung gleitet oder spurtet das 2,4-Tonnen schwere SUV über die Landstraße oder die Autobahn. Dabei schüttelt der 286-PS-Diesel die Kraft lässig aus den Töpfen ohne dabei zu angestrengt zu wirken. Lediglich beim zügigen Ampelstart oder bei höheren Touren wirkt er auch mal etwas heiser und lauter, insgesamt bleibt es aber angenehm leise an Bord. Selbst bei Tempo 190 ist ein lockerer Plausch mit dem Hintermann ohne Gebrüll möglich. Die Achtgang-Automatik reagiert je nach Modus mal schneller, mal gemütlicher aber insgesamt sehr harmonisch.

Weniger ausgewogen ist der Verbrauch des nicht gerade windschnittigen Dickschiffs. VW gibt einen Verbrauch von 6,6 Liter für 100 Kilometer an. Weit gefehlt: Bei unseren etwas zügigeren Testfahrten sind wir auf 10,9 Liter gekommen und im Mittel verlangte der Diesel rund 8,2 Liter. Nicht gerade sparsam, aber wir haben aufgrund der Größe und des Gewichts auch nicht wirklich etwas anderes erwartet. Gibt man den Eco-Assistenten allerdings eine Chance und hält sich auf der Autobahn an die Richtgeschwindigkeit von nicht mehr als 130 km/h, sinkt der Wert auf tatsächliche 7,2 Liter Diesel pro 100 Kilometer.

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Den Hybriden gibt es nur in China

Gleiches gilt im Übrigen für den Preis: Zwar ist der Touareg mit dem zwei 3,0-Liter-V6-Turbodiesel mit 210 kW/286 PS und einem Grundpreis von 60.675 Euro ein eher günstigeres Full-Size-SUV, aber so wie unser Testwagen da steht, kommt er auf 100.000 Euro. Grund ist die seitenlange Liste der optionalen Features. Was wir allerdings gerade für Deutschland vermisst haben, ist eine Plug-in-Hybrid-Variante des Flaggschiffs. Diese ist bislang nur für China vorgesehen. Mal abwarten, ob VW im Zuge seiner Elektrostrategie seinem neuen Luxus-SUV nicht doch noch eine Elektrounterstützung für Deutschland spendiert.

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Über den Autor

 Jens Scheiner

Jens Scheiner

Redaktioneller Mitarbeiter Online/Print, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE