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Wirtschaft

Mobilitäts-Start-ups: Die Jagd nach den Einhörnern

| Autor/ Redakteur: Jan Dannenberg* / Maximiliane Reichhardt

Die Start-up-Branche hat bei Mobilitätsangeboten eine wichtige Rolle als Innovator übernommen. Das weckt Begehrlichkeiten bei angestammten und neuen Akteuren in der Automobilindustrie. Doch die Nachfrage übertrifft oft das Angebot.

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Lyft ist einer der Fahrdienste, die als Start-up in den vergangenen Jahren am umfangreichsten finanziert wurden.
Lyft ist einer der Fahrdienste, die als Start-up in den vergangenen Jahren am umfangreichsten finanziert wurden.
(Bild: Lyft)

Die Wucht, mit der die Digitalisierung die Automobilindustrie getroffen hat, lässt sich heute schon an einem Wert ablesen: 119 Milliarden Euro. Das ist die Summe, die bislang an Risikokapital und sonstigen Finanzmitteln in Start-ups der Mobilitätsindustrie geflossen ist. Das ergab die aktuelle Studie „How Mobility Start-ups Transform the Global Automotive Industry“ von Berylls Strategy Advisors. Untersucht wurden dafür 1.003 Neugründungen, mit teilweise verblüffenden Ergebnissen.

Schon heute zeigt sich die Wirkung neuer, digitaler Geschäftsmodelle auf den Straßen. In den USA und teilweise auch in China haben die großen Fahrdienstvermittlungen, neudeutsch „Ride Hailers“, bereits das Mobilitätsverhalten verändert. In vielen Städten werden keine Taxidienste mehr an den Flughäfen angeboten. Systematisch bauen Mobilitätsdienstleister ihr Netz landes- bis weltweit aus.

Begehrte Fahrdienste

Von den zehn am umfangreichsten finanzierten Start-ups setzen sechs auf Fahrdienste: DiDi (China), Uber (USA), Grab (Singapur), Ola (Indien), Lyft (USA), Ucar (China). Beispielweise hat Lyft in den sieben Jahren seit seiner Gründung eine Abdeckung von 95 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung erreicht. Die Dienste sind in 700 Städten verfügbar, und mit einem Börsenwert von 15,6 Milliarden US-Dollar und einem Umsatz von 2,16 Milliarden US-Dollar ist Lyft nur eines der Erfolgsbeispiele der Digitalisierung.

Die weiteren Unternehmen der Top 10, Tesla, NIO, Faraday Future und Cruise, beschäftigen sich mit der Herstellung von Elektrofahrzeugen bzw. dem autonomen Fahren. Insgesamt erhielten die zehn größten Start-ups bislang 49 Prozent des gesamten Risikokapitals.

Schwerpunktsegmente bei Mobilitäts-Start-ups

Die Schwerpunktsegmente bei Mobilitäts-Start-ups sind heute: Ride Hailing (mit 44,1 Milliarden Euro an Risikokapital), Fahrzeugbau und hier vor allem elektrisch und automatisiert fahrende Automobile (28,4 Milliarden Euro), Shared Mobility wie Share Now (15,8 Milliarden Euro), Elektrik-/Elektronikkomponenten als Zulieferteile (11,6 Milliarden Euro), Konnektivitätslösungen für Fahrzeuge (1,8 Milliarden Euro), Gebrauchtfahrzeugvertrieb (1,6 Milliarden), Bezahlsysteme (1,5 Milliarden Euro), Letzte-Meile-Gütertransport (1,5 Milliarden Euro), digitale Infrastruktur-Konnektivität (1,1 Milliarden Euro) sowie Industrie-4.0-Anwendungen für die Automobilindustrie (1,0 Milliarden Euro).

Die drei führenden Segmente ziehen bereits 75 Prozent der Investitionsmittel auf sich, die zehn größten decken schon über 90 Prozent ab. Dabei wurden von Berylls über 150 Sektoren entlang der automobilen Wertschöpfungskette untersucht. Dies belegt das enorme Potenzial für weitere Start-ups in neu entstehenden Sektoren.

Großer Bedarf wird entstehen in Start-up-Segmenten wie Cloud Services & Cyber Security, Sensorik und deren Systemintegration im Zusammenhang mit automatisiertem Fahren (Lidar, Radar etc.), physischer und digitaler Infrastruktur zum Betreiben von Elektrofahrzeugen, neuen HMI-Systemen (Human-Machine-Interface) wie Augmented Reality, Sprach- und Gestenerkennung, Konnektivitätsdiensten fürs Fahrzeug (Ferndiagnose, -steuerung etc.) oder auch Fahrzeugabonnements.

Schon heute zeigt sich, dass diese und weitere Bereiche bezüglich Ideengenerierung, Unternehmertum und Risikokapital unterrepräsentiert sind. Es werden sich also auch in Zukunft vielfältige Möglichkeiten für Neugründungen ergeben.

Deutsche holen auf

Eine für die deutsche Automobilindustrie erfreuliche Tendenz ist die steigende Bereitschaft im deutschsprachigen Raum, neue digitale Geschäftsmodelle mit Hilfe von Risikokapital aufzubauen bzw. zu unterstützen. In den vergangenen drei Jahren sind mehr als 30 Start-ups in der DACH-Region entstanden, die innovative Mobilitätslösungen anbieten. Zwar haben Berlin und München noch lange nicht den Status des Silicon Valleys oder Tel Avivs erreicht, doch immer häufiger entstehen junge (Automobilitäts-)Firmen auch in Deutschland.

Zudem haben alle deutschen Automobilhersteller sowie die großen Zulieferer wie Bosch, ZF, Conti oder Mahle erkannt, dass sie über Risikokapital Zugang zu technologischen Innovationen erhalten. Darüber hinaus investieren auch andere deutsche DAX-Unternehmen, wie Allianz oder Siemens in Mobilitäts-Start-ups. War im Jahr 2017 noch Daimler der aktivste Investor/Käufer bei Start-ups, so war es 2018 BMW. Die BMW Group und BMW iVenture haben sich ihre Beteiligungen/Übernahmen von Parkmobile, Drive Now, Moovit, Fair.com, May Mobility, Caroobi, Lunewave, Critical Tech Works oder Graphcore einiges kosten lassen – sie waren an Finanzierungen von über 300 Millionen Euro mitbeteiligt.

Der Hype um weitere Einhörner ist noch lange nicht beendet. Dass diese auch aus Deutschland kommen können, zeigt das Beispiel AUTO1.com aus dem Jahr 2018. Als europaweit führender Online-Marktplatz mit einem eigenen Bestand an Fahrzeugen hat sich das Unternehmen auf gewerbliche Automobil-Großhändler konzentriert. Zudem betreibt die Gruppe auch die Internetplattform „WirKaufenDeinAuto“ für den Aufkauf von privaten Fahrzeugen.

Für einen 20-Prozent-Anteil an AUTO1.com hat der sehr umtriebige japanische Investor Soft-Bank 460 Millionen Euro bezahlt. Damit ist das Berliner Start-up mit einer Bewertung von 2,3 Milliarden Euro ein waschechtes Einhorn.

Jan Dannenberg ist einer der Gründungspartner der Managementberatung Berylls.

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