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Wirtschaft Autobranche: Schon jetzt doppelt so viele Insolvenzen wie im Vorjahr

| Autor: Svenja Gelowicz

Bereits im ersten Halbjahr gab es in der Autobranche mehr Insolvenzanträge als im gesamten Jahr 2019. Drei Gewerke stehen dabei besonders unter Druck – und ausgerechnet Tesla könnte diesen dank eines Vorstoßes noch erhöhen.

Insolvenzen nehmen vor allem bei den Automobilzulieferern zu.
Insolvenzen nehmen vor allem bei den Automobilzulieferern zu.
(Bild: Volkswagen)

In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres haben in der Automobilbranche mehr Unternehmen Insolvenz angemeldet, als im gesamten vergangenen Jahr. Das zeigt eine Auswertung des Finanzberatungsunternehmens Falkensteg. 31 Unternehmen mit einem Jahresumsatz über zehn Millionen Euro sind demnach im Zeitraum von Januar bis Juni so unter Druck geraten, dass sie den Gang zum Insolvenzgericht antreten mussten. 2019 gab es insgesamt 30 Insolvenzen. Die jüngsten Meldungen kamen beispielsweise vom Werkzeugmaschinenhersteller Gehring, dem Kunststoffspezialisten Minda, dem Aluminiumgussexperten Finoba oder der Gießerei KSM Castings.

Die meisten Anträge kamen dabei von Gießereien (sieben Unternehmen), Kunststoffteilehersteller (fünf Unternehmen) und Oberflächenveredlern (vier Unternehmen). Die beiden Erstgenannten stehen dabei schon länger unter massivem Kostendruck.

Bei den Gießereien und den Produktionsanlagenbauern dürfte die neue Gusstechnik von Tesla in einigen Monaten zusätzlich einen erheblichen Veränderungs- und Innovationsdruck verursachen, schätzt Falkensteg-Partner Johannes von Neumann-Cosel. Tesla-Chef Elon Musk hat jüngst angekündigt, mithilfe von Aluminiumdruckguss die Teilezahl von bislang 70 auf zunächst vier und später eins zu reduzieren.

Die Auswertung der Beratung zeigt weiterhin, dass nun auch vor allem die umsatzstarken Unternehmen in Schwierigkeiten geraten sind. Während 2019 sieben Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro einen Insolvenzantrag gestellt haben, waren es im ersten Halbjahr 2020 schon 14. „Bei den Großinsolvenzen ist die befürchtete Insolvenzwelle aufgrund der Corona-Pandemie schon angekommen und das zweite Halbjahr zeigt keine Entspannung. Deshalb könnten bis Dezember mehr als 60 Firmen in die Insolvenzen gehen“, sagt Johannes von Neumann-Cosel.

Schutzmaßnahmen laufen aus

Experten rechnen mit der großen Insolvenzwelle erst im Herbst, wenn die Schutzmaßnahmen der Bundesregierung auslaufen. Dass dieses Instrument nicht verlängert wurde, findet von Neumann-Cosel richtig. „Eine weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht wird die Probleme der Branche nicht lösen. Weiterhin spricht gegen eine Verlängerung das Risiko, dass diese Unternehmen langfristig ihren Verpflichtungen nicht nachkommen werden können und der Schaden für Lieferanten und Kunden steigt.“ Stattdessen würde die Verlängerung der Bezugsdauer der Kurzarbeit auf 24 Monate den angeschlagenen Unternehmen helfen.

Den Zulieferern geht das Geld aus

Gerade die Automobilzulieferer stehen schon seit geraumer Zeit vor massiven Problemen. Die Investitionen in neue Technologien sind hoch, der Strukturwandel in der Branche und die Coronakrise mit den massiven Absatzeinbrüchen drücken stark auf die Portemonnaies. Staatliche Kredite durften einige Unternehmen nicht aufnehmen, da sie nicht pandemiebedingt in die Krise geraten sind, heißt es in einer Mitteilung von Falkensteg.

Zulieferer sollten sich um ihr Liquiditätsmanagement bemühen, so die Beratung. Entlastung bringen können neben staatlichen Hilfen wie KfW-Kredite auch genehmigte Überziehungslinien. Langfristige Finanzierungen sollten frühzeitig gestartet und auch jenseits der bestehenden Finanzierungspartner geprüft werden.

Schutzschirmverfahren: Früh genug die Hand heben

Ist ein Unternehmen in finanzielle Engpässe geraten, kann eine Sanierung im Rahmen eines Schutzschirmverfahrens zum Erfolg führen. In der besonderen Form der Eigenverwaltung können Unternehmen bereits einen Antrag stellen, obwohl sie nur drohend zahlungsunfähig sind. Der Entwicklungsspezialist Nanogate oder das junge E-Auto-Unternehmen E.Go Mobile nutzen diesen Rettungsschirm. „Die Erfolgsaussichten für die Sanierung sind sehr hoch“, sagt von Neumann-Cosel, je früher der Antrag gestellt wird, umso größer seien die Handlungsoptionen. Die Unternehmensleitung behält dabei weiter die Zügel in der Hand, ein Insolvenzgericht und ein vorläufiger Sachwalter beaufsichtigen diese.

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 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin